Mutmaßlicher Waffenvermittler im Fall Lübcke Polizei befragte Markus H. schon 2006 zu NSU-Mord

Mordermittler haben einen der Verdächtigen im Mordfall Lübcke bereits vor 13 Jahren vernommen: Der jetzt festgenommene Rechtsextremist Markus H. tauchte im Verfahren zu einem NSU-Mord auf.

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Der wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke festgenommene Rechtsextremist Markus H. war schon einmal im Visier von Mordermittlern. Im Juni 2006 war H. als Zeuge im Mordfall Halit Yozgat vernommen worden. Das geht aus Ermittlungsunterlagen der damaligen Kasseler Mordkommission "MK - Café" hervor, die der SPIEGEL auswerten konnte. Die Tat wird heute der rechtsextremen Terrorgruppe NSU zugeschrieben.

Der in Kassel lebende H. war den Fahndern seinerzeit aufgefallen, weil er immer wieder eine speziell eingerichtete Internetseite des Bundeskriminalamts (BKA) aufgerufen hatte. Ermittler hatten dort um Hinweise zu der damals noch ungeklärten Mordserie gebeten, der auch Halit Yozgat zum Opfer gefallen war. Er hatte in Kassel ein Internetcafé betrieben. Yozgat war - wie zuvor acht weitere Menschen aus Einwandererfamilien - von unbekannten Tätern mit der gleichen Pistole ermordet worden.

Am 12. Juni 2006 wurde Markus H. ins Polizeipräsidium Nordhessen zur Zeugenvernehmung geladen. Auf die Frage, ob er das Mordopfer gekannt habe, gab er an, Halit Yozgat einmal "ganz kurz kennengelernt" zu haben, an einer Imbissbude in Kassel.

Durch das Gespräch mit einem Bekannten sei sein Interesse an der Fahndungsseite des BKA geweckt worden, wo er unter anderem nach einem Foto des Verstorbenen geschaut habe. Danach habe er "immer mal wieder" die Fahndungsseite angeklickt, um sich über die "neuesten Entwicklungen in dieser Mordsache zu informieren".

Zu seinem Alibi am Nachmittag des Mordes an Halit Yozgat befragt, erklärte der damals 30-jährige Markus H., dass er in einem Supermarkt zum Einkaufen gewesen sei und später einen Bekannten getroffen habe.

Von H.s mutmaßlichen Verbindungen in die rechtsextreme Szene Kassels findet sich in den dem SPIEGEL zugänglichen Unterlagen der damaligen Mordkommission kein Wort. Einen Tag nach der Vernehmung legten die Ermittler die Spur zu den Akten. Auf dem entsprechenden Spurenblatt wurde die Überprüfung von Markus H. als "erledigt" markiert. Die Spur sei "nicht weiter relevant, als abgeschlossen anzusehen".

Drei Jahre später, am 1. Mai 2009, wurde Markus H. laut Polizeiakten bei einem Aufmarsch gewalttätiger Neonazis in Dortmund aufgegriffen. Unter den seinerzeit festgenommenen Rechtsextremisten befand sich auch der Neonazi Stephan Ernst, der am Dienstag den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gestanden hatte.

In seinem rund achtstündigen Geständnis hatte Ernst den Fahndern auch von einem versteckten Waffendepot berichtet, das daraufhin von den Ermittlern gesichert wurde. Auf Fragen, wie er an die illegalen Schusswaffen gekommen sei, soll Ernst den Namen von Markus H. erwähnt haben, der offenbar entsprechende Kontakte zu einem Waffenhändler im Raum Höxter vermittelte.

Markus H. hat nach SPIEGEL-Informationen seit Längerem Kontakte in die rechtsextreme Szene und war den Behörden in der Vergangenheit einschlägig aufgefallen.

Die Bundesanwaltschaft hat gegen Markus H. ebenso wie gegen den mutmaßlichen Waffenhändler Elmar J. Haftbefehl beantragt. Beiden wird Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke vorgeworfen. Den Ermittlern zufolge gibt es bislang keine greifbaren Hinweise dafür, dass sie "von den konkreten Anschlagsplänen Kenntnis hatten, geschweige denn in diese eingebunden gewesen sind".

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