Wendung im Kriminalfall Mein Vater, der Zodiac-Killer

Jahrelang terrorisierte der mysteriöse "Zodiac-Killer" Kalifornien. Fünf Morde wurden ihm nachgewiesen, er selbst brüstete sich in Bekennerschreiben, 37 Menschen getötet zu haben. Gefasst wurde er nie. Jetzt erklärte eine Frau, ihr Vater sei der Mörder gewesen - und legt greifbare Indizien vor.

Von , New York


Die Frau verliert schon nach zwei Minuten die Fassung. Sie steht auf den Stufen des legendären Redaktionshauses des "San Francisco Chronicle", umringt von Dutzenden rufenden, drängelnden Schaulustigen und Reportern, die ihr Kameras und Mikrofone ins Gesicht halten.

"Im August 2007 sah ich zum ersten Mal eine Phantomzeichnung des 'Zodiac-Killers'", beginnt sie. "Ich erkannte in der Person meinen Vater." Sie sagt noch ein paar Worte, dann beginnen ihre Lippen zu beben. Sie presst die Augen zusammen und bricht ab.

Mit dieser dramatischen Szene begann am Mittwoch das jüngste Kapitel im wohl längsten, mysteriösesten Kriminalfall in der Geschichte San Franciscos. Der "Zodiac-Killer" terrorisierte die Stadt in den sechziger und siebziger Jahren, ermordete mindestens fünf Menschen, wenn nicht gar 37, wie er selbst geprahlt hat. Er verstrickte die Polizei in ein grausiges Katz-und-Maus-Spiel, ließ sich aber nie fassen.

Der mythische Fall, der bis heute eine kleine Armee aus Hobby-Kriminologen beschäftigt, inspirierte etliche Hollywood-Filme, darunter "Dirty Harry" mit Clint Eastwood und zuletzt "Zodiac" mit Jake Gyllenhaal und Robert Downey Jr. Die Akte "Zodiac" wurde nie offiziell geschlossen - und der Killer nie identifiziert.

Es war kein Zufall, dass die neueste Wendung am Mittwoch vor dem "Chronicle" stattfand: Die Zeitung spielt eine Hauptrolle in der Geschichte, der Killer hatte kryptische, verschlüsselte Bekennerbriefe unter anderem an die Redaktion geschickt. Da war es nur naheliegend, dass die angebliche Tochter des Mörders ihr Publikum also dorthin bestellte.

Die Frau heißt Deborah Perez und ist eine Immobilienmaklerin aus dem feinen Orange County südlich von Los Angeles. Die 47-Jährige behauptet, sie habe ihren Vater als Kind ahnungslos bei mindestens zwei seiner Killertouren begleitet. Die Pistolenschüsse, die sie dabei mitangehört habe, habe er ihr als "Feuerwerkskörper" erklärt. Einen der berüchtigten "Zodiac"-Briefe habe sie sogar selbst geschrieben, als Siebenjährige.

Perez gibt den Namen ihres Vaters als Guy Ward Hendrickson an. Er sei Tischler gewesen, der 1968 und 1969 in Südkalifornien gelebt habe, als sich die fünf demselben Täter zugewiesenen "Zodiac"-Morde ereigneten, und sei 1983 mit 68 Jahren an Krebs gestorben. Weder ihre Mutter noch ihre fünf Geschwister hätten über sein Doppelleben Bescheid gewusst - "Jekyll und Hyde", sagt Perez' Anwalt Kevin McLean.

"Zu meiner Überraschung fand ich Karten, von mir verfasst"

Auch ihr seien erst vor zwei Jahren die Augen aufgegangen, so Perez, als sie eine Folge der populären TV-Serie "America's Most Wanted" - die ungelöste Verbrechen verfolgt - gesehen habe, mit dem Phantombild des Killers. Daraufhin habe sie den ihr bis dahin wenig bekannten Fall zu recherchieren begonnen. "Zu meiner Überraschung fand ich Karten und Briefe in Polizeigewahrsam", sagt sie, "die von meinem Vater oder mir selbst verfasst worden waren."

Es ist eine seltsame Geschichte, die Perez da erzählt, inmitten des Verkehrslärms von San Franciscos Mission District. Eine Geschichte, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, zumal sich über die Jahre hinweg schon Dutzende Wirrköpfe zu den Morden bekannt haben. Doch Perez' Auftritt passt damit nur perfekt in dieses Melodram, das die Stadt am Golden Gate seit mehr als 40 Jahren fesselt.

Die ersten aktenkundlichen "Zodiac"-Morde geschehen am 20. Dezember 1968. Die Schüler Betty Lou Jensen, 16, und David Faraday, 17, fahren an jenem Abend mit dem Auto zu einem entlegenen Parkplatz nordöstlich von San Francisco, einem beliebten Treffpunkt für Liebespärchen. Der Killer steigt aus einem anderen Auto und erschießt beide kaltblütig.

In der Nacht zum 5. Juli 1969 - während der Feuerwerksfeiern zum US-Unabhängigkeitstag - wird in Vallejo, unweit dem Ort der ersten Morde, unter ähnlichen Umständen ein weiteres Pärchen Opfer eines Schützen. Darlene Ferrin, 22, ist sofort tot. Michael Mageau, 19, überlebt, trotz insgesamt vier Schüssen in Gesicht, Hals und Oberkörper.

