Tödliche Schüsse "Kein Polizist hat Interesse daran, jemanden umzubringen"

Der Angreifer von Würzburg starb durch Kugeln von SEK-Beamten. Wann dürfen Polizisten auf Menschen schießen? Und wohin zielen sie? Ein Experte gibt Antworten.

Mitglieder des SEK Frankfurt
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Mitglieder des SEK Frankfurt

Ein Interview von


Zur Person
    Oliver Tschirner ist Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizei in Northeim-Osterode. Er hat über Polizisten geforscht, die im Dienst ungewollt einen Menschen getötet haben. Viele leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, einige schaffen es nach der Tat nicht mehr, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Für Kriminaloberrat Tschirner erwächst daraus eine Fürsorgepflicht und große Verantwortung für den Dienstherren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tschirner, Sie sind selbst Polizist und haben zu tödlichen Schüssen im Einsatz und deren Folgen geforscht. Wie sollen sich Beamte in einer Bedrohungssituation verhalten?

Oliver Tschirner: Das Wichtigste ist, dass ich als Polizist abgestuft auf einen Angriff reagiere: Als Erstes muss ich eine Fremdgefährdung ausschließen, dafür sorgen, dass Umstehende oder Passanten sicher sind. Ich muss klären, welche Mittel der Angreifer anwendet und aus welcher Distanz er damit gefährlich werden kann. Wenn mir jemand mit der Faust droht, muss ich grundsätzlich keine Schusswaffe einsetzen, sondern kann das körperlich abwehren.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn jemand mit einem Messer auf Sie losgeht?

Tschirner: Dann kann ich zunächst versuchen, die Situation mit Worten zu klären, falls das möglich ist. Der Aufforderung, eine Waffe niederzulegen, wird erstaunlich oft Folge geleistet. Allerdings muss auch dabei ein Schusswaffeneinsatz immer mit einkalkuliert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das nicht funktioniert, weil der Angreifer unkontrollierbar ist, alkoholisiert, psychotisch oder mit Drogen vollgepumpt?

Tschirner: Wenn er sehr emotional ist und stark unter Druck steht, wenn der Adrenalinspiegel hoch ist, dann kann ich den Schusswaffengebrauch androhen - aber natürlich nur, wenn er in dieser Situation erlaubt ist.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal bleibt aber keine Zeit für Drohungen.

Tschirner: Genau. Aber der Schusswaffengebrauch ist immer die Ultima ratio, um jemanden angriffsunfähig zu machen. Und definitiv nicht, um einen Menschen zu töten. Kein Polizist hat ein Interesse daran, jemanden umzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Aber was tun Sie, wenn Fremdgefährdung besteht und akut Gefahr in Verzug ist?

Tschirner: Dann würden wir auf die Extremitäten schießen, Arme oder Beine. Das ist natürlich situationsabhängig. Wenn der Angreifer bewaffnet ist, würden wir versuchen, ihn durch die Schüsse zu entwaffnen. Der berühmte Knieschuss aus dem Western ist dabei natürlich Legende. Wer jemals unter Stress geschossen hat, weiß, dass selbst der beste Schütze in dieser Situation nicht immer präzise zielen kann.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, der Verdächtige hat eine Schusswaffe...

Tschirner: ...dann spielt die Distanz keine Rolle mehr. Dann sind wir selbst gefährdet und würden aus der Deckung heraus dazu auffordern, die Waffe fallen zu lassen. Wenn das nicht zum Erfolg führt, und es heißt, er oder ich, dann wird man als Polizist gezwungen zu feuern.

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Bei Würzburg: Tödliche Attacke

SPIEGEL ONLINE: Variieren die Reaktionsmuster nach Art der verwendeten Waffe? Wie ist es, wenn jemand mit einer Axt auf einen Polizisten losgeht, wie im aktuellen Fall in Würzburg?

Tschirner: Äxte oder Macheten verursachen zum Teil sehr schwere, lebensgefährliche Verletzungen, bei denen Extremitäten abgetrennt werden. Nicht zu vergleichen mit einem Stock als Tatwaffe, wo es in der Regel um Prellungen geht. Bei einer Axt kann ein Schusswaffengebrauch indiziert sein.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn ein Polizist den Angreifer anschießt, dieser aber nicht außer Gefecht ist?

Tschirner: Der Polizist muss sich nach jedem Schuss versichern, wie es dem Gegenüber geht. Es ist bekannt, dass bei sehr hohem Adrenalinspiegel das Schmerzempfinden beim Menschen herabgesetzt ist. Manche Angreifer merken noch nicht mal, dass sie getroffen wurden, und greifen weiter an. Das ist eine schwierige Situation, in der es vorkommen kann, dass der Beamte mehrmals schießen muss und der Angreifer getötet wird.

SPIEGEL ONLINE: Wohin zielt ein Polizist, wenn er, etwa in Notwehr, einen letalen Schuss abgeben muss?

Tschirner: Bei akuter Eigengefährdung würde er auf den Torso zielen, dorthin, wo die lebenswichtigen Organe liegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen-Politikerin Renate Künast hat schnell hinterfragt, ob der 17-jährige afghanische Angreifer aus Würzburg wirklich getötet werden musste.

Tschirner: Ich kenne den Sachverhalt nicht im Detail und möchte das auch nicht bewerten. Aber ich gehe prinzipiell davon aus, dass Polizisten nicht grundlos jemanden erschießen. Die Statistiken zeigen, dass es in Deutschland im Vergleich zu etwa den Vereinigten Staaten sehr wenige tödliche Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Bürgern gibt.

SPIEGEL ONLINE: War es von Vorteil, dass ein SEK in der Nähe war und eingreifen konnte?

Tschirner: Sie sind Profis und ohne Frage besser ausgerüstet für solche Fälle. Auch die Ausbildung ist besser. SEK-Leute haben gelernt, wie man solchen Angriffen begegnet und wie sie sich selbst schützen. Ein normaler Polizist hat im Alltag mit ganz anderen Anforderungen zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Forschungsarbeit sehr eindrücklich beschrieben, wie verheerend das Töten eines Angreifers für die Polizisten sein kann. Etwa ein Drittel der Betroffenen leidet unter psychologischen Spätfolgen und hat Schwierigkeiten, den Dienst an der Waffe weiter zu versehen. Was ist das Schlimmste für einen Polizisten, der getötet hat?

Tschirner: Er wird gezwungen, einen Menschen zu töten, obwohl er das nicht möchte. Das geht nicht spurlos an den Beamten vorüber - sie sind ja auch nur Menschen, Teil einer Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Töten verboten und eine Sünde ist. Das ist sehr belastend. Inzwischen haben sich die psychologische Betreuung und der Umgang mit solchen Kollegen in der Polizei aber sichtbar verbessert.

Im Video: Ermittler zum Fall Würzburg

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