Ermordeter CDU-Politiker Hunderte Menschen kommen zu Mahnwache in Lübckes Heimatort

"Er ist als Christ ermordet worden": Im Heimatort des mutmaßlich von einem Rechtsextremisten getöteten Walter Lübcke haben viele Menschen des Politikers gedacht. Auch in Kassel gingen Hunderte auf die Straße.

Swen Pförtner/DPA

An einer Mahnwache für den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke haben in dessen Heimatstadt Wolfhagen mehrere Hundert Menschen teilgenommen. "Der Marktplatz war voll", sagte der Dekan des Evangelischen Kirchenkreises, Gernot Gerlach, nach dem Gedenken. Es seien weit mehr Menschen gekommen als erwartet.

Zu der Mahnwache hatten der Kirchenkreis Wolfhagen und die Stadt aufgerufen. "Er ist als Christ ermordet worden", sagte der Geistliche, der Lübcke seit den Neunzigerjahren in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder begegnet war. "Diesen Politiker zeichnet aus, dass er sich mit einer klaren Haltung des christlichen Glaubens politisch eingebracht hat."

Grundlage und Orientierung von Lübckes Handeln, auch seines Einsatzes für Geflüchtete, sei ein im Matthäus-Evangelium überliefertes Wort Jesu gewesen, sagte Gerlach: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

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Gedenken an Walter Lübcke: "Er hat sich mit klarer Haltung eingebracht"

Während der Mahnwache, zu der auch eine Ansprache des parteilosen Bürgermeisters Reinhard Schaake gehörte, entzündete Dekan Gerlach drei Kerzen - darunter eine "für alle Anwesenden, die dem Zerstörungswahn der Rechtsextremisten widerstehen und sagen: Halt, stopp!". Der oder die Täter hätten Lübcke zwar das Leben genommen, könnten ihm aber nicht seine Würde rauben.

Der CDU-Politiker Lübcke, Regierungspräsident in Kassel, war in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha bei Kassel niedergeschossen worden. Dringend tatverdächtig ist der einschlägig vorbestrafte Rechtsextremist Stephan E. Der 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft stuft das Verbrechen als politisches Attentat mit rechtsextremem Hintergrund ein. (In der SPIEGEL-Titelstory erfahren Sie die Hintergründe des Falls.)

In Kassel gingen am Samstag ebenfalls Hunderte Menschen wegen des Mordes an Lübcke auf die Straße. Etwa 2000 Menschen demonstrierten gegen Rechtsextremismus und Gewalt, wie eine Polizeisprecherin während der Auftaktkundgebung auf dem Opernplatz in der Stadt sagte. Zunächst war von 1200 Teilnehmern die Rede gewesen.

Die Teilnehmer folgten dem Aufruf eines Bündnisses von mehr als 60 lokalen Organisationen. Darunter waren SPD, Grüne und Linkspartei sowie Gewerkschaften, das Staatstheater und die für die Aufnahme von Mittelmeerflüchtlingen eintretende Bewegung Seebrücke.

"Schon wieder ist es Kassel", heißt es in dem Aufruf mit Blick auf das letzte Mordopfer der rechtsextremen Terrorgruppe NSU: Halit Yozgat wurde 2006 in Kassel erschossen. Das Bündnis fordert unter anderem ein Verbot und die Auflösung der Neonazigruppe "Combat 18", die mit Stephan E. in Verbindung gebracht wird.

Zuletzt war im dem Kriminalfall bekannt geworden, dass Lübckes Name auf einer Liste des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) stand. Die Rechtsterroristen führten den Kasseler Regierungspräsidenten in einer Liste mit 10.000 Namen von Personen und Objekten, die dem SPIEGEL vorliegt.

Lübckes Name findet sich weiter hinten auf der Liste, in der das rechtsextreme Terrornetzwerk nach SPIEGEL-Informationen auch seine Privatanschrift sowie die Telefonnummer gespeichert hatte. Ob für den CDU-Politiker wegen dieses Eintrags eine Gefahr bestand, ist unklar. Der NSU war 2011 enttarnt worden, die massiven Anfeindungen aus dem rechten Milieu gegen Lübcke wegen seiner liberalen Haltung in Asylfragen begannen im Jahr 2015. Lübcke war seit Mai 2009 Regierungspräsident in Kassel.

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Inzwischen prüft das Landeskriminalamt in Sachsen im Mordfall Lübcke mögliche Kontakte des Tatverdächtigen zur Neonazi-Szene im Freistaat, wie Landesinnenminister Roland Wöller sagte. "Wir müssen alle Anzeichen, alle Hinweise ernst nehmen", so der CDU-Politiker. "Rechtsextremistische Gruppierungen sind eine Gefahr und dem müssen wir frühzeitig entgegentreten." Auch das Innenministerium in Thüringen prüft mögliche Verbindungen, wie Innenminister Georg Maier (SPD) auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte.

SPIEGEL-Informationen zufolge zeichnet sich bei den Ermittlungen ein mögliches Motiv ab. Demnach halten es die ermittelnden Beamten für möglich, dass E. im Jahr 2015 die Bürgerversammlung besucht hat, auf der sich Lübcke durch eine kurze Äußerung den Unmut rechtsgerichteter Zuhörer und Internetnutzer zugezogen hat. Derzeit werde überprüft, ob E. unter den rund 800 Besuchern gewesen sei, hieß es aus Polizeikreisen.

mxw/dpa

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