Mein Leben als Schöffe Und ständig murmelt der Dolmetscher

Was machen Angeklagte vor Gericht, die kein Deutsch sprechen? Der Gesetzgeber hat für diesen Fall vorgesorgt, darüber hinaus braucht es nur eines: Geduld.
Dolmetscher mit Angeklagter (im August in Verden): Simultane Fairness

Dolmetscher mit Angeklagter (im August in Verden): Simultane Fairness

Foto: Ole Spata/ dpa
Zur Person

Peter Maxwill studierte gerade in Rom, als ihn das Landgericht Hamburg bis 2018 als Schöffen verpflichtete. Seit seiner Berufung sitzt er regelmäßig auf der Richterbank - zunächst als Student und freiberuflicher Journalist, später als Volontär und Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. In einer Serie berichtet er von seinen Erlebnissen als Laienrichter im Namen des Volkes.

E-Mail: Peter_Maxwill@spiegel.de 

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Zunächst eine kurze Klarstellung: An zwei Dutzend Verhandlungstagen, an denen ich bislang als Schöffe auf der Richterbank saß, war nur einmal ein Ausländer angeklagt. In allen anderen Fällen beschuldigten die Staatsanwälte deutsche Staatsbürger, die zumindest passabel die deutsche Sprache beherrschten. Dementsprechend sind Dolmetscher keine Standardbesetzung in Gerichtssälen, sondern Ausnahmefälle.

Zum Auftakt meines bisher einzigen Ausnahmefalls fragte die Vorsitzende Richterin den Angeklagten: "Sprechen Sie Deutsch?" Die Antwort: "klein". Deutlicher hätte er wohl kaum klarmachen können, wie sehr er auf den adrett gekleideten Mann angewiesen war, der neben ihm saß: ein Dolmetscher mit graumeliertem Haar, Sakko und Amtseid. Wer den Übersetzer bezahlt? Der Staat - ganz egal, wie der Prozess ausgeht.

Das mag schräg klingen, hat aber gute Gründe: Paragraf 184 des Gerichtsverfassungsgesetzes  schreibt vor, dass die "Gerichtssprache" Deutsch ist. Eine Ausnahme gilt, nebenbei gesagt, nur für die Minderheit der Sorben in Sachsen und Brandenburg. Das Grundgesetz schreibt allerdings vor, dass ausnahmslos jedermann Anspruch auf "rechtliches Gehör" hat, das heißt: Angeklagte ohne Deutschkenntnisse sollen möglichst genauso gut an der Verhandlung teilhaben können wie alle anderen - ohne draufzahlen zu müssen.

In meinem Drogenschmuggel-Prozess fungierte der Herr mit grauem Haar als permanenter Simultanübersetzer. Das ist richtig und nützlich, bisweilen aber auch anstrengend: Der gesamte Prozess war von Gemurmel unterlegt, nie war es still. Denn auch die zum Teil recht hitzigen Wortgefechte zwischen Staatsanwältin und Pflichtverteidiger mussten simultan übersetzt werden.

Aus diesem Grund kommt es übrigens auch einem Wunder gleich, dass die Verhandlung schon nach wenigen Tagen beendet war: Immer wieder musste der Dolmetscher um Redepausen bitten, um im Gewirr der Gesprächsfetzen hinterher zu kommen - bis die Richterin schließlich dazu überging, mit dem Angeklagten wie mit einem gebrechlichen Greis zu sprechen: seeehr laut und seeeeeehr langsam.

Mein Leben als Schöffe

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