Thomas Fischer

Weihnachten Die Welt als Gefühl

Weihnachten naht. Es ist die Zeit der Gefühle und des Drangs, die Sehnsucht danach mitzuteilen. Dabei ist das Fehlen von Gefühl hierzulande wirklich nicht das Problem.
Weihnachtsmarkt in Dortmund

Weihnachtsmarkt in Dortmund

Foto: Bernd Thissen/ DPA

Wege der Erkenntnis

Die Wahrheit sucht sich ihren Weg, sagen die Freunde der Wahrheit, meinen damit allerdings in der Regel nur die jeweils eigene. Der Weltgeist hat sich bekanntlich einst zu der Bemerkung hinreißen lassen, was vernünftig sei, sei wirklich, und was wirklich sei, sei vernünftig. Das hat dem Autor dieses Satzes 200 Jahre lang eine Menge Ärger eingebracht, wenn auch meist von etwas unterkomplexer Natur.

Apropos Natur: Vom Gesprächspartner Tilo Jungs anlässlich eines Auftritts bei den "Münchner Medientagen" am 25. Oktober 2019 habe ich erfahren, der Unterschied zwischen "rechts" und "links" im Sinne der Politik sei der folgende: Wer "rechts" sei, anerkenne anthropologische Gegebenheiten, zum Beispiel den Unterschied zwischen Arm und Reich sowie zwischen Männern und Frauen. Wer "links" sei, vertrete die Ansicht, alle Probleme der Welt ließen sich durch staatliche Sozialpädagogen lösen. So komme es, dass Frauen politisch eher Grüne wählen. Ob das daran liege, dass sie anthropologisch anders sind, sei "eine schwierige Frage". Vor allem liege es an Robert Habeck.

Ich habe, das muss ich zugeben, noch nicht wirklich verstanden, was den Gesprächspartner von Herrn Jung, welche Welt-Frage auch immer ihm aufgeworfen wird, meist auf kurzem Weg zum Lob der sexuellen Anziehungskraft des genannten Politikers bringt sowie alsdann zur Erwähnung der eigenen Frau Mutter, über deren Abenteuern in der Hamburger SPD einst der dortige Marxismus-Leninismus gescheitert sein soll. Anthropologisch musste er vermutlich durch ein Kaschmir-Pullöverchen ersetzt werden. Man muss das auch gar nicht verstehen. Die Welt, so lernen wir jedenfalls auch hier wieder, ist in ihrem Kern ein Gefühl. Das gilt vor allem vor Weihnachten.

Im Jahr 1871 zum Beispiel hörte, wenn wir seiner Homepage glauben dürfen, im nachmaligen Karl-Marx-Stadt der Bäcker Emil Reimann eine "Stimme des Blutes", die ihm gefühlsmäßig sagte, er möge einen Original Dresdner Stollen backen. Das veranlasst heutzutage seine Jünger zur Fertigung von täglich 12.000 handgerundeten "original" Striezeln aus Dresden, die am Fest der Liebe und Jahrestag der Weihnachtslieder-Exegese alle gleichzeitig gegessen werden, was eine zitronathaltige anthropologische Konstante begründet. Diese wiederum führt dazu, dass das Dresdner Gefühl sich auf der ganzen Welt verbreitet und von dort wieder zu uns kommt. Eine Stunde lang weinen dann wildfremde Frauen aus Miami und Malibu im deutschen Fernsehen über ihre vor 25 Jahren an einen Prinzen verkaufte Unbeflecktheit.

Da passt es doch, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg bekannt gegeben hat, dass Kriminalpolizisten in Zivilkleidung "künftig freiwillig ein Kripo-Zeichen tragen sollen, um die Präsenz der Polizei im öffentlichen Raum zu erhöhen". So erklärte es uns am 18. Dezember die "FAZ", erläuterte allerdings nicht näher, durch welches Wunder eine Präsenzerhöhung durch Kripozeichen funktionieren könnte, falls nicht die Beamten ihr Zeichen großzügig verleihen. Gemeint ist vermutlich, dass das Sehen von Kripo-Zeichen in allen übrigen Menschen mit und ohne Zivilkleidung das Gefühl erzeugt, die Präsenz von Kripo-Zeichen sei hier und heute einmal wieder erhöht. Ob das ein schönes Gefühl ist, wissen wir nicht, wohl aber der Innenminister Strobl von Baden-Württemberg: "Ich finde, es ist auch ein Akt der Wertschätzung, dass unsere Polizistinnen und Polizisten einen schönen Ausweis bekommen". Damit meint er, dass es ein tolles Gefühl für die Polizisten und für die Polizistinnen ist, wenn sie ein schönes "Lederetui mit einem silbernen Polizeistern" haben, das sie, so steuert die Moderedaktion der "FAZ" bei, "um den Hals hängen oder am Gürtel tragen können". Vielleicht kann man es aber auch an die Pelzmütze oder die Basecap tackern. Es verleiht dem Träger oder der Trägerin jenes "Straßen-von-San-Francisco"-Gefühl, das schon an sich ein Akt der Wertschätzung ist. Alle Innenminister sollten vielleicht einen goldenen Polizeistern bekommen, und einen Gebirgsschützen-Hut.

