Weißer Ring in Lübeck "Diese beiden Zeuginnen möchte ich hören"

Der Ex-Chef des Lübecker Weißen Rings steht vor Gericht, der Vorwurf: Exhibitionismus. Das Gericht hört auch Zeuginnen, die von mutmaßlichen sexuellen Übergriffen berichten - die Verteidigung hält das nicht für zielführend.
Von Wiebke Ramm
Detlef Hardt vor Gericht (Archivfoto vom ersten Verhandlungstag)

Detlef Hardt vor Gericht (Archivfoto vom ersten Verhandlungstag)

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Die Frau ist mit den Nerven am Ende. Die Zeugin huscht am Donnerstagvormittag über den Gerichtsflur des Amtsgerichts Lübeck direkt ins Zeugenzimmer. Sie soll an diesem Tag gegen den Angeklagten Detlef Hardt aussagen, den ehemaligen Leiter des Weißen Rings Lübeck.

Detlef Hardt, 74 Jahre alt, muss sich vor Gericht wegen Exhibitionismus verantworten. Er soll sich im April 2016 vor einer anderen Frau, Dora M., entblößt haben, die sich ratsuchend an den Weißen Ring gewandt hatte. Hardt bestreitet den Vorwurf. Vor Gericht sagen an diesem Tag zwei Zeuginnen aus, die ebenfalls von übergriffigem Verhalten des Angeklagten berichten.

Die erste Zeugin hatte sich vor gut zehn Jahren hilfesuchend an den Weißen Ring gewandt. Detlef Hardt soll sie damals zu Hause besucht haben. Es ging um sexuellen Missbrauch, den sie in ihrer Kindheit erlebt habe. Sie habe Hardt um Gutscheine für Therapiestunden gebeten. So sagt es die Richterin nach der Aussage der Zeugin vor Gericht.

Denn die Besucher, die Medienvertreter, auch der Angeklagte hören nicht selbst, was die Frau zu sagen hat. Das Gericht bittet sie alle, den Saal zu verlassen. Verteidiger, Staatsanwältin und Nebenklagevertreter hatten dem Wunsch der Zeugin entsprochen, sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit anzuhören. Etwa eine halbe Stunde lang dauert ihre Befragung.

Hinterher berichtet die Richterin von dem Inhalt der Aussage der Frau. Demnach saßen Hardt und die Zeugin im Jahr 2006 oder 2007 bei ihr im Wohnzimmer auf einer Eckcouch. Dort habe Hardt sich den Missbrauch mehrfach detailliert schildern lassen. Als sehr unangenehm habe dies die Zeugin empfunden. Hardts Hände sollen währenddessen in seinen Hosentaschen gesteckt haben. Die Frau gab an, den Eindruck gehabt zu haben, dass er an seinem Geschlechtsteil zugange war. Sie habe nie wieder das Gespräch mit ihm gesucht.

Angebliche Fotos vom Dekolleté

Detlef Hardt hört sich das Ganze äußerlich unbeteiligt an. Er wird noch mehr Unangenehmes zu hören bekommen an diesem Tag. Gleich im Anschluss sagt eine weitere Frau aus. Auch Sabine F., 57 Jahre, wirkt nervös. Doch diesmal wird die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen.

So hören alle, wie die Frau von einem Ereignis berichtet, das sich im Juli 2017 zugetragen haben soll. Die Zeugin arbeitet damals als Verwaltungsfachangestellte bei der Polizei. Sie sei mit Detlef Hardt in sein Büro gefahren, um Werbematerialen des Weißen Rings zu holen. Sie sagt, er habe Fotos von ihrem Dekolleté machen wollen, wie er es schon 2003 getan habe. Damals sei es eine spontane Aktion gewesen, die sie als Spaß gewertet habe. Nun aber habe sie ihm deutlich gesagt: "Ich möchte das nicht."

Die Zeugin spricht stockend, gepresst. Der Auftritt vor Gericht ist ihr sichtlich unangenehm. Später habe er noch angeboten, ihr "eine Boutique" zu kaufen, damit sie ein Modegeschäft eröffnen könne, und gefordert: "Dann müsstest du ein bisschen nett zu mir sein." Zurück an ihrem Arbeitsplatz habe sie geweint und einer Kollegin davon erzählt. Die Richterin fragt nach: "Sie haben geweint?" Die Zeugin erklärt, dass ihr Sohn zwei Jahre zuvor gestorben sei und sie sich von ihrem Mann getrennt habe, weswegen sie emotional angeschlagen gewesen sei.

"So habe ich es in Erinnerung"

Die damalige Kollegin der Zeugin, offenbar eine Polizeibeamtin, hatte die Worte der Frau in einem Vermerk dokumentiert. Die Richter liest ihn vor. Darin ist auch von einem Kuss auf die Wange die Rede, den Hardt eingefordert habe. Von einer Boutique steht dort hingegen nichts. "Aber das war so, so habe ich es in Erinnerung", sagt Sabine F. Der Vermerk gelangte an die Staatsanwaltschaft, ein Ermittlungsverfahren wurde nicht eröffnet.

Verteidiger Oliver Dedow hatte der Vernehmung der beiden Frauen widersprochen, da sie zu dem konkreten Anklagevorwurf keinerlei Angaben machen können. Hilfsweise beantragte er, 13 andere Frauen zu hören, die sein Mandant beraten habe, "zum Beweis der Tatsache, dass der Angeklagte seine helfende Tätigkeit ohne jede Art von Belästigung durchgeführt hat".

Statt darüber zu sprechen, dass sein Mandant irgendwann einmal seine Hände in den Hosentaschen bewegt habe, könne er zahlreiche Dankschreibungen von Ratsuchenden präsentieren. Der Verteidiger hat keinen Erfolg. "Diese beiden Zeuginnen möchte ich hören", sagt die Richterin. Und sie behält sich vor, auf Antrag der Staatsanwältin noch vier weitere Frauen als Zeuginnen zu laden, die auch von sexuellen Übergriffe berichten sollen.

Hardts Verteidiger fordert, auch diese Anträge zurückzuweisen. "Hier wird meinem Mandanten etwas ganz anderes vorgeworfen", sagt er: "Exhibitionismus." Die Verfahren zu den anderen Vorwürfen seien zudem allesamt eingestellt worden. Tatsächlich stellt sich die Frage, wie die Aussagen der Frauen zur Aufklärung des Tatvorwurfs beitragen können. Detlef Hardt bestreitet in einer Beratungssituation gegenüber der Nebenklägerin sexuell übergriffig gewesen zu sein. Er habe der Nebenklägerin in einem Büro des Weißen Ring nicht sein Geschlechtsteil präsentiert. Er habe ihr auch nicht geraten, ihre Geldsorgen durch Prostitution aus der Welt zu schaffen. Vielmehr habe die Nebenklägerin ihn gebeten, ihr wohlhabende Männer zu vermitteln, denen sie als "Escortdame" habe dienen wollen. So sagt er es.

Wie die Nebenklägerin waren auch die zwei Zeuginnen nach eigenen Angaben in einer schwierigen Lebenssituation, als sie in den fraglichen Situationen auf Detlef Hardt trafen. Alle drei Frauen sagen, er habe sich anzüglich verhalten. Die Staatsanwältin spricht von einem erkennbaren "Verhaltensmuster", das die Aussage der Nebenklägerin bekräftige. Wie die Richterin die Aussagen würdigt, bleibt abzuwarten.

Am kommenden Verhandlungstag soll eine Psychologin ihr Gutachten über Dora M. erstatten. Es geht um die Frage, wie glaubhaft die Aussage der Nebenklägerin ist.

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