Hemdfetzen des Opfers als Beweis

Deborah Perez will bei diesem Angriff mit dabei gewesen sein, nichtsahnend, im Auto ihres Vaters. "Ich hörte die Schüsse, und mein Vater sagte, es seien Feuerwerkskörper", sagt sie. "Ich sah eine Frau wegrennen, und dann hörte ich Schüsse, und er sagte, jemand habe sie mit Feuerwerkskörpern beworfen."

Ein Mann bekennt sich kurz darauf telefonisch bei der Polizei zu der Tat. Im August 1969 gehen dann beim "Chronicle", dem "San Francisco Examiner" und dem "Vallejo Times-Herald" anonyme Briefe mit seltsamen Kryptogrammen ein. Der Verfasser fordert eine Veröffentlichung auf Seite eins, sonst gebe es weitere Morde. Der "Chronicle" druckt einen Teil - auf Seite vier. In einem Folgebrief stellt sich der Täter erstmals als "Zodiac" vor.

Im September 1969 werden Cecelia Shepard, 22, und Bryan Hartnell, 20, während eines Picknicks am Lake Berryessa nördlich von San Francisco angegriffen. Ein Mann fesselt sie und sticht mit einem Messer auf sie ein. Shepard stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Hartnell überlebt. Er beschreibt den Täter, der eine schwarze Henkerskapuze getragen habe.

Auch Deborah Perez spricht am Mittwoch von dieser Maske: "Ich half ihm, sie anzufertigen."

Am 11. Oktober 1969 nimmt der Taxifahrer Paul Stine in San Francisco spätabends einen Fahrgast auf. Nach wenigen gefahrenen Metern schießt der ihm in den Kopf und reißt ein Stück von seinem Hemd ab. Drei Teenager beobachten das Ganze von der anderen Straßenseite. Der Killer kann entkommen, obwohl die Polizei sofort zur Stelle ist. Seinem nächsten Brief fügt der "Zodiac-Killer" als Beweis einen Fetzen des abgerissenen Hemdes seines Opfers bei.

"Hier spricht der Zodiac. Bitte helfen Sie mir"

Es folgen viele weitere Morde, die jedoch nicht schlüssig dem "Zodiac" zugeschrieben werden können - obwohl seine Stimme und sein ungefähres Aussehen inzwischen bekannt sind. Kathleen Jones wird 1970 mit einem Auto entführt, kann sich aber retten und identifiziert den "Zodiac" als den Täter. Anfang der siebziger Jahre hört das Versenden anonymer Briefe auf.

Insgesamt geht das San Francisco Police Department Abertausenden Spuren nach und ermittelt gegen rund 2500 Männer. Der wegen Kinderschändung vorbestrafte Hausmeister Arthur Leigh Allen gilt jahrzehntelang als Hauptverdächtiger. Seine Schuld kann jedoch nie vollends nachgewiesen werden, obwohl das überlebende Opfer Mageau ihn 1991 identifiziert. Allen stirbt 1992.

Eine weitere zentrale Person in dem Fall ist seinerzeit der VIP-Rechtsanwalt Melvin Belli, zu dessen Mandanten Zsa Zsa Gabor, Errol Flynn und Mae West gehörten. Der "Zodiac" schreibt ihm, fordert ihn als Ansprechpartner. Im Dezember 1969 bekommt Belli einen Brief voller Schreibfehler, der mit den Worten beginnt: "Hier spricht der Zodiac." Am Ende steht ein Appell: "Bitte helfen Sie mir."

Deborah Perez behauptet nun, sie habe diesen Brief für ihren Vater geschrieben. Zugleich sagt sie aber eben, ihr habe erst 2007 gedämmert, dass ihr Vater der "Zodiac-Killer" gewesen sei. Viele der verdrängten Erinnerungen seien erst nach Jahren wieder hochgekommen, erläuterte ihr jetziger Anwalt McLean - der früher mit Belli zusammengearbeitet hatte: "Belli greift noch aus dem Grab heraus ein, um diesen Fall zu lösen."

"Er war krank, ich wollte ihm helfen"

Perez zeigt bei ihrem Auftritt vor dem "Chronicle" eine Plastiktüte mit einer braunen Hornbrille vor. Dies sei das Gestell, das der Mörder dem Taxifahrer Paul Stine vom Gesicht gerissen und als Trophäe behalten habe. Sie werde es der Polizei übergeben, zwecks DNA-Tests. Perez hofft auch, ihre Behauptungen mit Genanalysen der Briefe stützen zu können.

"Ich habe noch nie von ihr gehört", sagt Polizeisprecherin Lyn Tomioka. "Wir werden sicher alle Erklärungen prüfen. Dies sind offene Ermittlungen." Die Lokalmedien zeigen sich skeptisch und verweisen darauf, dass Perez einen Dokumentarfilm über den Fall plane.

Nach Perez' Worten hat ihr Vater "30, 40 Menschen" umgebracht. Das entnehme sie einem Album, das er geführt habe. Er habe sich aber erst auf dem Totenbett entschuldigt. "Er sagte mir, dass er viele Menschen getötet habe", berichtet sie. "Er war krank, und alles, was ich wollte, war, ihm zu helfen."

Wo ihre Mutter bei all dem gewesen sei, will einer der Reporter zum Schluss wissen. "Sie war zu Hause", sagt Perez. Anwalt McLean beendet die Pressekonferenz. "Es ist Zeit ", sagt er - aber nicht, ohne den Journalisten noch schnell seine Telefonnummer zu diktieren.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.