Kinderpornografie-Vorwurf gegen Metzelder Haltet ein!

Die Staatsanwaltschaft Hamburg führt ein Ermittlungsverfahren. Das Ergebnis ist offen. Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern um einige Bilder, die niemand kennt. Wo genau liegt der Skandal?

Christoph Metzelder
Revierfoto/ DPA

Christoph Metzelder

Eine Kolumne von


"Es ist heute eigentlich zu früh, darüber zu reden", sprach die Moderatorin Maischberger am 4. September in der ARD zu Wolfgang Kubicki, "aber Sie haben vor der Sendung gesagt, dass Sie ihn kennen." Dies war - Minute 37 der Sendung - der Auftakt dazu, nun umso eigentlicher zu reden: Metzelder. Maischberger sprach den Namen stockend und fragend aus ("Met-zel-der?"), als ob sie sich kaum an ihn erinnere: Jeglicher Sensationsjournalismus, so lautete die Botschaft dieser komödiantischen Einlage, liegt mir fern. Man darf gewiss annehmen, dass Herr Kubicki nicht beim Plaudern vor der Sendung zufällig erwähnte, er kenne übrigens neben Herrn Müller und Frau Meier auch Herrn Metzelder, woraufhin Frau Maischberger, die es "eigentlich zu früh" fand, das sogleich begeistert auf ihr Moderationskärtchen schrieb und das Thema nun überhaupt nicht mehr zu früh fand. Es ist ja auch eine wenig nachvollziehbare Erklärung, man wolle über ein Thema, für das es "eigentlich zu früh" sei, deshalb sprechen, weil ein Gast die betroffene Person kenne.

Die Talk-Meisterin zeigte sich aber hinreichend informiert: "Eine große deutsche Tageszeitung" habe, so sprach sie, über den Verdacht gegen den Fußballer Metzelder berichtet, kinderpornografische Schriften verbreitet zu haben (§ 184b StGB). Zum Thema, über das man eigentlich nicht sprechen sollte, fragte sie dann: "Kann man das machen?" Der Strafverteidiger Kubicki merkte an, er halte die Berichterstattung für eine "Unverschämtheit", und wies darauf hin, dass Beschuldigungen wegen Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch von Kindern, unabhängig von ihrer Berechtigung, eine lebenslange Stigmatisierung zur Folge hätten. "Das war bei Kachelmann so", so Kubicki, "der war komplett unschuldig."

An dieser Stelle unterbrach ihn Maischberger mit einer bemerkenswerten Pantomime: Sie zog Schultern und Augenbrauen hoch, verdrehte die Augen nach oben, breitete die Arme aus, schürzte die Lippen und wiegte den Kopf: Weiß man's? Dazu sprach sie: "Er ist freigesprochen worden", was offenkundig das Gegenteil von "komplett unschuldig" bedeuten sollte. Nach einer Bemerkung aus dem Off bemühte sie sich, ihre Entgleisung zu überspielen, indem sie zusammenhanglos erklärte: "Ich hab nicht deshalb so geguckt, sondern die Frage ist tatsächlich, Sie haben ja gesagt, wir müssen etwas darüber lernen. Was lernt man denn in diesem Fall?" Eine tolle Frage! Wenn allerdings jemals diese Frage durch pantomimisches "Gucken" nicht dargestellt wurde, dann von der lernbegierigen Frau M. Das wurde für diejenigen, die den eigenen Augen nicht trauten, durch den weiteren Gesprächsverlauf bestätigt: Was man "in diesem Fall lernen" konnte, interessierte keine Sekunde.

Wolfgang Kubicki zu Gast bei Sandra Maischberger in der Sendung am 4. September 2019
Max Kohr/ WDR

Wolfgang Kubicki zu Gast bei Sandra Maischberger in der Sendung am 4. September 2019

Die Moderatorin demonstrierte also in treuherziger Offenheit exakt das, was Kubicki beschrieben und als "Unverschämtheit" charakterisiert hatte: Wenn es um Sexualdelikte geht, führt selbst ein rechtskräftiger Freispruch nicht zur Rehabilitierung des Beschuldigten. Er wird vielmehr unter der Rubrik "kann sein, kann auch nicht sein" abgelegt. Der Verdacht bleibt verfügbar und wird noch jahrelang zu beliebigen Zwecken und Zeiten als biografische "Info" wiederbelebt, als "umstritten" oder "letztlich nicht bewiesen" bezeichnet oder, wie im Fall Kachelmann, als sogenannte Meinung weiterverbreitet.

