Vierfachmord in den Alpen Das Rätsel von Chevaline

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: In den französischen Alpen wird eine Urlauberfamilie aus England mit zahlreichen Schüssen getötet. Details aus dem Leben der Opfer werden bekannt - doch drei Wochen nach dem Verbrechen sind die Ermittler noch immer ratlos.

AP

Von und Petra Truckendanner, London und Paris


Die Beweislage könnte schlechter kaum sein: Es gibt vier Leichen, 25 leere Patronenhülsen und die Aussage einer siebenjährigen Überlebenden, es habe "einen Bösen" gegeben. Viel mehr haben die Ermittler nicht vorzuweisen, aus diesen Puzzleteilen müssen sie einen der rätselhaftesten Mordfälle der vergangenen Jahre rekonstruieren.

Drei Wochen nach dem brutalen Überfall auf eine britische Urlauberfamilie in den französischen Alpen sind die Behörden auf beiden Seiten des Ärmelkanals noch immer ratlos. Wie war der Tathergang? Wer waren die Täter - und was ihr Motiv? Welche Tatwaffen gab es? All diese Fragen sind offen. Die Fortschritte bei den Ermittlungen seien minimal, räumen die Fahnder ein.

"Wir tappen in dem Fall noch völlig im Dunkeln", sagte Eric Maillaud, Staatsanwalt von Annecy, SPIEGEL ONLINE. Am 5. September waren der britische Ingenieur Saad H., 50, seine Frau Iqbal, 47, und seine Schwiegermutter Suhaila A., 74, auf einem Waldparkplatz in der Nähe des französischen Dorfs Chevaline tot aufgefunden worden. Ihre Leichen befanden sich in H.s weinrotem BMW-Kombi, der Motor lief noch. Neben dem Wagen fand die Polizei die Leiche des französischen Radfahrers Sylvain M. Alle vier waren erschossen worden.

Das Mordmotiv sei nicht eindeutig, man müsse alle Optionen in Betracht ziehen, so Maillaud. Die Ermittler vernehmen Zeugen, sie untersuchen das Privat- und Berufsleben des ermordeten Vaters Saad H. "Unser Ziel ist es, Minute für Minute nachzuzeichnen, was der Familie vor dem Mord passiert ist."

Ermittler tauschen Informationen aus

Die einzigen bislang bekannten Augenzeugen des Blutbads sind die beiden kleinen Töchter der Familie. Die vierjährige Zeena versteckte sich im Fußraum des Autos unter dem Rock ihrer Mutter. Sie blieb unverletzt. Ihre siebenjährige Schwester Zainab wurde angeschossen, überlebte aber. Beide konnten den Behörden offenbar nicht wirklich weiterhelfen, sie sind schwer traumatisiert. Zeena berichtete von Schreien, über Zainabs bisherige Angaben halten sich die Ermittler bedeckt. Beide Mädchen sind inzwischen zurück in Großbritannien - an einem geheimen Ort.

Auch der britische Radfahrer Brett M., der die Leichen entdeckt hatte, konnte der Polizei keinen entscheidenden Tipp geben. Er hatte unmittelbar vor seinem grausigen Fund einen allradgetriebenen Wagen in hoher Geschwindigkeit aus Richtung des Tatorts kommen sehen. Details hatte er sich jedoch nicht gemerkt.

Um ihre Schlagkraft zu erhöhen, haben die französischen und britischen Behörden vergangene Woche ein gemeinsames Ermittler-Team gegründet. Unter Leitung von Maillaud arbeiten nun die Gendarmerie, die englische Staatsanwaltschaft und die Polizei der Grafschaft Surrey zusammen. Haftbefehle sind auf beiden Seiten des Ärmelkanals gültig, alle Informationen werden ausgetauscht. Die beiden Jurisdiktionen würden "wie ein Land" behandelt, sagt Maillaud. Die grenzüberschreitenden Ermittlungen hätten zu Verzögerungen geführt. So sei eine Anfrage der Franzosen zunächst von den britischen Behörden abgelehnt worden, weil beide Länder mit unterschiedlichen juristischen Grundlagen arbeiteten. Das habe man nun durch die enge Zusammenarbeit verbessert.

