McAfees Flucht "Sehe wahrscheinlich wie ein Mörder aus"

Diese Kriminalgeschichte klingt immer bizarrer: John McAfee, Pionier im Kampf gegen Computerviren, wird als Verdächtiger in einem Mordfall in Belize gesucht. Der 67-Jährige ist untergetaucht - und telefoniert mit einem Journalisten im Halbstundentakt über die neuesten Details seiner Flucht.

REUTERS/ San Pedro Sun

Belmopan - "Ich habe mein Aussehen radikal verändert", berichtet John McAfee einem Reporter des US-Magazins "Wired" am Telefon. "Ich sehe wahrscheinlich wie ein Mörder aus, unglücklicherweise." Nachrichten wie diese bekommt Joshua Davis häufig in letzter Zeit. Er werde von McAfee etwa alle 30 Minuten auf den neuesten Stand von dessen Flucht gebracht, so der Journalist.

McAfee, Erfinder eines der allerersten Antivirenprogramme für Computer, wird als Verdächtiger in einem Mordfall im mittelamerikanischen Staat Belize gesucht - inszeniert sich auf der Flucht jedoch als unschuldiges Opfer der Behörden. Der Kriminalfall erscheint mit jedem Tag absonderlicher. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich kriegen", sagt der 67-Jährige "Wired" am Telefon. Er sei den Mächtigen ein Dorn im Auge. Um nicht erkannt zu werden, habe er sich Kopfhaar, Augenbrauen und Bart schwarz gefärbt.

Belize, eine Flugstunde südlich von Miami, ist geografisch gesehen die Fortsetzung Floridas in der Karibik. 300.000 Menschen leben in dem Land, das bis 1981 zu Großbritannien gehörte und früher British Honduras hieß. Mit Englisch als Staatssprache kann das wirtschaftlich verarmte Land mit seinen vorgelagerten Inseln für US-Amerikaner zu einer idealen neuen Heimat werden.

Tagebuch schildert paradiesisches Leben

Das wurde Belize zunächst auch für McAfee. Er ließ sich dort nieder, nachdem er den Börsengang seiner Firma 1999 für einen lukrativen Ausstieg nutzte. Die vielen Millionen waren eine gute Voraussetzung für ein sorgloses Dasein. Auf einer Insel genoss er laut seinem Tagebuch ein paradiesisches Leben, umgeben von jungen Frauen.

Es ist schwer zu trennen, was in den Geschichten von John McAfee um ein Leben voller Intrigen, Gefahren und Sex Wirklichkeit und was Phantasie ist. Tatsache ist, dass ein Nachbar am Wochenende tot in einer Blutlache gefunden wurde und dass die Behörden nach dem früheren Virenjäger fahnden.

Der Getötete, ebenfalls ein in Belize lebender Amerikaner, war mit McAfee zerstritten, wie das Inselblatt "San Pedro Sun" berichtete. Er soll sich wegen dessen Hunden und der bewaffneten Leibwächter beschwert haben. Vergangene Woche seien vier Hunde vergiftet worden, sagt McAfee. Zwei Tage später war der Nachbar tot.

Er habe mit dem Mord nichts zu tun, werde sich aber auf keinen Fall freiwillig stellen, lässt McAfee über "Wired" wissen. Es sei doch bekannt, wie es in mittelamerikanischen Gefängnissen zugehe: "Wenn man jemandem genug Schmerzen zufügt, sagt oder unterschreibt er alles." McAfees Version: Belize, eine gewalttätige und verlogene Gesellschaft mit einer korrupten Polizei und Regierung, habe sich gegen ihn verschworen.

"Vielleicht sogar ein sowjetisches U-Boot"

Der 67-Jährige ist überzeugt davon, dass die Ermittler belastendes Material platzieren werden. "Die Polizei ist siebenmal in meinem Haus gewesen", sagt er. "Ich erwarte, dass sie einen Haufen vollautomatischer Waffen und vier Tonnen Kokain entdecken werden - vielleicht sogar ein sowjetisches U-Boot."