Nun also Metzelder. Wie der Weg der Verdächtigung vom "Tippgeber" zur "Bild" und zur Staatsanwaltschaft Hamburg verlief, ist seinerseits Gegenstand berechtigten Interesses. Jedenfalls war "Bild" rechtzeitig zur Stelle, um der staatsbürgerlichen Pflicht zur Unterstützung von Strafverfolgungen (Reichelt) zu genügen und überdies der staatsanwaltschaftlichen Durchsuchung beizuwohnen. Die Berichterstattung des Herz-für-Kinder-Blatts wurde beispielhaft getaktet. Dass sich sogar ein "Ex-Staatsanwalt" auftreiben ließ, der mit Foto und Erwähnung seiner Kanzlei enthüllte, "was ihm (Metzelder) droht" (die gesetzliche Strafdrohung, die jeder mit drei Klicks nachlesen kann), war da ein fast schon selbstverständlicher Service für den Leser.

Das Ganze hat zwei Aspekte, die eng miteinander verbunden sind: Einen formellen und einen inhaltlichen. Der erste ist scheinbar einfach, der zweite schwieriger. Zu beiden ein paar Anmerkungen.

Es gilt die Unschuldsvermutung

So richtig wohl fühlte sich, außer "Bild", diesmal wohl niemand. Ob das an der Moral lag oder daran, dass man zu spät dran war, mag dahinstehen. Der frühere Berufsfußballspieler Metzelder kann als "Person der Zeitgeschichte" im presserechtlichen Sinn durchgehen, sodass eine Verdachts-Berichterstattung unter Namensnennung und mit Fotos im Grundsatz zulässig ist. Der Begriff ist aber, wie man weiß, in der Wirklichkeit ausgesprochen schillernd: Eigentlich beschreibt er nur die Berichterstattung über einen Verdacht. Allzu oft aber verdreht sich das in einen "Schuldspruch bei Verdacht" im Sinn einer möglichst weitgehenden Vorab-Bestätigung einer Beschuldigung. Möglichst rasch über möglichst viele belastende Momente zu berichten, ist der Traum des "Investigativen".

§ 152 Abs. 2 StPO lautet:

"(Die Staatsanwaltschaft) ist verpflichtet, wegen aller verfolgbaren Straftaten einzuschreiten, sofern zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen";

und § 160 Abs. 1 und Abs. 2 StPO bestimmen:

"Sobald die Staatsanwaltschaft von dem Verdacht einer Straftat Kenntnis erhält, hat sie zu ihrer Entschließung darüber, ob die öffentliche Klage zu erheben ist, den Sachverhalt zu erforschen. Die Staatsanwaltschaft hat nicht nur die zur Belastung, sondern auch die zur Entlastung dienenden Umstände zu ermitteln und für die Erhebung der Beweise Sorge zu tragen, deren Verlust zu besorgen ist."
"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt
DPA

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt

Daraus ergibt sich, dass ein "Ermittlungsverfahren", wie schon der Name sagt, Schuld weder voraussetzt noch feststellt, sondern eine Beschuldigung prüft. Am Anfang steht ein bloßer "Anfangsverdacht". Wenn das Vorliegen einer Straftat nicht von vornherein erkennbar ausgeschlossen ist, ist diese Stufe schon erreicht. Am Ende steht - vorbehaltlich einiger Möglichkeiten bei geringfügigen Taten - eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft: Einstellen oder anklagen (§ 170 StPO)? Wenn Anklage erhoben wird, sei es durch Anklageschrift oder Strafbefehlsantrag, entscheidet darüber das Gericht. Und bevor nicht ein Strafbefehl rechtskräftig geworden oder nach einer Hauptverhandlung eine Verurteilung erfolgt ist, ist eine strafrechtliche Schuld nicht festgestellt.

