Vierfachmord in den Alpen Ein Schuss in den Kopf, zwei in den Körper

Der Vierfachmord in den französischen Alpen beschäftigt Ermittler in mehreren Ländern. Sie versuchen in Großbritannien, Schweden und Irak Licht in die Lebensgeschichte der Opfer zu bringen. Große Hoffnung setzen die Fahnder auf die siebenjährige Tochter, die derzeit im Koma liegt. Was hat sie gesehen?

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Claygate ist ein wohlhabender Vorort im Londoner Speckgürtel. Anwohner schätzen die Ruhe, die Wälder und die Zugverbindung, die sie in einer halben Stunde in die Londoner Innenstadt bringt. Die Gegend ist beliebt bei Hobby-Radfahrern. Saad H. war einer von ihnen.

Der 50-jährige britische Ingenieur, der am Mittwoch mit Frau und Schwiegermutter in seinem Auto in den französischen Alpen tot aufgefunden wurde, wohnte in einem der Fachwerkhäuser im Tudor-Stil. Als er vor einigen Wochen in den Urlaub aufbrach, ahnte niemand, dass er nicht zurückkommen würde. Entsetzte Nachbarn zeichnen das Bild einer glücklichen Familie.

Saad H., der in den siebziger Jahren mit seinen Eltern aus Bagdad nach London gekommen war, lebte seit 1984 in dem Haus in Claygate. Er galt als perfekter Familienvater, vernarrt in seine kleinen Töchter Zainab, 7, und Zenna, 4. Im Garten hatte er sich ein Büro für seine Computerdesign-Firma eingerichtet, seine Frau Iqbal wollte im Herbst wieder anfangen, als Zahnärztin zu arbeiten. Nachbarn beschreiben das Paar als freundlich und hilfsbereit. Vor der Tür des Familiendomizils wurden Blumensträuße und Kerzen abgelegt.

Die Ermordung der Familie gibt den Ermittlern in Frankreich Rätsel auf. Die Leichen wurden auf einem Waldparkplatz in der Gegend von Annecy entdeckt. Der Motor von Saad H.s weinrotem BMW-Kombi lief noch. Vater, Mutter und eine ältere Frau saßen leblos im Auto, offensichtlich hingerichtet durch gezielte Kopfschüsse. Der französische Staatsanwalt Eric Maillaud sagte am Freitagnachmittag, dass auf jedes Opfer mindestens drei Mal geschossen worden sei: Einmal in den Kopf, mindestens zwei Mal in den Körper.

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"Der Instinkt sagt uns, dass es mehr als einen Verdächtigen gibt"

Die ältere Tochter war verwundet, die jüngere war unverletzt, sie hatte sich rund acht Stunden im Fußraum unter dem Rock der Mutter versteckt. Ebenfalls getötet wurde ein französischer Radfahrer, der offenbar zufällig vorbeigekommen war.

Die Hoffnungen der Ermittler ruhen nun auf der älteren Tochter. Die beiden Kinder sind die einzigen bekannten Zeugen der Tat. Die kleinere wurde bereits befragt, konnte der Polizei aber außer mit der Identifikation ihrer Eltern nicht weiterhelfen. Sie werde bald nach Großbritannien zurückkehren, sagte Staatsanwalt Maillaud. Die ältere liegt noch in einem künstlichen Koma im Krankenhaus von Grenoble. "Wir hoffen sehr, dass sie beschreiben kann, was sie gesehen hat", so Maillaud am Freitagnachmittag. Beide Mädchen werden bewacht und von britischen Botschaftsangehörigen betreut.

Bis zu 100 Fahnder arbeiten an dem Fall. Behörden in Großbritannien, Schweden und Irak sind eingeschaltet, um Licht in die Lebensgeschichte der Opfer zu bringen. Die Frau des 50-Jährigen wuchs Berichten zufolge in Schweden auf. Von der älteren Frau, die ebenfalls erschossen wurde, ist ein schwedischer Pass gefunden worden. Bisher war davon ausgegangen worden, dass sie die Großmutter der Mädchen ist, doch die Vierjährige sagte bei ihrer Befragung, sie habe die Frau nicht so gut gekannt. Auch die Familiengeschichte der Eltern des Vaters im Irak wird untersucht.

Doch eine heiße Spur haben die Ermittler nicht. Der Polizei fehlen Tatwaffe und Motiv. Auch die Zahl der Täter ist unbekannt. Staatsanwalt Maillaud sagte dem Sender France 24: "Es scheint schwer vorstellbar, dass so viele Schüsse von einem Täter abgefeuert wurden. Der Instinkt sagt uns, dass es mehr als einen Verdächtigen gibt."

"Spekulationen helfen nicht weiter"

Saad H.s Bruder, der nicht weit von Claygate wohnt, wurde von der britischen Polizei befragt, weil es einen Familienstreit um eine Erbschaft geben soll. Er beteuerte seine Unschuld. Maillaud betonte, dies sei nur einer von mehreren Ermittlungssträngen. Es sei schwer vorstellbar, dass ein Familienstreit zu einem Vierfachmord führe. Frühere Berichte britischer Medien, Saad H. sei dem britischen Geheimdienst bekannt gewesen, dementierte der Staatsanwalt.

Die gezielten Kopfschüsse nährten Spekulationen, dass hier Profis am Werk waren. Doch in wessen Auftrag? Und warum? Peter Ricketts, der britische Botschafter in Frankreich, warnte vor voreiligen Schlüssen. Man müsse die Polizei ihre Arbeit machen lassen, sagte er der BBC. "Spekulationen helfen nicht weiter."

Aufschluss erhoffen sich die Ermittler von Analysen der 25 Patronen, die am Tatort gefunden wurden. Auch die Obduktion der Leichen könnte neue Erkenntnisse zum Tathergang bringen. Staatsanwalt Maillaud sagte, die Familie sie nicht zum ersten Mal in der französischen Alpenregion gewesen.

Augenzeugen in der Nähe des Tatorts berichteten von einem allradgetriebenen Wagen, der mit hoher Geschwindigkeit die Straße von dem Parkplatz herunterkam. Allerdings gingen die Angaben zur Wagenfarbe auseinander: Mal war er weiß, mal dunkel. Staatsanwalt Maillaud sagte, der Radfahrer, der die vier Leichen entdeckt hatte, habe von einem grünen Allradwagen berichtet. Der Mann habe vor seiner Entdeckung nichts gehört, Maillaud konnte aber nicht sagen, ob ein Schalldämpfer benutzt wurde.



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