Untersuchung der Patronenhülsen

Um einen Haftbefehl auszustellen, bräuchten die Ermittler allerdings erst mal einen Verdächtigen. Und daran hapert es bislang. Sie wissen noch nicht einmal, ob sie nach einem oder mehreren Tätern suchen müssen. Die große Zahl der Patronenhülsen am Tatort spricht laut Maillaud gegen einen Auftragskiller. "Wir schließen auch die Hypothese nicht aus, dass die Tat von einem Verrückten begangen wurde."

Augenzeugin Zainab hatte den Ermittlern gesagt, sie habe nur "einen Bösen" gesehen. Die Aussage des Kindes wird jedoch noch nicht als Beweis der Einzeltäterthese gesehen.

Aufschluss geben könnte die Untersuchung der Patronenhülsen, sie sind alle von der gleichen Sorte. Unklar ist, ob sie aus derselben Waffe oder aber aus verschiedenen Waffen gleicher Bauart stammen. Die Ergebnisse sollen im Oktober vorliegen.

Auch die Motive des Täters sind noch immer unklar. Staatsanwalt Maillaud sagte zwar, die Gründe für den Mord seien in Großbritannien zu suchen - weitere Details nannte er aber nicht. Die Fahnder arbeiten an mindestens drei Ermittlungssträngen:

  • Familienstreit um Geld: In H.s Familie soll es einen Disput um eine Erbschaft gegeben haben. H.s Bruder wurde deshalb von der Polizei befragt, beteuert aber seine Unschuld.
  • Berufsgeheimnisse: H. arbeitete als selbständiger Computerdesigner in der Luftfahrtbranche. Es wird daher gemutmaßt, dass er an sensiblen Projekten beteiligt gewesen sein könnte.
  • Vorgeschichte im Irak: H. war in den siebziger Jahren mit seinen Eltern nach Großbritannien eingewandert. Es ist unklar, welche familiären Bande er noch in den Irak hat. Die Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden gestaltet sich allerdings schwierig.

In den vergangenen Wochen sind Details aus H.s Leben ans Licht gekommen. Die französische Regionalzeitung Sud-Ouest etwa berichtete, H. habe neben seinem Haus im Londoner Vorort Claygate auch ein Ferienhaus im Südwesten Frankreichs in der Nähe von Bordeaux besessen. Er habe das Haus in den neunziger Jahren gekauft und sei mehrere Male allein zum Renovieren da gewesen. Allerdings sei es bis heute baufällig. Allein: Die Ermittler bringt auch diese Information nicht wirklich weiter.

"Ich fürchte, die Ermittlungen werden sich noch Monate hinziehen", sagte Staatsanwalt Maillaud. "Aber vielleicht sind meine Ermittler gerade in diesem Moment dabei, eine neue Spur zu finden, die hilft, den Fall rasch zu lösen."