Unbeeindruckt davon hat sich in der öffentlichen Anschauung ein ganz anderes Bild verbreitet: "Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft" ist einer jener Sätze, die jeder Leser, Hörer oder Zuschauer aus Enthüllungsgeschichten kennt und die fast schon als Synonym eines "vorläufigen Schuldspruchs" verwendet und verstanden werden. Umso vorgeschobener, nicht selten nur als Freizeichnungsklausel ohne inhaltlichen Wert, wirkt eine ans Ende breiter Berichte zur Beschuldigung angehängte Klausel, wonach "die Unschuldsvermutung gilt". Auch im Fall Metzelder hat es an derlei Beteuerungen nicht gefehlt: Bei "Bild" sowieso; die ARD ließ die Unschuldsvermutung hochleben und die Verbindung zum Beschuldigten "ruhen"; ein frommer Professor und Stiftungskurator, medial als "Kollege" Metzelders bezeichnet, trat aus der Stiftung des Verdächtigten aus und versicherte, es gelte die Unschuldsvermutung. Und "Focus" berichtete, die Auswertung von Datenträgern werde noch andauern; "bis dahin gilt die Unschuldsvermutung." Nun ja: Ein bisschen länger gilt sie schon.

Aber die Unschuldsvermutung, die sich ausdrücklich in der Europäischen Menschenrechtskonvention findet, ist keine Anweisung für das Denken der Menschen oder für das Meinen von Journalisten. Deshalb ist umgekehrt ihre Verwendung als Beschwörungsformel, mit der man vorgeblich jede noch so wüste Vorverurteilung wieder ins Stadium objektiver Berichterstattung versetzen kann, überaus unehrlich. Es kommt, wie jeder weiß, nicht darauf an, ob ans Ende eines Medienberichts, der die soziale Vernichtung des Betroffenen bewirkt, ein Ablassbrief in Gestalt der Unschuldsfloskel angehängt wird. Es gibt besonders perfide Formen des Umgangs mit der Unschuldsvermutung. Eine besteht darin, Krokodilstränen über die soziale Ausgrenzung und Freigabe zur öffentlichen Vernichtung zu vergießen, die man selbst betreibt, und noch daraus wieder neues Geld zu ziehen. Das ist einfach: Parallel zu Nachrichten über Belanglosigkeiten des Verfahrens bringt man das Stück "So weint seine Mutter" oder "Was wird aus seinen Kindern?"

Die schöne Vermutung hat eine steile Karriere gemacht und dient inzwischen selbst zur Verzierung von Verdächtigungen, die sich gar nicht mit strafbarem Verhalten befassen, sondern - beispielsweise - mit dem 30 Jahre zurückliegenden Grapschen eines mittlerweile 78-jährigen Tenors am Busen einer heute pensionierten, aber weiterhin traumatisierten Sopranistin. Die Unschuldsvermutung führte hier dazu, dass der Maestro vorerst weiter in der unvergleichlichen Elbphilharmonie singen darf. Solche Nachrichten stehen ganz ernsthaft auf Seite eins.

Vor allem aber ist die Vermutung ein Ritterschlag der Harmlosigkeit, den sich die lautesten und wüstesten Verdächtiger und Vernichter selbst verleihen. Der Chefredakteur von "Bild" wurde am 10. September vom DLF gefragt:

"Sie sagen, Sie haben Christoph Metzelder nicht vorverurteilt, aber Sie haben doch relativ reißerisch berichtet. Eine Überschrift hieß: 'Hier holen Fahnder Metzelder aus der Sportschule'. Das bedeutet doch im übertragenen Sinne: Hier wird jemand abgeführt. Aber er wurde ja gar nicht verhaftet."

Antwort:

"Das ist eine rein nachrichtliche Überschrift auf einen Sachverhalt. Und dann sagen Sie, er ist doch gar nicht verhaftet worden. Das steht dort aber auch nirgendwo (...) Die Überschrift bei uns war der Sachverhalt: Hier holt die Polizei Christoph Metzelder in der Sportschule Hennef ab. Das ist tatsächlich genau das, was dort geschehen ist."

So geht das mit der Unschuld. Zwischen "Fahnder holen ihn aus der Sportschule" und "Die Polizei holt ihn in der Sportschule ab" kann der Chefredakteur keinen Unterschied sehen, und einen "übertragenen Sinn" kann er nicht erkennen. Das muss man hinkriegen.

