Waffenfans im Darknet nach Festnahme "Löscht ALLES!"

Nach der Festnahme des 31-jährigen Waffenhändlers Philipp K. ist die illegale Waffenszene in Unruhe geraten. SPIEGEL-Recherchen in einem Darknet-Forum zeigen auch, wie freimütig dort Geschäfte gemacht werden.

Darknet (Symbolbild)
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"Löscht ALLES!" forderte ein Mitglied des Darknet-Forums "Deutschland im Deep Web" (DIDW). "Sorgt dafür, dass man in eurer Bude NICHTS findet!"

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Appelle wie diese zeigen: Die Festnahme des 31-jährigen Waffenhändlers Philipp K. hat die illegale Waffenszene verunsichert. Der SPIEGEL konnte die geschlossenen Bereiche des DIDW-Forums in den vergangenen Wochen einsehen, stieß so unter anderem auf den Lösch-Aufruf. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

In dem Forum waren auch der Münchner Amokläufer David Sonboly und sein mutmaßlicher Waffenlieferant Philipp K. aktiv.

Am Dienstag hatten Spezialkräfte des Zollkriminalamts K. in Marburg bei einem fingierten Waffengeschäft festgenommen. Verdeckte Ermittler hatten zuvor im Darknet Kontakt zu ihm aufgenommen und sich als Waffeninteressenten ausgegeben. K. bestritt nach Erkenntnissen der Ermittler seinen Lebensunterhalt im Wesentlichen mit dem Verkauf illegaler Waffen und Munition.

Und K. war es wohl auch, der Sonboly die Glock-Pistole verkaufte, mit der der Amokläufer neun Menschen und sich selbst erschoss. Sonboly soll K. für die Pistole und Munition insgesamt 4350 Euro gezahlt haben.

K. und Sonboly waren zuvor im Darknet in Kontakt gekommen. Die SPIEGEL-Recherchen im geschlossenen Bereiche des DIDW-Forums zeigen, wie überraschend freimütig die anonymen Waffenfans kommunizieren. "Gesucht wird eine möglichst handliche Waffe (Kurzwaffe) mit zwei Magazinen und ausreichend Munition", heißt es in einem Beitrag. Ein anderer Nutzer schreibt: "Falls dein zukünftiger Kunde Munition benötigt, hab grad was da."

Gleichzeitig ist im DIDW-Forum die Angst vor verdeckten Ermittlern gewachsen. Diese werden von den Forumsteilnehmern mit dem Codenamen "Uwe" bezeichnet.

Forumsmitglieder wollen den festgenommenen Waffenhändler Philipp K. inzwischen unter dem Pseudonym "Rico" identifiziert haben. "Rico" beschrieb in Forumsbeiträgen, wie er Waffen illegal in der Schweiz, Tschechien und der Slowakei erworben habe. Schießübungen habe er nachts in der Nähe einer Autobahn bei Köln durchgeführt. Statt Waffen anonym per Post zu verschicken, setzte "Rico" auf persönliche Übergaben ("Real Life Treffs"). Ob "Rico" das Pseudonym des festgenommenen Philipp K. war, wollte die Frankfurter Generalstaatsanwalt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht kommentieren.

Was ist das Darknet?
Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Viele nutzen ihn, um auch beim Surfen im WWW anonym zu bleiben. Tor nutzt dafür eine Technik namens "Onion Routing".

Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie google.de oder spiegel.de angesteuert werden. Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurechtzufinden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.

In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich über einen normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich: das Deep Web. Man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.

Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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