Wegen Spielzeugpistole erschossen Fatales Missverständnis

Erneut hat ein US-Cop einen schwarzen Teenager erschossen - weil der Zwölfjährige offenbar eine Spielzeugpistole trug. Viele Afro-Amerikaner akzeptieren diese Erklärung nicht - für sie ist es ein weiterer Fall von Polizeigewalt.
Von Vivian Alterauge und Marc Pitzke

Ein neues Gesicht, ein altes Drama: Der schwarze Junge lacht, auf seinem T-Shirt prangt eine Comic-Nikolausmütze. Tamir war gerade mal zwölf Jahre jung, er wohnte in Cleveland. Am Samstag wurde er auf einem Spielplatz von einem Polizisten erschossen.

Seither ist Tamirs Instagram-Selfie zu einem weiteren Fanal dieser Zeiten geworden. In den sozialen Netzwerken betrauern ihn viele als neuerliches Opfer exzessiver Polizeigewalt in den USA: "Vergesst seinen Namen nicht", fordert die schwarze Publizistin Zeba Blay auf Twitter. "Informiert euch über seine Story."

Die Nachricht von Tamirs Tod hallte auch bis nach Ferguson, den Vorort von St. Louis in Missouri, der nach dem Tod des 18-jährigen Michael Brown zum Symbol für polizeiliche Übergriffe gegen Schwarze geworden ist. "12 Years A Child", twitterte DeRay McKesson, ein führender Aktivist dort, in Anspielung auf "12 Years a Slave", das Oscar-prämierte Filmdrama über die Gräuel der Sklaverei.

In der Tat erinnert Tamirs unschuldige Miene an so viele schwarze, junge Gewaltopfer vor ihm. Etwa an ein fast identisches Foto des 17-jährigen Trayvon Martin, der 2012 von einem Hobby-Cop in Florida erschossen wurde.

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Polizei erschießt Zwölfjährigen: Tödliche Verwechslung in Cleveland

Foto: AP/The Plain Dealer

Trayvon, Tamir, Michael: Natürlich sind all diese Fälle verschieden und ihre Umstände und Hintergründe viel komplexer als die Schlagzeilen. Doch am Ende ballen sie sich zu einem gemeinsam-beklemmenden Eindruck: Amerikas hochgerüstete Polizisten haben viel zu schnell den Finger am Abzug - erst recht, wenn sie jungen Schwarzen gegenüberstehen.

"Wahrscheinlich ein Kind"

Tamir zum Verhängnis wurde darüberhinaus ein weiteres, weitverbreitetes Phänomen hier: Er trug offenbar eine Spielzeugpistole bei sich, die der Cop - angeblich selbst ein junger Rekrut - als echte missverstanden haben soll.

Dabei war das wohl von Anfang an klar. "Hier ist ein Kerl mit einer Pistole", hatte ein anonymer Augenzeuge den Notruf alarmiert. "Sie ist wahrscheinlich keine echte, aber er erschreckt alle zu Tode." Der "Kerl", fügte der Anrufer hinzu, sitze auf einer Schaukel und sei "wahrscheinlich ein Kind". Das wurde aber womöglich nicht an die Streife weitergegeben.

Auch eine erste Pressekonferenz der Polizei am Montag brachte wenig Aufklärung - und beruhigte die Kritiker kaum. "Warum habt ihr ihn nicht getasert?", klagte Tamirs Vater Gregory Henderson in einem Interview mit der Zeitung "Cleveland Plain Dealer". "Ihr habt zweimal auf ihn geschossen, nicht einmal."

Ersten Ermittlungen zufolge waren der Cop und Tamir nur rund drei Meter voneinander entfernt. Der Junge trug nach Angaben von Clevelands Polizeichef Calvin Williams eine Spielzeugpistole, die "von einer echten Waffe nicht zu unterscheiden" war. "Waffen sind keine Spielzeuge", sagte Williams am Montag. "Das müssen wir unseren Kindern beibringen."

Tamir ist nicht der Erste, der einer solchen fatalen Verwechslung zum Opfer fällt. Im August erschossen Polizisten einen jungen Schwarzen in Ohio, der in einem Wal-Mart ein Luftgewehr aus dem Regal genommen hatte. Und im Oktober 2013 erschoss ein altgedienter Cop und Irak-Veteran einen 13-Jährigen, der mit einer "großen schwarzen Waffe" herumlief - auch die entpuppte sich als Spielzeuggewehr.

Orangefarbener Streifen entscheidet über Leben oder Tod

Amerikas Waffenfaszination beginnt schon früh, oft bereits im Kindesalter. Dass Kids oder Jugendliche mit nachempfundenen Geschützen für gefährlich gehalten werden, stellt die Politiker schon lange vor die Frage: Wie lässt sich das vermeiden? Erste Gesetzesinitiativen, etwa in Ohio, wo der Wal-Mart-Vorfall für emotionale Diskussionen gesorgt hat, zielen auf bessere Kennzeichnung der Spielzeuge.

Plastikwaffen, allen voran "Soft Air"-Pistolen, sind mit bloßem Auge oft nicht von echten zu unterscheiden. Deshalb müssen sie mit orangefarbenen Punkten oder Streifen markiert sein. Diese haben aber nur einen Durchmesser von höchstens 25,4 Millimetern - zweieinhalb Zentimeter, die über Leben und Tod entscheiden können. Einige Städte haben diese Spielzeuge deshalb längst komplett verboten oder ihre Nutzung unter Strafe gestellt.

Unbeachtet bleibt dabei jedoch das andere Problem - die augenscheinliche Schießfreude der US-Beamten, wenn sie sich mit Schwarzen konfrontiert glauben. Auch die Statistiken sind lückenhaft, da sie von der Polizei selbst geführt werden. Unabhängige Studien haben ergeben, dass Schwarze ein viel höheres Risiko haben, von Cops erschossen zu werden.

"Zwölf Jahre alt, er wusste doch nicht, was er tat", sagte Tamirs Vater Gregory Henderson jetzt. "Die Polizei, die wissen, was sie tun."