Verdächtiger im Fall Lübcke Stephan E. soll keinen Zugriff auf Waffen von Schützenverein gehabt haben

Spurensuche in Kassel: Stephan E., dringend tatverdächtig im Mordfall des Regierungspräsidenten Lübcke, war jahrelang im Schützenverein aktiv, in der Bogenabteilung - und galt als "ruhig" und "freundlich".

Von , Kassel


Der Verdächtige im Kriminalfall um den per Kopfschuss ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke, Stefan E., hatte offenbar keinen Zugriff auf die Waffen seines Schützenvereins.

Die Vorstandsvorsitzenden des Schützenklubs Sandershausen, in dem E. aktiv war, sagten dem SPIEGEL, E. habe keine Waffenbesitzkarte besessen und keinen Zugriff zu den Waffen des Vereins gehabt. Nur vier Personen seien dazu im Klub überhaupt berechtigt.

"Das war ein ganz ruhiger, unauffälliger Typ", sagte Reiner Weidemann, einer der beiden Vorstandsvorsitzenden des Schützenklubs. E. sei seit neun oder zehn Jahren im Verein aktiv.

Stephan E. auf einem Bild des Vereins
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Stephan E. auf einem Bild des Vereins

Das Schützenhaus des Vereins befindet sich in einer kleinen Gemeinde einige Kilometer von Kassel entfernt. E. habe sich um die Bogenabteilung gekümmert. Nur einmal habe er vielleicht mit dem Luftgewehr geschossen, sagen die Vorstandsvorsitzenden. Er sei immer freundlich gewesen, rechtsextremistische Äußerungen seien ihnen nicht aufgefallen.

Sie können kaum glauben, dass E. ein Mörder sein soll. "Der hat hier Freitag erst den Rasen gemäht", sagt einer der Männer. Das Waffenarsenal des Schützenvereins ist nach ihrer Kenntnis vollzählig, es fehle nichts. Das Schützenhaus sei bislang seitens der Ermittler nicht durchsucht worden.

Nach SPIEGEL-Informationen soll E. Kontakt zu Neonazis aus der militanten Gruppierung "Combat 18" gehabt haben - deren Anhänger handelten in der Vergangenheit mit Waffen und verfassten Anleitungen zum Bombenbau. Die Gruppe stand zudem in Verbindung mit "Blood & Honour" - jenem Netzwerk, das auch dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) half.

Im Jahr 1993 soll Stephan E. einem Bericht der "Zeit" zufolge mit einer Rohrbombe eine Asylbewerberunterkunft im hessischen Hohenstein-Steckenroth angegriffen haben. Auch im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss, der die regionale Szene beleuchtete, war Stephan E. ein Thema.

Der 65-jährige Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni gegen 0.30 Uhr auf der Terrasse seines Wohnhauses im hessischen Wolfhagen-Istha entdeckt worden. Er hatte eine Schussverletzung am Kopf und starb kurz darauf. E. war von der Polizei am frühen Samstagmorgen wegen Mordverdachts festgenommen worden.



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