Mobbingvorwürfe gegen Gedenkstättenleiter "Klima der Angst"

Gegen Volkhard Knigge, den Leiter NS-Gedenkstätte Buchenwald, wurden massive Anschuldigungen laut, er schikaniere Mitarbeiter. Nun hat die oppositionelle CDU in Thüringen Aufklärung von der rot-rot-grünen Landesregierung gefordert.

Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, bei einer Gedenkstunde vor dem Gräberwald auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im September 2018
Bodo Schackow/ DPA

Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, bei einer Gedenkstunde vor dem Gräberwald auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im September 2018

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Die Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Buchenwald möchte nicht öffentlich in Erscheinung treten. Zu groß ist ihre Furcht vor persönlichen Konsequenzen. Sie äußert sich nur anonym: "Durch Mobbing und den durch die Direktion verursachten psychischen Druck wird versucht, alle Mitarbeiter und Arbeitsvorgänge zu kontrollieren", sagt sie: "Es entsteht ein Klima der Angst und Unsicherheit."

Einige Kolleginnen und Kollegen hielten den Druck von oben nicht mehr aus, berichtet die Mitarbeiterin weiter. Wegen des Arbeitsklimas hätten sich in den vergangenen Jahren mehrere Beschäftigte in psychotherapeutische Behandlung begeben müssen: Die Repressionen gegen einzelne Mitarbeiter seien "teils dermaßen krass, dass man das Gefühl hat, die Betroffenen sollen psychisch zerstört werden".

Besprechungen "im Stile stalinistischer Militärtribunale"?

Die massiven Anschuldigungen richten sich gegen den Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, und seinen Führungszirkel. Der SPIEGEL machte die Mobbingvorwürfe vor knapp zwei Wochen auf der Basis zahlreicher Dokumente und Zeugenberichte erstmals öffentlich. (Lesen Sie hier die vollständige Geschichte.)

Demnach soll Knigge nicht nur intensive Kontrolle über die Belegschaft ausüben. Auch der aggressive Ton und die Wutausbrüche des 65-Jährigen sollen gefürchtet sein. Es heißt, Besprechungen würden "im Stile stalinistischer Militärtribunale" abgehalten. Bis zu vier Stunden lang müssten Führungskräfte vor Knigge und seinen Leuten Rede und Antwort stehen.

Knigge weist die Vorwürfe zurück

Knigge bestreitet die Beschuldigungen gegen seine Person vehement. In einem Statement sprach er von "Kolportage" und einer "Kampagne" gegen ihn. (Lesen Sie hier die vollständige Erklärung von Volkhard Knigge.) Der Stiftungsrat, der die Arbeit des Gedenkstättenleiters kontrollieren soll, stärkte ihm den Rücken. Der Vorsitzende des Aufsichtsgremiums, der Chef der Thüringer Staatskanzlei Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), sagte: "Die Vorwürfe entbehren jeglicher Grundlage."

Die oppositionelle Thüringer CDU hat daran offenbar Zweifel. An diesem Donnerstag haben die Christdemokraten im Erfurter Landtag von der rot-rot-grünen Landesregierung Aufklärung in der Causa Knigge gefordert. Dies sei "dringend erforderlich, denn der Imageschaden für die über Thüringen hinaus bedeutende Stiftung ist bereits jetzt beträchtlich", schrieb der CDU-Fraktionsvorsitzende Mike Mohring in einem Antrag.

Die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar ist einer der wichtigsten Erinnerungsorte für die NS-Verbrechen in Deutschland. Im vergangenen Jahr besichtigten 500.000 Besucher aus aller Welt das ehemalige KZ, in dem die Nazis zwischen 1937 und 1945 fast 280.000 Menschen inhaftierten und etwa 56.000 ermordeten.

Im Jahr 2009 führte Knigge den damaligen US-Präsidenten Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie zwei Holocaust-Überlebenden über das Gelände der Gedenkstätte
Michael Kappeler/ DPA

Im Jahr 2009 führte Knigge den damaligen US-Präsidenten Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie zwei Holocaust-Überlebenden über das Gelände der Gedenkstätte

Knigge leitet die Gedenkstätte seit 1994. Er genießt in Fachkreisen hohe Anerkennung, auch international. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch sein Engagement gegen die AfD bekannt. So hat Landesparteichef Björn Höcke seit 2017 Hausverbot in Buchenwald. Auch die AfD-Fraktion im Erfurter Landtag ist von Gedenkfeiern in dem Erinnerungsort ausgeschlossen.

