Tod zweier US-Reporter Doppelmord live im Frühstücksfernsehen

Ein im Fernsehen live übertragener und über Twitter verbreiteter Mord schockiert Amerika. Zwei junge Reporter sterben durch Schüsse eines Ex-Kollegen. Ein Fax gibt Hinweise auf das mögliche Motiv.

Trauerblumen für getötete Journalisten: "Unsere Herzen sind gebrochen"
REUTERS

Trauerblumen für getötete Journalisten: "Unsere Herzen sind gebrochen"

Von , Washington


Es soll alles ganz entspannt zugehen an diesem Morgen. Alison Parker und ihr Kollege Adam Ward, Journalisten vom lokalen TV-Sender WDBJ, sind nach Moneta in Virginia gefahren, um für das Frühstücksfernsehen einen Beitrag über den örtlichen Wasserpark zu machen. Nichts Großes, reine Routine. Es ist früh, die Sonne noch nicht lange am Himmel, ihr Interview mit einer Frau von der Handelskammer wird live übertragen.

Was Parker und Ward während des Drehs nicht sehen: Ein Mann hat sich auf dem Balkon oberhalb des Parks an sie herangeschlichen. Um kurz vor 7 Uhr zückt er seine Waffe, feuert acht Schüsse auf die Journalisten und ihre Interviewpartnerin. Die Fernsehzuschauer hören noch die Schreie der Reporter und sehen die Kamera zu Boden sinken. Dann schaltet der Sender wieder ins Studio. Parker und Ward sterben an Ort und Stelle, die Interviewpartnerin ist schwer verletzt.

Der Fall sorgt für Entsetzen im ganzen Land. Schon wieder eine dieser Schießereien. Schon wieder Tote. Doch die Tragödie von Moneta hat nichts Alltägliches. Die Schüsse wurden gewissermaßen live in die Wohnzimmer übertragen, der Täter selbst filmte sein Attentat und postete die Videos später auf Twitter und Facebook. Er führt die Waffe, als spiele er ein Computerspiel. Mord im digitalen Zeitalter.

Es sind auch die Umstände, die den Fall so schockierend und tragisch erscheinen lassen. Parker, eine ehrgeizige Journalistin, hatte gerade ihren 24. Geburtstag gefeiert. Sie war verliebt in ihren Kollegen Chris Hurst, der beim Sender als Moderator arbeitet. Von der Beziehung wussten nicht viele, doch die beiden hatten viel vor. "Wir waren gerade zusammengezogen", twitterte Hurst, nachdem er am Morgen vom Tod seiner Freundin erfahren hatte. "Wir waren seit neun Monaten zusammen, und es waren die besten neun Monate unseres Lebens. Wir wollten heiraten."

"Unsere Herzen sind gebrochen"

Auch Kameramann Ward war in einer Beziehung zu einer Kollegin. Der 27-Jährige war mit der Produzentin Melissa Ott liiert. Für Ott sollte der Mittwoch der letzte Tag beim Sender sein, sie wollte eine neue Stelle in Charlotte antreten. Am Morgen hatte sie noch Luftballons mitgebracht, dann schickte sie das Team zum Wasserpark. Wenig später musste Ott im Studio live mit ansehen, wie ihr Freund beschossen wurde und zu Boden sank. "Unsere Herzen sind gebrochen", sagt Jeff Marks, Chef von WDBJ.

Der Sender steht unter Schock. Der Täter, den die Polizei als Vester F. identifizierte, ist inzwischen tot. Er schoss in seinem Ford während einer Verfolgungsjagd mit der Polizei auf sich selbst und erlag am Nachmittag seinen Verletzungen in einem Krankenhaus im nördlichen Virginia.

F. war vielen beim Sender bekannt. Der 41-Jährige war ein ehemaliger Mitarbeiter, unter dem Namen Bryce Williams hatte er bei WDBJ von 2012 bis 2013 als Multimedia-Reporter gearbeitet. Es war damals keine leichte Zeit mit ihm, so viel scheint klar. Von massiven Konflikten mit Kollegen ist die Rede. "Vester war ein unglücklicher Mann", sagt WDBJ-Chef Jeff Marks. Talent, Fleiß, das habe er alles mitgebracht. "Aber er hat sich schnell einen Ruf erarbeitet als jemand, mit dem man nur schwer zusammenarbeiten kann."

Nach rund einem Jahr trennte der Sender sich von ihm, offensichtlich gegen seinen Willen, man musste die Polizei holen, um ihn aus dem Gebäude zu bekommen. Jetzt fragen sich die Sender-Verantwortlichen: Wollte sich F. mit dem Mord an den Kollegen rächen? Möglich, aber noch sind die Hintergründe nicht aufgeklärt.

Rassismus scheint eine Rolle gespielt zu haben. F., ein Afroamerikaner, fühlte sich diskriminiert. Nicht nur bei WDBJ, auch in früheren Jobs. Im Jahr 2000 verklagte er einen Sender aus Florida, weil er sich rassistisch beleidigt fühlte. Er sei als Affe bezeichnet worden. Man einigte sich außergerichtlich.

23-seitiges Manifest

Das Thema ließ ihn nicht los. In den vergangenen Wochen meldete sich F. mehrfach beim Sender ABC, um eine Geschichte zu platzieren, ohne allerdings den Inhalt preiszugeben. Kurz nach der Tat an diesem Morgen ging bei dem TV-Sender ein 23-seitiges Fax ein. F. berichtet darin von rassistischen Angriffen gegen ihn.

Folgt man der Beschreibung von ABC, ist es in Teilen ein wirres Schreiben. Ein Sammelsurium von Selbstmordnotizen, persönlichen Geschichten und Huldigungen der Amokläufe auf einem Campus in Virginia 2007 und in der Schule in Columbine 1999. Dem weißen Schützen, der vor einigen Monaten in einer Kirche in Charleston neun Schwarze erschossen hat, sagt er dagegen den Kampf an. "Ja, es klingt, als sei ich wütend", schreibt er. "Das bin ich. Und ich habe jedes Recht dazu. Aber wenn ich die Erde verlassen haben werde, ist Frieden die einzige Emotion, die ich spüren möchte."

Unklar ist bisher, woher F. wusste, dass die beiden TV-Journalisten sich am frühen Morgen in Moneta befinden würden. In jedem Fall wusste er, was er tat. F. filmte den Mord. Nach seiner Flucht vom Tatort speiste er die Bilder in sein Facebook-Profil und twitterte, Parker habe ihn rassistisch beleidigt. Es waren möglicherweise diese Schritte in den sozialen Medien, die seinen Aufenthaltsort verrieten.

Wenig später jedenfalls hatte die Polizei ihn identifiziert und jagte ihn über die Autobahn.



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