Auf jedem Bild das Grauen

Jetzt zum schwierigeren Teil! Eine Frage: Kennen Sie den Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen? Wenn Sie antworten, selbstverständlich sei Ihnen Herr Herbert Reul bekannt, liegen Sie falsch. Der für die Verfolgung von Straftaten zuständige Minister heißt Peter Biesenbach. Dass weithin der Eindruck vorherrscht, in NRW sei die Strafverfolgung vollständig von der Polizei übernommen worden, liegt am unermüdlichen Einsatz des dortigen Innenministers, der nicht nur die Beschlagnahmen von Tabak persönlich überwacht und - vorbehaltlich der richterlichen Unabhängigkeit - kleine Tipps zur Strafzumessung bereithält, sondern vor allem den Krieg gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a StGB) und die Verbreitung kinderpornografischer Schriften (§ 184b StGB) gern zu seinem wichtigsten Anliegen erklärt. Man könnte sich zwar schlechtere Ziele ausdenken; andererseits erscheint die Wahl dieses Lieblingsprojekts für einen Innenminister, der ja eher für ziemlich viele ganz andere Dinge zuständig ist, überraschend.

Dahinter steht das Phänomen, dass die genannten Straftaten, ihre Verfolgung und der sogenannte Kampf gegen sie, von einer inzwischen überragenden symbolischen, emotionalen, medialen und rechtspolitischen Bedeutung sind. Das war nicht immer so. Man kann im Grundsatz durchaus froh sein, dass eine Verdrängung und Bagatellisierung der genannten Übergriffe schon lange nicht mehr stattfinden. Umgekehrt kann man auch mit gewisser Sorge betrachten, dass das inhaltliche Gewicht der Taten in der öffentlichen Diskussion tendenziell das vernünftige Maß sprengt und der allgemeine "Kampf" einen irrationalen, fast schon religiös anmutenden Charakter anzunehmen droht, in dem jede Differenzierung auf der Strecke bleibt und jede Mahnung zur Mäßigung als schlimme "Verharmlosung" diffamiert wird.

Das überträgt sich, abgesehen von den ins Irrationale gesteigerten Strafbedürfnissen der Öffentlichkeit, bis in die Anforderungen an den gerichtlichen Umgang mit entsprechenden Fällen. Als das Landgericht Detmold kürzlich das Urteil im Lügde-Verfahren verkündete, war vielfach zu lesen, die Vorsitzende der Strafkammer habe bei der Urteilsverkündung "kaum Worte gefunden", um die Grauenhaftigkeit der Taten zu beschreiben; sie habe ihre "Fassungslosigkeit" beteuert usw. Wenn das zuträfe, hielte ich es nicht für ein erfreuliches Zeichen mitmenschlicher Anteilnahme, sondern eher für eine bedenkliche Anbiederung an eine überdrehte Emotionalisierung, die auch Richtern nicht mehr verzeihen will, wenn sie sich nicht genügend "betroffen" aufführen.

Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern ist eine Sache, nicht schwerer Missbrauch eine andere, Besitz oder Verbreitung von kinderpornografischen Darstellungen eine dritte. Und bei jeder dieser drei Straftaten gibt es wiederum eine große Bandbreite von leichten, durchschnittlichen, schweren und besonders schweren Fällen. Die Vorstellung, jede Missbrauchstat führe zwangsläufig zu lebenslangem Leiden des Tatopfers, ist falsch. Eine Berichterstattung und eine dadurch stimulierte öffentliche Fantasie, die zwischen wüsten Spekulationen über einen amerikanischen Multimillionär, der Jugendlichen 200 Dollar für "Massagen" bezahlt, und sadistisch motivierten Gewalttaten gegen Kleinkinder nicht mehr unterscheiden, sondern sich in Superlativen des "Abscheus" ergehen, verfehlen jeden Sinn.