Beispiellose Schläge

Ein "beispielloser Schlag" ist, so hat uns die Zeitung für Deutschland brandaktuell berichtet, "den nordrhein-westfälischen Behörden gelungen". Der Schlag traf, wenn auch vor längerer Zeit, in ein Zentrum des Verbrechens: Für "rund 90 Kinder, die überhaupt nicht in der Stadt lebten", sollen in Krefeld Familien aus Südosteuropa Kindergeld bezogen haben, und zwar "vermutlich jahrelang". Wir haben das mal durchgerechnet und dabei zugrunde gelegt, dass alle "rund 90" Kinder dritte Kinder seien: 90 x 210 Euro = 18.900 Euro pro Monat, macht im Jahr knapp 230.000 Euro, in sechs Jahren rund eine Million. Dafür müssen eine Kassiererin oder ein Änderungsschneider in Krefeld lange stricken; andererseits sind das gerade mal zwei Jahreseinkommen eines Radiologie-Chefarzts, oder das Zusatzeinkommen, das mit nur 25 MRT-Geräten in Radiologie-Praxen durch Verkauf von rabattiertem Kontrastmittel an gesetzliche Krankenkassen pro Jahr "nebenbei" verdient wird. Wobei die Krankenkassen das mit dem Geld bezahlen, das ihnen die Versicherten und die Arbeitgeber für die Versorgung derjenigen geben, die mittels beispielloser Schläge am Betrug zu Lasten der Solidargemeinschaft gehindert werden.

Das ist jetzt natürlich nur ein völlig willkürliches, rein gefühlsmäßiges Beispiel. Man könnte auch sechs Audi A 8 "mit bis zu 400 PS" aus öffentlichen Fuhrparks nehmen. Da sind die 426 PS der AWO Wiesbaden noch gar nicht mitgerechnet, die zwecks Hervorbringen des erwünschten Gefühls unweigerlich mit dem Portrait eines glücklichen Bürgermeisterpaars aus Frankfurt bebildert werden.

Wir wollen jetzt wirklich nicht eine Fall-, Angst-, Unverschämtheits- und Schadens-Statistik aufmachen oder gar Äpfel (Verkehrsminister) mit Birnen (Bosse südost-europäischer Familien) "vergleichen". Denn während der eine 200 Millionen. Schaden für uns alle macht, bekommt der andere 210 Euro für Kinder überwiesen, die, wenn überhaupt, womöglich in Südosteuropa herumtollen und nicht in Krefeld oder Radebeul.

Wie auch immer: Der beispiellose Schlag von Krefeld fand vor ungefähr sechs Monaten statt. Gut, dass wir davon erfahren haben. Über den Schlag vom 17. Dezember gegen die Onkologie-Pharma-Mafia war bis zum Abschluss des Kolumnen-Manuskripts noch nicht wirklich viel zu lesen; vielleicht erfahren wir aber noch vor Neujahr, aus welcher mutmaßlichen Ethnie die beteiligten Onkologen und Apotheker sich ins deutsche Solidarsystem eingeschlichen haben. Bei der Gelegenheit wird dann auch bekannt gegeben, was der letzte Reul-Schlag gegen die Dortmunder Shisha-Höhlen außer 20 Gewerberechts-OWis und Schwarzarbeitsgesetz-Verfahren sowie ein paar schönen Fotos noch gebracht hat.

Weitere schwere Schläge stehen - neben den Clans, den Hohenzollern und Robert Habeck - den Rechtsradikalen bevor, wie uns der Bundesminister des Innern versichert. Es lässt sich, so haben wir gehört, nicht mehr völlig ausschließen, dass es erforderlich sein könnte, einmal "etwas genauer" hinzuschauen, ob es vielleicht am Ende gar irgendwo ein "Netzwerk" des Rechtsradikalismus geben könnte und zwar bei Bundeswehr, Bundespolizei, Nachrichtendiensten! Eine geradezu ungeheuerlich mutige Gefühlsverletzung! Wir warten auf Empörungsadressen und vor allem darauf, dass einmal jemand sagt, dass er nachdrücklich vor einem Generalverdacht warne.

