Mordfall Walter Lübcke Was wir über den Täter wissen

Nachbarn hielten ihn für unscheinbar, doch online drohte er offen mit Gewalttaten: Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke ist geständig. Was ist über den vorbestraften Extremisten bekannt?

Politischer Mord: Trauerfeier für Walter Lübcke am 13. Juni in Kassel
Swen Pfoertner/Pool/REUTERS

Politischer Mord: Trauerfeier für Walter Lübcke am 13. Juni in Kassel


  • Der Täter

Der aus Kassel stammende Stephan Ernst hat gestanden, Anfang Juni den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke mit einem Kopfschuss getötet zu haben. Der mutmaßliche Mörder (45) sitzt bereits seit Mitte Juni unter dringendem Tatverdacht in Untersuchungshaft.

Ernst hatte bis zu seiner Festnahme mit Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus im Kasseler Osten gelebt. Anwohner beschrieben den Vater als unauffälligen Nachbarn. Unter Kollegen - zuletzt arbeitete er im Schichtdienst bei einem Hersteller für Bahntechnik - galt er ebenfalls als zurückhaltend.

Auch im Schützenverein, in dem er als Referent für die Bogenabteilung zuständig war, hieß es, Ernst sei ein "ganz ruhiger, unauffälliger Typ". Zugriff auf die Waffen des Vereins habe er nicht gehabt.

  • Die Vorgeschichte

Der Geständige hat eine Vergangenheit als gewaltbereiter Rechtsextremist, die ihre Anfänge bereits in den Achtzigerjahren haben soll. Ernst war unter anderem im Umfeld der hessischen NPD aktiv und für einige Zeit auch Mitglied. Wiederholt fiel er wegen Gewaltdelikten, Verstößen gegen das Waffengesetz, Eigentumsdelikten sowie gemeingefährlicher Straftaten auf.

1992 stach er in Wiesbaden einen Ausländer nieder, ein Jahr später griff er mit einer Rohrbombe eine Asylbewerberunterkunft im hessischen Hohenstein-Steckenroth an, im Gefängnis schlug er einem mitgefangenen Migranten mit einem abmontierten Stuhlbein aus Eisen auf den Kopf.

Unter anderem pflegte Ernst in der Vergangenheit Kontakt zu Neonazis aus der militanten Gruppierung "Combat 18", die in Verbindung mit "Blood & Honour" stand - jenem Netzwerk, das auch dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) half. Zuletzt war zudem bekannt geworden, dass der Name Lübckes mitsamt Privatadresse auf einer Liste des NSU mit etwa 10.000 weiteren Einträgen stand.

Über mögliche Zusammenhänge zwischen diesen Erkenntnissen ist bislang nichts Detailliertes bekannt. Die Ermittler hatten die von Ernst ausgehende Gefahr in der jüngeren Vergangenheit als eher gering eingeschätzt. Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, soll im Innenausschuss des Bundestags gesagt haben, die Behörden hätten Stephan Ernst seit 2009 nicht mehr intensiv auf dem Schirm gehabt. (Mehr über den Fall Lübcke erfahren Sie hier in der SPIEGEL-Titelstory.)

  • Das Motiv

Über sein Motiv sagte Ernst nach SPIEGEL-Informationen, seine Tat sei eine Reaktion auf Lübckes Äußerungen über Flüchtlinge im Oktober 2015 im hessischen Lohfelden gewesen. Der CDU-Politiker hatte damals in der Debatte über die Asylpolitik gesagt: "Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen."

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Ernst war nach SPIEGEL-Informationen bei der Bürgerversammlung, auf der diese Worte fielen, selbst anwesend. Wann genau er aufgrund Lübckes Äußerungen den Plan fasste, den Politiker zu töten, ist bislang nicht klar. Sein Verteidiger war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

  • Das Umfeld

Weitgehend unklar ist bislang, welche möglichen Mitwisser und Komplizen Ernst im rechtsextremen Milieu hatte. Nach SPIEGEL-Informationen versuchte er nach seiner Tat unter anderem, seine Partnerin und einen Bekannten einzuspannen: Er soll einen Arbeitskollegen um ein Alibi für die Tatnacht gebeten haben, falls die Polizei danach frage. Ernsts Lebensgefährtin hatte ihm kein Alibi gegeben.

Im Internet führte der vermeintlich unauffällige Ernst ein völlig anderes Leben. Dort konsumierte er laut Ermittlern extrem rechte Inhalte und veröffentlichte hetzerische Kommentare sowie Gewaltandrohungen. In einem Onlineforum schrieb er etwa Folgendes: "Entweder diese Regierung dankt in Kürze ab, oder es wird Tote geben."

Nach SPIEGEL-Informationen räumte er zudem in seiner Vernehmung ein, auf YouTube unter dem Nutzernamen "Game Over" Beiträge verfasst zu haben. So habe er sinngemäß online geschrieben, dass die Frage sei, "wann wir zurückschlagen", und davon gesprochen, dass es "viele Tote" geben könne.

mxw

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