Das gilt auch für Taten nach § 184b StGB. Fast eine ganze Seite und die seitenüberspannende Großüberschrift "Auf jedem Bild kann das Grauen sein" widmete etwa die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. September einem Bericht über den "Horrorjob" der Ermittler im LKA Nordrhein-Westfalen (wo sonst?), die kinderpornografische Darstellungen auf beschlagnahmten Datenträgern oder im Internet suchen. Nun ist zwar diese Tätigkeit gewiss mit unangenehmen Details belastet. Ein "Horrorjob", ein Trip in den Abgrund, ein Leben unter schwer traumatisierenden Umständen ist es aber nicht. Auch bei Tätigkeiten als Sanitäter, Rechtsmediziner, Drogenberater, Familienhelfer, Staatsanwalt oder Strafrichter brechen Menschen nicht reihenweise unter dem "Grauen" zusammen, das anderen angetan wird. Es ist nicht realistisch und nützlich, über kinderpornografische Abbildungen stets so zu berichten, als handle es sich ausnahmslos um Darstellungen schwerster, mit schwerer körperlicher Gewalt verbundener Taten gegen sehr junge Kinder. Sie kommen vor, sind aber nicht die Regel.

Von den 63.700 Ermittlungsverfahren wegen Taten "gegen die sexuelle Selbstbestimmung", die die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2018 erfasst hat (1,1 % der Gesamtzahl angezeigter Taten), betrafen 7450 Taten Verbreitung oder Besitz kinderpornografischer Schriften. Nach der Strafverfolgungsstatistik der Justiz wurden im Jahr 2017 insgesamt 1850 Personen wegen solcher Taten verurteilt, davon 1050 zu Freiheitsstrafen, von denen 980 zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Zahl der Verurteilungen zu Strafen bis zu einem Jahr betrug 801, die über zwei Jahre 26. Das liegt nicht daran, dass die Strafgerichte von unbegreiflicher Milde befallen sind, sondern daran, dass die meisten Taten eben nicht "das Grauen" verkörpern und nicht schwer sind. Man muss sich, abseits vom Sensations-"Grauen", klarmachen, dass tatbestandliche Kinderpornografie auch schon ein einziges virtuelles Bild ist, das eine Person unter 14 Jahren in sexuell betonter Pose zeigt. Nicht alle Täter sind süchtige Monster, die sich in den Tiefen des Darknets zu Horrortaten stimulieren. Es gibt sie, aber sie sind nicht die Regel. Nicht in jedem zweiten kleinbürgerlichen Einfamilienhaus wohnt "das Grauen".

Dämonisierung ist genauso irrational und wie eine Bagatellisierung

§ 184b StGB ist ein Vorfeld-Delikt. Es setzt nicht voraus, dass tatsächlich ein Kind sexuell missbraucht wurde, und hat dies nicht regelmäßig zur Folge. Die Tat, die da bestraft wird, spielt sich zunächst einmal nur in der Fantasie ab: Strafbar ist das Anschauen von verbotenen Bildern. Dass man dies als kriminelles Unrecht ansieht, ist nicht selbstverständlich. Es wird in § 184a StGB sogar ganz merkwürdig: Als "Tierpornografie" wird das Besitzen von Bildern bestraft, auf denen ein sexuelles Verhalten zu sehen ist, das selbst gar nicht strafbar ist. Das tatsächliche Ausführen der Handlungen, die der Humorkünstler Böhmermann einst einem ausländischen Präsidenten andichtete, wäre also bei uns gar nicht strafbar - wohl aber das Besitzen einer kritzeligen Zeichnung davon.

Eine Dämonisierung von Kinder- und Jugendpornografie ist genauso irrational und schädlich wie eine Bagatellisierung schwerer Taten. Man muss sich probeweise klarmachen, dass das Besitzen einer Bauanleitung für Atombomben straflos ist, der Besitz eines (!) gemalten (!) Bildes vom nackten Busen einer 13-Jährigen aber mit Freiheitsstrafe von drei Jahren bedroht ist.

