Fall Walter Lübcke Tatverdächtiger Stephan E. war wohl nicht bei "Combat 18"-Treffen in Mücka

Laut einem Medienbericht soll Stephan E. im Frühling beim Treffen einer Neonazigruppe gesehen worden sein. Ermittler prüfen mögliche Verbindungen. Doch nach SPIEGEL-TV-Recherchen handelt es sich wohl um eine Verwechslung.

Nur eine Verwechslung? Karsten H. (2.v.l.) meldete sich am Wochenende bei der Polizei in Hessen.
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Nur eine Verwechslung? Karsten H. (2.v.l.) meldete sich am Wochenende bei der Polizei in Hessen.

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Es klang nach einer erschreckenden Enthüllung: Noch im März 2019 soll Stephan E., der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, an einem konspirativen Treffen von Neonazis der Gruppe "Combat 18" im sächsischen Mücka teilgenommen haben. Ein entsprechendes Foto, aufgenommen aus einiger Entfernung, hatte das ARD-Magazin "Monitor" präsentiert, und daraus geschlussfolgert, der Tatverdächtige E. habe "bis zuletzt" in Kontakt mit militanten Neonazis gestanden.

Würde das stimmen, wäre es ein eklatantes Versagen der Sicherheitsbehörden: Ihnen war Stephan E. seit zehn Jahren nicht mehr aufgefallen. Das letzte Mal tauchte er in ihren Akten offenbar 2009 auf, als 400 Neonazis eine Gewerkschaftskundgebung in Dortmund angriffen.

Doch nach Recherchen von SPIEGEL TV handelte es sich wohl um eine Verwechslung. Davon gehen auch die Sicherheitsbehörden inzwischen aus: Bei dem Mann auf dem von "Monitor" präsentierten Foto dürfte es sich um Karsten H. handeln. Der 33-Jährige gehört zum Umfeld der Neonazi-Musikband "Oidoxie".

Aus sächsischen Sicherheitskreisen heißt es, der Staatsschutz und der Verfassungsschutz gingen davon aus, dass das Foto Karsten H. zeige, nicht Stephan E. Offiziell wollte sich von den Ermittlern niemand äußern.

Nach Informationen des SPIEGEL hat sich Karsten H. am Wochenende selbst bei der Polizei in Hessen gemeldet. Entsprechende Aussagen hatte auch der Neonazi und Vize-NPD-Chef Thorsten Heise am Wochenende gegenüber SPIEGEL TV gemacht.

Die Soko "Liemecke", die im Mordfall Walter Lübcke ermittelt, überprüft derzeit die Angaben von Karsten H. Wie Fotos zeigen, war er auch bereits bei einem früheren Treffen der Rechtsextremen in Mücka im Jahr 2017 anwesend. Er ist deutlich kleiner als Stephan E.

Das Magazin "Monitor" hatte sich auf das Gutachten eins Sachverständigen berufen, der Stephan E.s Anwesenheit bei dem Neonazitreff im März 2019 auf Grundlage des Fotos als "praktisch erwiesen" angesehen hatte. Auf Anfrage des SPIEGEL teilte das TV-Magazin mit, die Redaktion sehe "bisher keinen Anlass, an der Seriosität dieses Gutachtens und seines Verfassers zu zweifeln".

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses im hessischen Wolfhagen-Istha niedergeschossen worden. Dringend tatverdächtig ist der einschlägig vorbestrafte Rechtsextremist Stephan E. Der 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen. Die Bundesanwaltschaft stuft das Verbrechen als politisches Attentat mit rechtsextremem Hintergrund ein.

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SPIEGEL-Informationen zufolge zeichnet sich bei den Ermittlungen zum Mord an Lübcke inzwischen ein mögliches Motiv ab. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, halten es die ermittelnden Beamten für möglich, dass E. im Jahr 2015 die Bürgerversammlung besucht hat, auf der sich Lübcke durch eine kurze Äußerung den Unmut rechtsgerichteter Zuhörer und Internetnutzer zugezogen hat. Derzeit werde überprüft, ob E. unter den rund 800 Besuchern gewesen sei, heißt es aus Polizeikreisen.

Nach Kenntnis der Ermittler soll E. Lübckes Auftritt gegenüber Gleichgesinnten "kommentiert und bewertet" haben. In einem Chat habe er den CDU-Politiker als "Volksverräter" bezeichnet.

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