Vierte Gewaltnacht in England Drei Menschen sterben bei Krawallen in Birmingham

Sie wurden von einem Auto offenbar in voller Absicht überfahren, starben später im Krankenhaus: Am Rande der Ausschreitungen in England sind in Birmingham drei Menschen gestorben, die Polizei ermittelt wegen Mordes. Auch in Manchester gab es schwere Krawalle, in London blieb es gespenstisch ruhig.
Vierte Gewaltnacht in England: Drei Menschen sterben bei Krawallen in Birmingham

Vierte Gewaltnacht in England: Drei Menschen sterben bei Krawallen in Birmingham

Foto: Tim Hales/ AP

London - Mehr als tausend Menschen sind seit Beginn der Krawalle am Wochenende in Großbritannien festgenommen worden - mehr als 700 allein in London. Nach Plünderungen, Straßenschlachten und Bränden der vergangenen Tage blieb es in der britischen Hauptstadt in der Nacht zum Mittwoch aber relativ ruhig. 16.000 Polizisten sicherten die Stadt, in einigen Vierteln formierten sich zudem Bürgerwehren.

Die Ausschreitungen haben möglicherweise die nächsten Todesopfer gefordert. In Birmingham wurden drei Männer von einem Auto erfasst. Der Vorfall habe sich in der Nacht zum Mittwoch an einer Tankstelle in der Innenstadt ereignet, teilte die Polizei am Morgen mit.

Zwei Männer seien noch am Unfallort gestorben, ein Dritter erlag in der Nacht im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Vor dem Gebäude versammelten sich rund 200 Menschen, die Lage blieb aber ruhig. Die Polizei bewachte das Krankenhaus mit zahlreichen bewaffneten Einheiten.

Kurz nach dem Zusammenprall seien in der Nähe ein Auto sichergestellt und ein Mann festgenommen worden. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen Mordes ein. Nach Informationen des "Guardian" handelt es sich bei den Toten um Briten asiatischer Herkunft. Die Gruppe soll gerade eine Moschee verlassen haben, als es zu dem tödlichen Zwischenfall kam.

Bisher ist nicht klar, ob der Vorfall direkt mit den Krawallen in der Stadt zu tun hat. Die BBC berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, die Männer hätten ihren Wohnblock vor den Randalierern schützen wollen. Sanitäter berichteten, es seien rund 80 Personen an der Tankstelle gewesen, als sie ankamen.

Bereits am Dienstag war ein 26-Jähriger in London gestorben. Der Mann war am Montagabend mit mehreren Schusswunden in einem Auto im Bezirk Croydon gefunden worden. Zu den Hintergründen seines Todes ist bisher nichts bekannt.

Besonders heftige Krawalle gab es in der Nacht zu Mittwoch in der drittgrößten Stadt des Landes, Manchester. Hunderte teils vermummte Jugendliche liefen durch das Stadtzentrum, warfen Schaufensterscheiben ein und plünderten Geschäfte. Sie zündeten mehrere Gebäude an und schleuderten Wurfgeschosse auf die Polizei - es folgten Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften.

Ein Polizeivertreter sprach von den schwersten Krawallen in Manchester der vergangenen 30 Jahre. "Das sind Verbrecher, die durchdrehen", sagte ein ranghoher Polizeioffizier. "Das ist sinnlose Gewalt und sinnlose Kriminalität in einer Größenordnung, wie ich sie nie zuvor gesehen habe." Der Polizei zufolge wurden in der Nacht in Manchester rund 50 Menschen festgenommen.

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England in Flammen: Gewaltwelle breitet sich aus

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Im zentralenglischen Nottingham griff eine Gruppe von 30 bis 40 Randalierern eine Polizeistation an und setzte sie mit Molotow-Cocktails in Brand. Zudem zündete sie ein Fahrzeug vor der Wache an. Verletzt wurde niemand. Auch eine Schule brannte, berichteten die Sicherheitskräfte. In der Stadt wurden mehr als 90 Menschen festgenommen.

Auch aus West Bromwich nahe Birmingham wurden Zusammenstöße gemeldet. Dort errichtete eine Gruppe von rund 200 Menschen nach Angaben der Polizei Barrikaden, zündete Autos an und bewarf Beamte. Auch in Birmingham selbst gingen die Krawalle am Dienstagabend weiter. In der Region wurden mehr als hundert Randalierer festgenommen.

Aus Wolverhampton und Leicester wurden ebenfalls Zwischenfälle gemeldet. In Liverpool wurden mehrere Löschzüge der Feuerwehr attackiert.

In London hatten viele Geschäfte und Büros aus Sorge vor neuen Unruhen vorzeitig geschlossen. Cafés, Restaurants und Pubs öffneten über Nacht nicht. In vielen üblicherweise belebten Straßen herrschte Stille. Einige Bewohner der Hauptstadt hatten sich darauf vorbereitet, ihre Häuser und Geschäfte zu schützen. In Southall im Westen Londons etwa versammelten sich Hunderte Angehörige der Religionsgemeinschaft der Sikhs vor ihrem Tempel, nachdem es Gerüchte gegeben hatte, dieser könnte geplündert werden.

Deutschland mahnt zu "besonderer Vorsicht"

Die Krawalle waren am Samstag im nördlichen Londoner Stadtteil Tottenham ausgebrochen und hatten sich in den vergangenen Tagen immer weiter ausgebreitet. Auslöser war der Tod des 29 Jahre alten, dunkelhäutigen Familienvaters Mark Duggan, der von der Polizei erschossen worden war. Er wurde durch einen Schuss in die Brust getötet.

Nach Angaben der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde IPCC wurden keine Beweise dafür gefunden, dass er zuvor selber auf die Beamten geschossen hatte. Die Pistole, die in dem Taxi gefunden wurde, in dem Duggan getötet wurde, sei nicht benutzt worden. Seine Familie erklärte, sie sei "bitter enttäuscht" über die vorläufigen Ergebnisse und verlange Antworten von den Behörden.

Premierminister David Cameron brach seinen Italien-Urlaub ab, um am Dienstag eine Krisensitzung der Regierung zu leiten. Er drohte den Randalierern mit einer harten Linie. Ein weiteres Sondertreffen war für Mittwoch geplant, am Donnerstag soll das Parlament eine Sitzung abhalten. Zahlreiche europäische Staaten, unter ihnen Deutschland, mahnen inzwischen zu "besonderer Vorsicht" bei Reisen nach Großbritannien.

Mit zahlreichen brennenden Wohnhäusern, Lagerhallen und Geschäften sowie Hunderten zerbrochenen Schaufensterscheiben war die Nacht zum Dienstag die bisher schwerste Krawallnacht gewesen. Die Polizei zeigte sich völlig überfordert: Scotland Yard beschrieb die Gewalt als die "schlimmste in der jüngeren Geschichte".

jok/kgp/AFP/dpa/dapd
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