Ich vertrete gewiss nicht die generelle Straflosigkeit von Kinderpornografie. Aber man muss sich einer wenig nützlichen, kontraproduktiven Hysterisierung auch hier entgegenstellen. Und man muss sich gelegentlich in Erinnerung rufen, in welch exzessivem Maß unsere Gesellschaft öffentlich sexualisiert und geradezu manisch auf jugendliche Sexualität fixiert ist: in Werbung, Mode, Showgeschäft, Freizeit, Unterhaltungsindustrie. Die "Reinheit", Unschuld und extreme Verletzlichkeit, die Kindern heute zugeschrieben und angedichtet wird, ist vielfach nur die psychologisch verdrehte Kehrseite von Selbstbespiegelung, Identifikation mit einer idealisierten Kindlichkeit und hemmungsloser Sexualisierung des gesamten Lebenskontexts.



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spmc-135322777912941 12.09.2019
1. Einige Bilder die niemand kennt ?
Die Staatsanwaltschaft hoffentlich schon sonst hätte es wohl nicht zu einem Anfangsverdacht gereicht. Unwohl ist mir allerdings bei dieser Geschichte schon, im Gegensatz zu Kachelmann, dem ich alles zugetraut hätte, erscheint mir Metzelder als Ehrenmann und das wird er bleiben bis er rechtmässig verurteilt ist, washoffentlich nicht passieren wird. Und natürlich ist Kachelmann auch unbescholten und unschuldig.
MoorGraf 12.09.2019
2. das sehe ich anders: die Berichterstattung der BILD ist sehr ok
die Reporter der BILD decken auf, dass Metzelder Bilder von Kinderpornografie mit sich trägt. Ordnungsgemäß gehen sie damit zur Polizei. Der Staatsanwalt findet die Belege stichhaltig genug, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten und erst danach dann berichteten die Journalisten in der BILD darüber, dass es ein Ermittlungsverfahren gibt: aus meiner Sicht ist das alles richtig und fair gelaufen. Wann sollen Journalisten/Presse denn sonst berichten? erst NACH der Verurteilung? Dann wären alle Berichte über den NSU, über Trumps mögliche Vorteilnahme im Amt für seine Hotels und selbst die Berichte über Relotius unethisch, was ich für Quatsch halte. Aus der Luft gegriffene Behauptungen sind ehrenrührig und öffentliche Darstellung ist zurecht verboten, aber was hier vorliegt, ist exakt das, was investigativer Journalismus darf, kann und soll! Und "nicht verurteilt" ist aus Sicht von vielen tatsächlich was anderes als "komplett freigesprochen". Wenn die Beweise "gerade so nicht reichen" und das im Verfahren auch sehr deutlich wird (bis hin zur Urteilsbegründung), ist das eben was anderes als "komplett unschuldig". Hat der Müller-Report Trump "vollständig und komplett von jeder Behinderung der Justiz" freigesprochen? Nein, das hat er nicht (sagt zumindest Müller), aber die Beweise waren nicht stark genug, als dass er selber Anklage erheben konnte. Dafür ist das halbe damalige Wahlkampfteam wegen Wahlbetrug etc. mittlerweile im Gefängnis. Klingt für mich anders als "komplett freigesprochen"
mussich 12.09.2019
3. ich hoffe, dass er unschuldig ist ..
.. und sich alles aufklärt. Warum sollte einer wie er schlimme Bilder über Whatsapp verschicken. Das würde doch keiner mit "solchen Interessen" je machen. Diese Angelegenheit darf sich auf keinen Fall hinziehen, sonst bleibt auf jeden Fall etwas an ihm hängen. Schuldig oder eben auch nicht.
klaiberwolfgang 12.09.2019
4. Sauerei
Es ist eine Sauerei was da passiert. Und jede Berichterstattung über Metzelder zu diesem Thema- egal ob gut oder schlecht - verschlimmert die Voreingenommenheit gegenüber ihm, obwohl er vielleicht komplett unschuldig ist. Auch dieser Bericht in SPON (natürlich mit Bild von Metzelder) schadet ihm nur ...
plaudertasche123 12.09.2019
5. Wie bitte?
Okay ich gebe zu, beim ersten Satz: "Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern um einige Bilder, die niemand kennt." habe ich aufgehört zu lesen. Diese Formulierung ist nicht tragbar. Die Bilder kennt die Staatsanwaltschaft, und der waren sie offenbar ein Ermittlungsverfahren wert. Das muss reichen. Und falls an dem Vorwurf tatsächlich etwas dran ist, dann ist das für die betroffenen Kinder seelischer Mord und Totschlag.
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