Wachsfiguren-Prozess 900 Euro Strafe für Attentat auf Hitler-Puppe

Frank L. hatte im Berliner Wachsfiguren-Kabinett die Adolf- Hitler-Figur geköpft. Vor Gericht legte der Attentäter ein umfassendes Geständnis ab: Dass die Puppe des Diktators in der Nachbarschaft des Holocaust-Mahnmals stand, habe er nicht ertragen können.

Von Zacharias Zacharakis


Berlin - Sein Geständnis versteht der Angeklagte gleichzeitig als ein politisches Bekenntnis. Frank L. sitzt vor der Richterin in Saal 370 des Amtsgerichts Tiergarten und liest von einem Blatt Papier ab: "Ich würde mich als einen Menschen mit politischem Bewusstsein bezeichnen", sagt der 42-Jährige, dessen Anschlag auf die Wachsfigur von Adolf Hitler im vergangenen Sommer von weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit durchaus wohlwollend aufgenommen wurde. Jetzt aber muss sich der Berliner für seine Tat vor Gericht verantworten.

1800 Euro Strafe sollte der arbeitslose Altenpfleger bezahlen, das hatte die Berliner Justiz in einem Strafbefehl gefordert. Doch der Beschuldigte legte Einspruch ein und erzwang damit einen Prozess. Nun hockt Frank L. also auf der Anklagebank. Sein Nasenpiercing und ein massiger Ohrring glänzen matt im Licht des Gerichtsaals. Die schwarze Baseball-Kappe sitzt lässig auf dem Hinterkopf. Er beginnt seinen Bericht mit dem Abend vor der Tat.

Da habe er zusammen mit Freunden in seiner Kreuzberger Stammkneipe "Schlawinchen" gesessen und intensiv über das Thema diskutiert, berichtet der einstige Polizist, der sich nach seiner Ausbildung allerdings zu einem anderen Beruf entschloss. "Wir haben die schon bekannten Fotos der Ausstellung angesehen und darüber gesprochen, wie ungeniert positiv Hitler dargestellt wird, als willensstarker Mensch, der auch in Bedrängnis sich treu bleibt." Durchhalten bis in den Tod, das sei ja schließlich "eine Nazi-Devise" gewesen.

Mutter in den Kriegstrümmern vor Augen

Diese Darstellung habe er als "unerträglich" empfunden, sagt Frank L. heute. Außerdem habe ihn die geringe Distanz zwischen dem Museum und dem Mahnmal für die ermordeten Juden gestört: "Man kann sich als Hinterbliebener das Mahnmal ansehen und dann unversehens im Wachsfigurenkabinett dem lebensechten Mörder gegenüber stehen."

Schließlich habe er seinen Freunden versprochen, dass er die Wachsfigur gleich am nächsten Morgen zerstören wolle. In der Nacht seien ihm zwar noch Zweifel gekommen. Aber er fuhr nach Berlin Mitte, stellte sich an die Kasse, zahlte Eintritt und gelangte als zweiter Besucher in das neue "Madame Tussauds"-Museum.

"Als ich in der Ausstellung war und die Figur Willy Brandts und dann Hitlers wie ein Mittelpunkt der Ausstellung gesehen habe, hat sich mein Antrieb, für meine Überzeugung einzustehen und ein Zeichen zu setzen, wieder belebt", sagt Frank L. In diesem Moment habe er das Bild seiner Mutter vor Augen gehabt, die in der Berliner Trümmerlandschaft aufgewachsen sei.

Gezielter Tritt mit dem Fuß gegen den Kopf

Dann stürzte sich der drahtige Mann auf das Arrangement mit der Diktator-Puppe. "Nie wieder Krieg, kein Führer in Berlin, Kampf dem Faschismus und Tod dem Führer", schrie Frank L. und kletterte dabei über den Schreibtisch, an dem die Hitler-Figur saß. Zwei Wachleute versuchten ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

Frank L. klammerte sich in dem Gerangel an die Puppe, stürzte mit ihr zu Boden und trat, nach Schilderung des Staatsanwalts, "mit dem Fuß gezielt" den Kopf des Führers ab. Dabei verlor die Wachsfigur auch einige Finger. Einer der Wachmänner erlitt bei dem Kampf leichte Schürfwunden. An der 200.000 Euro teuren Puppe entstand ein Schaden in Höhe von 6325 Euro. "Hinterher bin ich total zusammengeklappt", sagt Frank L. zum Ende seines Geständnisses.

Nach dem Bericht des Angeklagten zieht sich die Richterin nur kurz zurück und verkündet dann ihr Urteil: 900 Euro Geldstrafe, 60 Tagessätze zu 15 Euro, also genau die Hälfte der im Strafbefehl geforderten Summe. Seine beiden Anwälte werten die Entscheidung des Gerichts als Sieg für Frank L.

Der gebrochene Diktator

"Die Nazi-Dämonie wurde in dem Wachsfigurenkabinett geradezu angeheizt", sagt Verteidiger Richard Radtke. Madame Tussauds habe darauf abgezielt, mit dem Schauder Geld zu verdienen.

Nach der Reparatur der Puppe habe das Unternehmen nun bewusst eine andere Darstellung gewählt. Vorher saß die Hitler-Figur etwas vorgebeugt und mit strengem Blick am Schreibtisch. Die Gestalt der neuen Puppe wirkt in sich zusammengesunken, das Haar liegt strähnig im Gesicht, die Krawatte hängt locker gebunden am Hals. "Er macht jetzt den Eindruck eines gebrochenen Mannes", sagt Rechtsanwalt Radtke. Mit dem neuen Arrangement könne sich auch Frank L. besser abfinden.



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