Er habe vor einigen Monaten den Premierminister Dean Barrow einen Lügner genannt, schrieb McAfee in seinem Tagebuch, das nun vom US-Portal Gizmodo veröffentlicht wurde. Und er habe sich geweigert, der Regierungspartei im vergangenen Jahr eine Schenkung zukommen zu lassen.

In dem dreiteiligen Tagebuch beschreibt der ehemalige Virenjäger eine andere Fährte und die führt über zwielichtige Frauen zur organisierten Kriminalität. Eine seiner Geliebten, "Amber Two", sei die Freundin eines inzwischen erschossenen Gangsters gewesen. Dessen Gang habe sie verfolgt, da sie ihren Boss an die Polizei verraten habe. "Rivalisierende Gangs jagen hierzulande andauernd die Freundinnen von Anführern", so McAfee.

Als die Polizei am Sonntag das Haus am Strand durchsuchte, fand sie niemanden vor. McAfee hatte sich, wie er "Wired" erzählt, im Sand eingebuddelt, mit einer Pappkiste über dem Kopf, um atmen zu können. Danach habe er sich auf Booten und den Rückbänken von Autos versteckt und die Nacht auf einer verlausten Matratze zugebracht.

Mittlerweile scheinen die Behörden den Druck auf den Flüchtigen erhöhen zu wollen. Sie sollen einen seiner Bodyguards, einen Gärtner und einen Taxifahrer festgenommen haben. McAfee ist darüber empört: "Das ist genau das, was sowjetischen Dissidenten passiert ist, als Stalin die Macht übernahm."

Schon im vergangenen Frühjahr war McAfee nach jahrelangem Leben unter dem Radar in die Schlagzeilen zurückgekehrt, als die Behörden von Belize ihm unter anderem unerlaubten Waffenbesitz vorwarfen. Damals wirkten seine Geschichten vom abenteuerlichen Leben am Limit als überzeichnete Posse um einen wahnwitzigen Millionär. Mit dem Mordfall und der Flucht ist daraus ein Drama geworden.

wit/dpa



insgesamt 22 Beiträge
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Jens Schuetz 14.11.2012
1. Wer war der Moerder?
Wer war der Moerder? Das werden wir wahrscheinlich nie wissen. In Bild drei fasst man die Leiche ohne Handschuhe an... DNA, Fingerabdruecke, alles unwichtig. Haette der mal lieber, seine "Spende an die Regierungspartei" bezahlt, dann muesste er nicht in den Knast, auch wenn er der Moerder waere. Beamte in Entwicklungslaendern sind wirklich gefaehrlich wenn man sie nicht bezahlt. Vor der Polizei hat jeder Angst und wuerde sie nichtmal als Opfer zur Hilfe rufen. Deshalb muss jeder alles selbst regeln und hat auch Hunde, Waffen und Sicherheitsdienst, wenn man es sich leisten kann. Macht und Geld hilft gegen Beamtenwillkuer oder schuetzt sogar vor berechtigter Verfolgung. Setzt man aber Macht und Geld falsch ein, macht man sich damit nur zu einer groesseren Zielscheibe. Sich im Sand einbuddeln und Kiste auf dem Kopf klingt drastisch, ich kann es aber gut nachvollziehen..
SmilinSam 14.11.2012
2.
Wer ihn wohl bei der Verfilmung spielen wird? Vom Jäger zum Gejagten - 3D !
martin.kraft 14.11.2012
3. optional
"Belize, [...] ist geografisch gesehen die Fortsetzung Floridas in der Karibik." ???
Talan068 14.11.2012
4. Spurensuche
zumindest von dem Kokain, dürften nur noch Reste zu finden sein.
gulo-gulo 14.11.2012
5. Paranoia
bedeutet nicht, nicht verfolgt zu werden. ;-)
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