Vorerst hat am 18. Dezember ein Redakteur auf Seite eins der Zeitung für Deutschland die Sache ein bisschen gerade gerückt: Zuerst waren ja die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik sozusagen insgesamt ziemlich umfassende Netzwerke ehemaliger NS-Täter und -Mitläufer. Dann, so der Kommentator, "stand der Linksextremismus im Zentrum der Aufmerksamkeit". Das ist ein etwas rätselhafter Perspektivenwechsel, will mir scheinen, aber man steckt halt nicht drin. Jetzt jedenfalls hat der Autor das Gefühl, es beginne "eine neue Kultur". Was immer er mit "Kultur" im Einzelnen meinen mag, würde uns doch vor allem interessieren, was neu ist am Neuen und alt am Alten, und wo die "FAZ" das eine findet und wo das andere. Unruhe ist aber jedenfalls nicht veranlasst: "Die Zahl rechtsextremer Verdachtsfälle ist sehr gering". Wichtig ist, dass die Kameradschaft nicht abhandenkommt: "Kameradschaft muss sein. (Ihr) abträglich sind eine Verdachtskultur und chronische Schnüffelei". Ja, das muss gesagt werden, bevor am Ende "die Männer und Frauen, die täglich ihren Dienst tun", unter dem Generalverdacht ihres eigenen Ministers zusammenbrechen.

Es sind solche Zauberworte, die uns durch die Gefühlszeiten führen: "Männer und Frauen, die täglich ihren Dienst tun" ist die ultimative Weihnachts-Backmischung: Ein bisschen tapfere kleine Trümmerfrau, ein bisschen einsamer Soldat auf Wache, an Mutter denkend. In jedem Fall ziemlich weit unten, wohin das Licht eines Leitenden Redakteurs oder echten Abgeordneten nur gedämpft fällt. Denn stets doch ein bisschen mehr als "täglich ihren Dienst" tun Redakteure an den Tastaturen, Investoren im globalen Wandel, der Vorstand des Bundesfeuerwehrverbands sowie die "Unterhändler" aus Bund und Ländern, 16 Stunden um das Klima ringend.

Dreifaches Echo

Genug der Scherze. Es ist natürlich wohlfeil, sich über die Gefühle anderer lustig zu machen. Nicht allerdings, diejenigen lächerlich zu finden, die aus den Gefühlen anderer die Konstanten machen, aus denen sie angebliche Naturgesetze von Armut, Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Gewalt ableiten.

Wirklich erstaunlich, oft schockierend ist, in welchem Maß und mit welch absurden Blüten die Oberfläche der ins 21. Jahrhundert taumelnden Moderne sich in "Gefühlen" verliert und definiert, und welch absurde Gefühlsnarrative Millionen Menschen vom jeweils Naheliegenden auf Dauer ablenken können. Auf der kleinen Insel Bundesrepublik sprechen Millionen von Sprechern ununterbrochen darüber, wie es sich anfühlt, man selbst zu sein und den Gefühlen aller anderen ausgesetzt, und wie es wohl gelingen könnte, in den anderen das Gefühl zu erzeugen, dass sie sich nur ins Gefühl des jeweils Sprechenden einschwingen müssten, damit alles gut wird.

Ich rede keineswegs nur von verachteten "Gutmenschen" und aggressiv Aufdringlichen. Ich meine auch die Opfer-Darsteller auf den Sofas der Talkshows, die derangierten Ministerinnen, die CEOs und die clownesken "Volks"-Zwerge, die Start-up-Macher und Verfassungsschützerinnen und so weiter. Irgendwie alle, auf jeweils eigene Weise, scheinen in der Welt fast alles verloren zu haben, für das es sich in ihrer Erinnerung einst lohnte sich zu freuen. Die Moderne, die mit dem Versprechen der bürgerlichen Freiheit zum Glück begann, hat einige unermesslich reich gemacht und alle unermesslich allein. Das Maß an Einsamkeit, das heute die zur Selbstoptimierung Verdammten in den reichen Ländern durchs Leben treibt, war vor 1000, 500 oder 200 Jahren so unvorstellbar wie das Maß des Reichtums von Herrn Bezos.

