Vierfachmord Staatsanwalt vermutet Schlüssel zum Fall in Großbritannien

Der Mann, der die vier Toten in den Alpen entdeckte, hat erstmals öffentlich die grauenhafte Szenerie am Tatort geschildert. Wer die Morde begangen hat, ist weiterhin unklar. Die Gründe liegen dem französischen Staatsanwalt zufolge in Großbritannien.

Informationen aus London: Ermittler Rob Price, Staatsanwalt Eric Maillaud und Richter Michel Mollin
AFP

Informationen aus London: Ermittler Rob Price, Staatsanwalt Eric Maillaud und Richter Michel Mollin


London - William Brett Martin ist ehemaliger Soldat, 53 Jahre alt und kam durch Zufall am Tatort vorbei: Er war es, der am 5. September die vier Leichen einer britischen Familie mit irakischen Wurzeln sowie eines französischen Radfahrers entdeckte. In einem Interview mit der BBC hat er nun erstmals öffentlich geschildert, wie er den grausamen Fund machte: "Ich dachte erst, es handelt sich um einen Verkehrsunfall mit einem Auto und einem Fahrradfahrer." Erst später sei ihm klar geworden, dass es sich um ein Verbrechen handeln musste. Es habe gewirkt "wie in einer Hollywood-Szene".

Martin beschrieb in dem Interview, dass der Motor des Autos noch lief, als er sich näherte. Dann sei ein Mädchen, die siebenjährige Tochter der Familie, "jammernd und blutend" umhergestolpert. Martin kümmerte sich um das schwerverletzte Kind, das immer wieder das Bewusstsein verlor. Die Leichen der Familie entdeckte er, als er den Motor des Autos abstellte.

Als er mit seinem Handy Hilfe rufen wollte, habe er keinen Empfang gehabt. Sollte er das verletzte Mädchen mitnehmen, um Hilfe zu holen, oder es zurücklassen? William Brett Martin entschied sich, alleine aufzubrechen - das Kind zu tragen, hätte seine Verletzung verschlimmern können: "Es war keine einfache Entscheidung."

Das zweite Kind, die vier Jahre alte Tochter der Familie, habe er nicht bemerkt. Das Mädchen war erst acht Stunden nach Eintreffen der Polizei gefunden worden - es hatte sich unter der Leiche seiner Mutter versteckt.

"Die Gründe liegen zweifelsohne in diesem Land"

Am Mittwoch vergangener Woche waren in den Alpen bei Annecy ein 50 Jahre alter Brite mit Wurzeln im Irak, seine Frau und seine Schwiegermutter sowie ein Fahrradfahrer aus Frankreich erschossen worden.

Wer die Morde begangen hat, ist weiterhin unklar. Aber die Ermittler scheinen sich auf das Umfeld der Familie zu fokussieren. Der französische Staatsanwalt Eric Maillaud, der Donnerstagfrüh nach Großbritannien gereist ist, sagte: "Die Gründe liegen zweifelsohne in diesem Land." Nur gemeinsam könnten die britischen und französischen Ermittler den oder die Mörder finden.

Polizisten durchsuchten erneut die Umgebung des Hauses der Familie. Die schwerverletzte Siebenjährige ist inzwischen aus dem Koma erwacht, konnte aber noch nicht ausführlich befragt werden.

Da es bei der Zusammenarbeit zwischen britischen und französischen Behörden Probleme gegeben hatte, war bereits vergangene Woche ein französisches Team nach Großbritannien gereist. "Wenn zwei unterschiedliche Rechtssysteme aufeinandertreffen, kann das zu Herausforderungen führen", sagte der Leiter des britischen Ermittlungsteams, Rob Price. Man habe die Probleme aber nun überwunden.

amp/dpa



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