Volkmarsen unter Schock "Dann wären wir jetzt alle dran"

Ein Mann steuerte am Rosenmontag in Nordhessen sein Auto in eine Menschenmenge, es gab Dutzende Verletzte. Am Tag danach herrscht in der Kleinstadt Trauer, Wut, Fassungslosigkeit. Und alle fragen sich: Warum?
Aus Volkmarsen berichten Felix Bohr und Dennis Deuermeier
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THILO SCHMUELGEN/ REUTERS

In der Nacht hat es geregnet, aber die Spuren der Tat sind noch immer deutlich zu sehen. Mit gelber Farbe haben Sicherheitskräfte im Steinweg in Volkmarsen all die Stellen markiert, an denen die insgesamt 52 Verletzten geborgen wurden. Es sind durchlaufende Ziffern. 11392, 11393. Auf dem Bürgersteig, der Fahrbahn, in einer Einfahrt. Es sind unglaublich viele gelbe Zahlen.

Ungebremst war der mutmaßliche Täter Maurice P. am Montag während des Rosenmontagsumzugs im nordhessischen Volkmarsen mit seinem Mercedes-Kombi in eine Menschenmenge gerast - das jüngste Opfer war gerade mal drei Jahre alt. Und jeder, der bei dem Umzug war, jeder, der in der 6800-Einwohner-Gemeinde lebt oder davon in den Nachrichten gehört hat, fragt sich seitdem: Warum?

Dann plötzlich Schreie

An dem Streckenabschnitt des Umzugs, auf den der Fahrer zusteuerte, stehen immer besonders viele Familien mit Kindern. An dieser Stelle gibt es freie Sicht auf den Zug, die Karnevalswagen sind von dort für die Kleinen besonders gut zu sehen. "Wir sind planmäßig gegen 14.20 Uhr gestartet", sagt Thomas Tegethoff von der Volkmarser Karnevalsgesellschaft. Er steht auf dem Rathausplatz im Zentrum der Stadt und ringt um Worte. "Ja, und dann ist das da oben im Steinweg passiert. Wir waren alle geschockt."

Gegen 14.30 Uhr durchbrach der 29-jährige Maurice P. mit seinem Auto eine Polizeiabsperrung.

"Zuerst hat man gar nichts mitbekommen", berichtet ein Augenzeuge dem SPIEGEL. Dann habe er plötzlich Schreie gehört. "Ich sah ein Auto durch die Menschenmenge auf dem Bürgersteig fahren. Ein Mädchen saß auf dem Auto, falsch herum." Auf jeder Seite der Straße hätten etwa 100 Menschen gestanden. Der Fahrer sei zuerst auf der rechten Seite gefahren und habe dann auf die linke Seite hinübergeschwenkt.

Der Fahrer ist nicht vernehmungsfähig

"Wenn er auf der Seite geblieben wäre, dann wären wir jetzt alle dran", sagt der Zeuge. Nachdem P. noch weitere Menschen angefahren habe, sei das Auto zum Stehen gekommen. Überall hätten verletzte Menschen gelegen. Sofort seien andere Zuschauer zu Hilfe geeilt, um sich um die Opfer zu kümmern. Schnell waren auch Rettungskräfte und die Polizei vor Ort. Maurice P. zog sich eine Verletzung am Kopf zu und wurde vor Ort festgenommen. Er soll momentan nicht vernehmungsfähig sein.

P. soll die Tat vorsätzlich begangen haben. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen ihn wegen eines versuchten Tötungsdelikts. "Zur genauen Motivlage können wir noch nichts sagen", sagte Polizeisprecher Henning Hinn bei einer Pressekonferenz am Dienstagmittag in der Nähe des Tatorts. Noch ein zweiter Mann wurde festgenommen, gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren, weil er ein "Gaffer-Video" erstellt haben soll. Eine Verbindung zur Tat oder zum Täter sei "zurzeit nicht gesichert", so Hinn.

Noch immer schweben Opfer in Lebensgefahr

Am Tag nach der Tat befinden sich noch 35 Menschen in stationärer Behandlung im Krankenhaus, einige von ihnen schweben in Lebensgefahr. Unter den Verletzten sind 18 Kinder. Die Bürger von Volkmarsen sind völlig geschockt. In der Stadt herrscht eine gespenstische Atmosphäre. Die Menschen, die man spricht, reden von Wut, Trauer, Fassungslosigkeit. Überall sind noch die Reste des Karnevals zu sehen. An den Häusern hängen Ballons, am Straßenrand stehen leere Sekt- und Schnapsflaschen. Die alljährliche Party fand ein schreckliches Ende.

Der mutmaßliche Täter stammt aus dem Ort, er soll hier aufgewachsen sein. Und trotzdem wissen die Nachbarn und Anwohner nur sehr wenig über diesen Mann. Maurice P. soll ein Einzelgänger gewesen sein. In der Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, pflegte er kaum Kontakte, nahm nicht am Vereinsleben teil. "Maurice ist sehr unauffällig gewesen", sagt Axel H., sein Vermieter: "Ich hätte ihm das nie zugetraut". P. habe seit etwa sechs Jahren zusammen mit seiner Großmutter in einer Erdgeschosswohnung im Zentrum von Volkmarsen gewohnt. Laut SPIEGEL-Informationen sollen bei der Durchsuchung seiner Wohnung unter anderem vier Laptops und zwei Handys sichergestellt worden sein.

Zeitweise lebte auch seine Schwester dort, sie betrieb in der Nachbarschaft einen Friseursalon. Der Vermieter erzählt, erst vor Kurzem habe ihn die Großmutter von Maurice P. angerufen. Sie wolle ihren Enkel Maurice P. aus dem Mietvertrag "herausstreichen", habe sie gesagt. P. hätte Ende des Monats ausziehen sollen. Sein Vermieter geht davon aus, dass es innerfamiliäre Schwierigkeiten gegeben habe. Aber sicher weiß er das nicht.

Randale in der Tankstelle

Bis dahin habe es aber nie eine Beschwerde gegeben, sagt Axel H. noch. Der 29-Jährige habe zurückgezogen gelebt, er sei still, ruhig, auch freundlich gewesen, nicht aggressiv. Doch in der Vergangenheit zeigte P. mitunter offenbar auch ein anderes Gesicht. Schon vor Jahren soll er auffällig geworden sein, soll in der örtlichen Tankstelle betrunken randaliert haben. Stühle sollen geflogen sein. "Er hatte ein Wodka-Problem", sagt eine Mitarbeiterin, die damals dabei war.

Bei seiner Tat allerdings stand P. offenbar nicht unter Alkoholeinfluss, heißt es aus Ermittlerkreisen. Vor seiner Tat soll er nach SPIEGEL-Informationen in der Nähe des Tatorts länger in seinem parkenden Auto gesessen und gewartet haben.

Kurz darauf hinterließ er dann eine Spur des Grauens in Volkmarsen.

Viele Betroffene und Augenzeugen suchen nun Beistand. Im Rathaus hat die Polizei für sie eine Beratungsstelle eingerichtet, in der sie psychologische Hilfe erhalten können. Am Abend soll in der St.-Marien-Kirche am Rathausplatz ein Gottesdienst stattfinden. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und Innenminister Peter Beuth haben ihren Besuch angekündigt.

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