Was bleibt, wenn alle Bindungen zerstört, alles Feste verflüssigt, alles Gemeinsame vereinzelt, alles Besondere vernichtet ist? Wenn die Gesetze der erlebbaren Welt beherrscht und gestaltet werden von unermesslicher Gewalt, die niemandem mehr Rechenschaft gibt und die niemand ganz versteht: Geld, das sich von jeder Substanz gelöst hat; Kommunikation, die keine zeitlichen und inhaltlichen Grenzen kennt; eine Welt von Waren, die sich selbst auffrisst? Es bleibt, vorerst, das Gefühl. Eine Sehnsucht, dass das vollständig überforderte Ich nicht allein sein möge. Dass sich Regeln im Gemeinsamen finden lassen, Vertrauen in Zusammenhängen. Man könnte es rührend finden, in welchem Maß und mit welch erbarmungswürdigen Mitteln sich die Menschen in den Sektoren der Gesellschaft jeweils bemühen, ihre Köpfchen über diesem Strudel zu halten. Jeder für sich und alle zusammen extrem vorhersehbar.

Die öffentliche Kommunikation ist in einem seltsamen Zustand. Milliarden von schicksalhaft Unwissenden fordern voneinander ultimatives Wissen, stets, sofort, schnell. Niemand kann auch nur ansatzweise mehr verstehen, was um ihn herum vor sich geht: Niemand versteht die Technik des Alltags, die Strukturen der Gesellschaft, die Ströme der Herrschaft und des Reichtums. Niemand vermag noch zuverlässig vorherzusagen, was die jeweils anderen denken, wohin sie streben, wer ein Feind ist und wer ein armes Schwein. Ein solcher Zustand der Fremdheit ist außergewöhnlich; er ist anthropologisch allenfalls als anomische Ausnahme in Katastrophen vorgesehen. Er erzeugt vielfache Irrationalität. Man kann das, an fast jedem beliebigen Platz auf dem Spielfeld, verächtlich finden. Das hilft aber nicht: Man sitzt am Ende unweigerlich ganz allein auf der Bühne und weiß die Antworten nicht.

Wenn man sich so weit ins Abstrakte verzieht, wird man oft entweder milde oder verwirrt, gelegentlich auch nur müde. Wie jedermann weiß, gibt es konkrete Ausweichstrategien, die auf einer halbwegs intelligenten Ebene allerdings nicht zur Verfügung stehen: Aggression gegen Fremdes ist extrem naheliegend, eingeübt und entlastend. Sie findet ihre Bestätigung in sich selbst und fühlt sich daher gut an. Das darf man bei allem Klagen und Rätseln nicht übersehen: Es fühlt sich nicht nur gut an, klare Feindbilder zu haben, sondern erzeugt auch ein starkes Gefühl des Selbst. Die jubelnden Faschisten und Faschistinnen, von denen die BRD und die DDR einst angeblich befreit wurden, freuten sich nicht über ihre Existenzen als Ameisen, sondern jauchzten über die Kraft, die ihr Ich im großen Ganzen fand. Der "Stolz, Deutscher zu sein", ist ein Zauberspruch aus jener Sehnsucht.

Es reicht also vermutlich nicht, sich gegenseitig ohne Unterlass zu erklären, dass der jeweils andere das falsche Gefühl habe und das richtige nicht habe. Nichts gegen Stilfragen, Symbolfragen, Hass- und Liebe-Fragen, Modefragen und Move-Betrachtungen. Es spricht allerdings viel dafür, dass sie allesamt wertlos sind, wenn nur einmal der kalte Wind weht. Dieser Hinweis wiederum soll kein Aufruf zum "Prepper"-Unwesen sein, sondern eine Erinnerung daran, dass die Gefühle aus der wirklichen Welt kommen und nicht umgekehrt. Das ist eine zugegeben etwas vereinfachte Variation einer älteren Erkenntnis, aber immer noch nützlich.

Dem Autor aus München, mit dem diese Kolumne begann, leuchten Bedenken gegen den wirklichen Unterschied zwischen "Frau Quandt" und südosteuropäischen Familien, die täglich ihren Dienst tun, aus anthropologischer Sicht nicht ein. "Wirtschaft" findet er total uninteressant: Das Thema ist ja so was von durch! So kann man sich irren. Wäre das richtig, so wäre die Welt ganz und gar verloren. Menschen, die schon mit 16 Jahren vieles über das Weltklima in 250 Jahren wissen, können unmöglich ernsthaft annehmen, die Sache mit der Weltwirtschaft werde sich lösen, wenn jeder täglich seinen Dienst und im Übrigen ein bisschen was dazu tut.

Ich wünsche Ihnen vorerst schöne Feiertage. Ein Übermaß an Gefühl sollten Sie zu vermeiden versuchen.

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