Knigges guter Ruf und seine Leistungen für die deutsche Gedenkstättenlandschaft sind wohl auch Gründe dafür, warum die von ihm angeblich schikanierten Angestellten bislang geschwiegen haben. Dabei sollen kritische Stimmen gegen den Leiter laut einem Bericht des Deutschlandfunks schon länger bekannt sein.

Die Thüringer CDU wollte von der Landesregierung denn auch wissen, seit wann sie "Kenntnis von Debatten über die Führungskultur" in den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hatte und was sie gegebenenfalls unternommen habe, um "Klarheit zu diesen Sachverhalten zu erlangen". Staatskanzleichef Hoff ging jedoch in der Parlamentsdebatte auf diese Frage nicht ein.

Benjamin-Immanuel Hoff, Chef der Thüringer Staatskanzlei, mit Ministerpräsident Bodo Ramelow (rechts, Archivbild)
Martin Schutt/ PA

Benjamin-Immanuel Hoff, Chef der Thüringer Staatskanzlei, mit Ministerpräsident Bodo Ramelow (rechts, Archivbild)

Die Thüringer Landesregierung unter Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatte es vorgezogen, den Kulturausschuss vorab in einer vertraulichen Sitzung zu informieren. Die massiven Vorwürfe gegen Knigge wurden nach SPIEGEL-Informationen indes auch hier im Einzelnen nicht thematisiert. Stattdessen soll Hoff unter anderem auf die Belastungen verwiesen haben, denen die Belegschaft einer KZ-Gedenkstätte wegen des besonderen Umfelds ausgesetzt sei.

Diskussion über Personalfrage

Im Mittelpunkt der anschließenden Parlamentsdiskussion stand dann eine Personalfrage. Anfang Mai hatte der Stiftungsrat in einer Sitzung die fristlose Kündigung des Historikers Stefan Hördler beschlossen. Zwischen 2015 und 2019 leitete der Experte für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, die der Stiftung Buchenwald angegliedert ist. Knigge war sein Chef.

Hördler zufolge sei er vom Direktor anfangs unterstützt worden, mit der Zeit habe sich das aber ins Gegenteil verkehrt. Der 42-Jährige erinnert sich, Knigges Führungsstil einmal intern zur Sprache gebracht zu haben. Anfang November 2017 warf Knigge ihm vor, zwei Ausstellungskonzepte nicht fristgerecht fertiggestellt zu haben und mahnte ihn zweimal ab. Das Arbeitsgericht Erfurt hat die Abmahnungen inzwischen für ungültig erklärt.

Stefan Hördler (links), ehemaliger Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, mit Volkhard Knigge (Archivbild)
Candy Welz/ DPA

Stefan Hördler (links), ehemaliger Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, mit Volkhard Knigge (Archivbild)

In der Sitzung des Stiftungsrats Anfang Mai wurde als Kündigungsgrund angeführt, Hördler habe auf eine Mitarbeiterin eingewirkt, falsche Angaben zu einem Werkvertrag zu machen. Dem im Stiftungsrat vertretenen Thüringer Finanzministerium reichte dieser Grund offenbar nicht aus. Es stimmte in der Runde zunächst mit Nein, folgte einen Tag später dann aber doch dem Votum der Staatskanzlei, die die Kündigung für angemessen hielt.

Kündigungsschutzklage eingereicht

Hördler hat eine Kündigungsschutzklage eingereicht. Die Verhandlung findet im November statt. Staatskanzleichef Hoff sagte gegenüber dem SPIEGEL, bei Personalien erfolge grundsätzlich "keine Kommentierung". Und er wies unter anderem darauf hin, dass "auch die Stiftungsregelungen bei Personalangelegenheiten ein einheitliches Votum des Landes voraussetzen".

In der Parlamentsdebatte warf Hoff den Christdemokraten vor, es gehe ihnen vor allem darum, ihn als Chef der Staatskanzlei im Vorfeld der Landtagswahlen in Thüringen am 27. Oktober im Plenum vorzuführen. Damit zielten sie indirekt auf seinen Vorgesetzten, den Ministerpräsidenten Ramelow.

Aus Kreisen der Thüringer CDU ist hingegen zu hören, die Landesregierung würde das Thema Gedenkstätte Buchenwald gern aus der öffentlichen Debatte heraushalten. Bis zur Wahl sind es nur noch zehn Tage. Anhaltende Kritik an Knigge könnte der AfD Auftrieb geben.



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