Prozess gegen Ex-Chef des Lübecker Weißen Rings Gutachterin sieht Widersprüche bei zentraler Aussage

Der frühere Chef des Lübecker Weißen Rings steht wegen eines Exhibitionismus-Vorwurfs vor Gericht. Doch laut einer Gutachterin muss man an der Aussage des mutmaßlichen Opfers zweifeln.

Prozess in Lübeck (Archiv): Psychologin erstattet Gutachten
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Prozess in Lübeck (Archiv): Psychologin erstattet Gutachten

Von Wiebke Ramm, Lübeck


Es ist ein guter Tag für Detlef Hardt - und der entscheidende Tag im Prozess gegen den ehemaligen Leiter des Weißen Rings Lübeck. Denn es geht an diesem Montag um die Glaubhaftigkeit der Vorwürfe, die Dora M. gegen den heute 74-Jährigen erhebt. Doch verhandelt wird weitestgehend hinter verschlossenen Türen.

Die Hamburger Rechtspsychologin Gabriele Teichert erstattet vor dem Amtsgericht Lübeck ihr aussagepsychologisches Gutachten. Sie äußert sich zu der Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass Dora M. sich nur ausgedacht hat, was sie über Hardt erzählt? Das Ergebnis der Psychologin: Sie kann nicht ausschließen, dass Dora M. die Situation schlimmer dargestellt hat, als sie war, oder dass sie den Angeklagten sogar gänzlich falsch bezichtigt hat. Für Hardt könnte das Freispruch bedeuten.

Dora M., 41 Jahre alt, beschuldigt Hardt, sich im April 2016 vor ihr entblößt zu haben. Die Mutter dreier Kinder war damals im vierten Monat schwanger. Beim Weißen Ring suchte sie Hilfe. Sie gab an, in finanzieller Not zu sein. Bei einem Beratungstermin in Hardts Büro soll er ihr seinen Penis präsentiert und sie aufgefordert haben, sich ebenfalls zu entblößen. Hardt bestreitet die Vorwürfe. Aussage steht gegen Aussage. Umso bedeutsamer ist das Ergebnis der psychologischen Begutachtung. Und für die Gutachterin steht infrage, dass Dora M. mit Hardt tatsächlich erlebt hat, was sie behauptet.

13 Minuten Zusammenfassung

Wie die Psychologin bei ihrem Gutachten genau vorgegangen ist, welche Details sie wie gewichtet hat, das alles erfährt die Öffentlichkeit nicht. Auch die Befragung der Gutachterin durch die Richterin, die Staatsanwältin, den Nebenklagevertreter und den Verteidiger bekommt die Öffentlichkeit nicht mit. Mehr als zweieinhalb Stunden lang erstattet und erläutert Teichert hinter verschlossener Tür ihr Gutachten. 13 Minuten dauert ihre grobe Zusammenfassung, die sie auf Bitten der Richterin für die Öffentlichkeit gibt. So lässt sich schwer nachvollziehen, wie die Psychologin zu ihrem Ergebnis gekommen ist.

Um die Qualität einer Aussage zu beurteilen, suchen Rechtspsychologen in den Angaben eines Zeugen nach sogenannten Realkennzeichen, das heißt, nach Merkmalen, die in einer Lügengeschichte eher nicht vorkommen. Eine Lüge überzeugend zu erzählen, ist eine intellektuelle Herausforderung. Anders als wahre Erlebnisse lassen sich Lügengeschichten zum Beispiel nur schwer in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge, von der Mitte nach vorn und wieder zurück erzählen, ohne sich zu verheddern. Lügengeschichten sind auch meist weniger detailreich als Erzählungen über wahre Erlebnisse.

Üblicherweise prüft ein Gutachter dies im direkten Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer. Teichert hat darauf verzichtet, Dora M. zu explorieren. Die Psychologin hat die Aussage der Nebenklägerin vor Gericht verfolgt, sie hat Akten gelesen und auch alle anderen Zeugen gehört. Warum sie nicht das direkte Gespräch mit Dora M. gesucht hat, erklärt Teichert nicht.