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z_beeblebrox 26.09.2012
1. Wie bitte?
Zitat von sysopAPEs ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: In den französischen Alpen wird eine Urlauberfamilie aus England mit zahlreichen Schüssen getötet. Details aus dem Leben der Opfer werden bekannt - doch drei Wochen nach dem Verbrechen sind die Ermittler noch immer ratlos. Vierfachmord in den Alpen: Ermittler stehen vor einem Rätsel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vierfachmord-in-den-alpen-ermittler-stehen-vor-einem-raetsel-a-857607.html)
Man ist ratlos? Das ist doch absolut lächerlich. Jedes Kind könnte ein wenig recherchieren und hätte sofort die Richtung, wo es die Täter zu ermitteln gilt. Kein Frage, es handelt sich um einen Insiderjob - dürfte in Richtung franz. Geheimdienst gehen.
uchawi 26.09.2012
2.
Zitat von z_beeblebroxMan ist ratlos? Das ist doch absolut lächerlich. Jedes Kind könnte ein wenig recherchieren und hätte sofort die Richtung, wo es die Täter zu ermitteln gilt. Kein Frage, es handelt sich um einen Insiderjob - dürfte in Richtung franz. Geheimdienst gehen.
Mensch, wenn die britischen und französischen Ermittler nur so clever wären, mal bei Ihnen nachzufragen. Dann wäre die Sache längst erledigt. Aber nein, da werden Zeit und Steuergelder noch und nöcher verschwendet, nur um sinnlos in verschiedene Richtungen zu ermitteln. Dabei haben Sie den Fall bereits anhand der mageren und vorselektierten Fakten aus der Presse locker gelöst. Lassen Sie mich raten: Sie gucken gern Krimis und die Bourne-Trilogie gehört zu Ihren Lieblingsfilmen ...
ChrisQa 26.09.2012
3. Überlebende
Zitat von z_beeblebroxMan ist ratlos? Das ist doch absolut lächerlich. Jedes Kind könnte ein wenig recherchieren und hätte sofort die Richtung, wo es die Täter zu ermitteln gilt. Kein Frage, es handelt sich um einen Insiderjob - dürfte in Richtung franz. Geheimdienst gehen.
Dagegen spricht aus meiner Sicht, dass es 2 Überlebende gibt und der eigentümliche Tatort. Wenn ein Geheimdienst einen geplanten Anschlag verübt hätte, dann sicher nicht an einem öffentlichen Rastplatz, wo jemand vorbei kommen könnte und dass es Überlebende macht das völlig unglaubwürdig. Aber wie ist eigentlich der Hintergrund dieses Radfahrers, mehr als nur Familienvater könnte man da schon noch recherchieren. Vielleicht wurde die Familie Zeuge eines Verbrechens und sollte schnell aus der Welt geschafft werden? Oder war das Motiv eher eine ausländerfeinliche Einstellung? Zu allem Übel kommt noch dazu, dass es in Frankreich ein Leichtes ist, an Waffen und Munition zu kommen, sodass sich aus den Munitionsspuren auch kein vernünftiger Fahndungsansatz ergibt. Ich hoffe, das der oder die Person(en) geschnappt werden.
hdudeck 26.09.2012
4. Man liest immer wieder,
Zitat von sysopAPEs ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: In den französischen Alpen wird eine Urlauberfamilie aus England mit zahlreichen Schüssen getötet. Details aus dem Leben der Opfer werden bekannt - doch drei Wochen nach dem Verbrechen sind die Ermittler noch immer ratlos. Vierfachmord in den Alpen: Ermittler stehen vor einem Rätsel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vierfachmord-in-den-alpen-ermittler-stehen-vor-einem-raetsel-a-857607.html)
das die Familie das Ziel war und der Fahrradfahrer nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Waere vielleicht einmal nachdenkenswert, das es vielleicht auch anders herum sein koennte. Wuerde mehr Sinn machen, eine Beziehungstat (Fahradfahrer wird wird Bekannten/Verwandten) getoetet und der Taeter toetet (in Panik) die zufaellig vorbeikommmende Familie. Die hohe Anzahl der abgegebenen Schuesse koennte dies These bestaetigen.
uchawi 26.09.2012
5.
Zitat von hdudeckdas die Familie das Ziel war und der Fahrradfahrer nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Waere vielleicht einmal nachdenkenswert, das es vielleicht auch anders herum sein koennte. Wuerde mehr Sinn machen, eine Beziehungstat (Fahradfahrer wird wird Bekannten/Verwandten) getoetet und der Taeter toetet (in Panik) die zufaellig vorbeikommmende Familie. Die hohe Anzahl der abgegebenen Schuesse koennte dies These bestaetigen.
Dass sie auch in dieser Richtung ermittelt, hat die französische Polizei bereits wenige Tage nach dem Mord veröffentlicht.
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