Schon am Vormittag waren Zuhörer und Journalisten aus dem Saal geschickt worden. Auch dabei ging es um den Vorwurf der Falschaussage gegen Dora M. Über ein früheres Mietverhältnis hat die Nebenklägerin an einem früheren Verhandlungstag - schon damals ohne Öffentlichkeit - offenbar falsche Angaben gemacht. Die Richterin gab bekannt, dass Dora M. angegeben hatte, für eine Wohnung sowohl Kaution als auch regelmäßig Miete bezahlt zu haben. Es gab in dieser Sache ein Ermittlungsverfahren gegen Dora M., das inzwischen eingestellt ist. Das Gericht hat die entsprechende Akte vor wenigen Tagen erhalten. Und aus diesen Akten geht laut Gericht hervor, dass Dora M. keineswegs allen Zahlungsforderungen nachgekommen ist.

Richterin Andrea Schulz wies die Nebenklägerin am Vormittag noch einmal eindringlich darauf hin, dass alles, was sie aussage, richtig und vollständig sein müsse. "Das soll Ihnen keine Angst machen", sagte sie zu Dora M. Aber eine falsche Aussage sei eine Straftat. "Für Sie steht viel auf dem Spiel", sagte Schulz. Denn Dora M. ist wegen Betrugs vorbestraft und steht noch unter Bewährung. Auch dabei soll es um Geldangelegenheiten gegangen sein. Hardts Verteidiger hat Dora M. vor Gericht wiederholt als "Mietnomadin" bezeichnet.

Die Richterin gab Dora M. Gelegenheit, ihre Angaben zu korrigieren. Auf Antrag von Robert Nieporte, der die Nebenklägerin vertritt, wurden Zuhörer und Journalisten erneut aus dem Saal geschickt. Die Richterin erklärte hinterher, Dora M. habe "ihre unrichtigen Angaben korrigiert".

Auf welche Widersprüche ist sie gestoßen?

"Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht", heißt es - doch schon der Volksmund fügt klug hinzu: "Wenn er auch die Wahrheit spricht." Auch eine verurteilte Betrügerin kann Opfer eines Sexualdelikts werden. Und auch Psychologin Teichert weist am Nachmittag darauf hin, dass es in ihrem Gutachten nicht um die Glaubwürdigkeit der Person der Nebenklägerin geht, sondern allein um die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage. Und da sei die Gutachterin unter anderem auf "Widersprüche" gestoßen, "die sich gedächtnispsychologisch nicht erklären lassen". Welche Widersprüche das sind, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

Anwalt Nieporte kritisiert hinterher, dass die Psychologin Einzelheiten "falsch gewichtet und falsch bewertet" habe. Hardts Verteidiger Dedow hingegen hält das Gutachten, wenig überraschend, für überzeugend. Die Staatsanwältin äußert sich nicht.

Der Staatsanwaltschaft sind mehr als zwei Dutzend weitere Frauen bekannt, die Detlef Hardt sexuell übergriffiges Verhalten vorwerfen. Keine exhibitionistischen Handlungen, sondern Anzüglichkeiten, unerwünschte körperliche Annäherungen, Belästigungen. In vier Fällen hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Nur im Fall von Dora M. wurde sie zugelassen. In anderen Fällen war die Anzeige zu spät erfolgt, die Vorwürfe waren verjährt, oder es lag keine strafrechtliche Relevanz vor, weil es den Paragrafen, der sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, noch nicht gab, als Hardt sich sexuell übergriffig verhalten haben soll.

Noch ist unklar, wann und wie der Prozess fortgesetzt wird. Wenn, wonach es aussieht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Beweisanträge zurückziehen, könnten am 29. Juli die Plädoyers gehalten werden. Am selben Tag fiele dann auch schon das Urteil.



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