Widerstand gegen die Todesstrafe Für das Leben meines Feindes

Rais Bhuiyan kämpft gegen die Todesstrafe - und für das Leben des Mannes, der ihn beinahe umbrachte. Der Texaner Mark Stroman tötete zwei Männer, verletzte Bhuiyan lebensgefährlich, jetzt soll er hingerichtet werden. Wie wurde das Opfer zum größten Fürsprecher des Täters?

Aktivist Bhuiyan: "Indem wir sein Leben retten, werden wir etwas besser machen"
Christian Thiel

Aktivist Bhuiyan: "Indem wir sein Leben retten, werden wir etwas besser machen"

Von Simon Book


Berlin - Wenn sich Rais Bhuiyan, 37, an den Tag erinnert, an dem er getötet werden sollte, ist er ganz ruhig. Der Mann mit den akkurat gescheitelten, schwarzen Haaren und dem blauen Nadelstreifenhemd hat seine Geschichte in den vergangenen Tagen oft erzählt. Noch immer stecken 35 Schrotkugeln in seiner rechten Gesichtshälfte, doch seine Haut ist glatt und ohne Narben. Die Chirurgen haben gute Arbeit geleistet. Seine seelischen Wunden sind nicht so gut verheilt. Bhuiyan ist auf Werbetour für seine Sache. Er braucht Unterstützer, denn er will, dass der Mann, der ihm das Augenlicht nahm und das Gesicht zerschoss, sein Leben behalten darf. Das ist seine Mission.

Derzeit sieht es schlecht aus für Mark Stroman. An diesem Mittwoch soll er in einem texanischen Gefängnis durch die Giftspritze sterben. Stroman war durchgedreht, als er am 11. September 2001 im Fernsehen den Anschlag auf das World Trade Center sah. Er ging davon aus, seine Schwester sei in einem der Türme gestorben. Stroman sann auf Rache, nahm seine Schrotflinte und griff drei arabisch aussehende Männer an. Er tötete einen Tankstellenbesitzer aus Indien und einen Verkäufer aus Pakistan. Bhuiyan, geboren in Bangladesch, überlebte schwer verletzt. Inzwischen ist das Opfer von damals der umtriebigste Fürsprecher des Täters.

Bhuiyan ist Muslim. Seine Eltern - beide Islamlehrer - haben ihn streng gläubig erzogen. Sie haben ihm beigebracht: Alles kommt von Gott. Und alles hat einen Grund.

Noch im Krankenhaus vergibt Bhuiyan seinem Peiniger: "Ich habe ihm angesehen, dass er nicht unterscheiden konnte zwischen richtig und falsch. Dieser Hass war in ihm. Eine Hinrichtung macht das nicht besser."

Die Hinrichtung rückt näher - dann kommt Hilfe aus Deutschland

Bhuiyans Leben ist nach dem Mordversuch völlig aus den Fugen geraten. Seine Beziehung zerbricht, seinen Job an der Tankstelle muss er aufgeben. Neun Jahre dauert es, bis er Stromans Überfall als Chance begreift. "Ich habe endlich etwas gefunden, was mein Leben zusammenhält: den Kampf für sein Leben."

Er nimmt Kontakt zu den Familien der anderen Opfer auf, redet langsam und konzentriert auf sie ein. Er wählt seine Worte exakt, will vertrauensvoll wirken, glaubhaft. Seine Botschaft ist simpel, doch sie überzeugt: "Indem wir sein Leben retten, werden wir etwas besser machen. Wir geben vielen anderen Menschen die Möglichkeit, aus dieser Spirale der Gewalt auszubrechen."

Zusammen mit dem Menschenrechtsaktivisten Rick Halperin versucht er von nun an, Stromans Leben zu retten. Sie protestieren, versuchen vor Gericht das Verfahren neu aufzurollen, schreiben an den Gouverneur von Texas. Alles hilft nichts. Der Hinrichtungstermin rückt immer näher. Doch dann kommt unerwartet Hilfe aus Deutschland.

Bei der Menschenrechtsorganisation Reprieve in London geht ein Schreiben von einer Frau aus dem Saarland ein. Sie ist Stromans Brieffreundin, beschreibt seinen Fall. Sie berichtet von einem herzensguten, lieben Menschen, der ihr aus einer schweren Lebenskrise geholfen habe. Der bereue, was er getan habe und der es nicht verdient habe zu sterben. (Lesen Sie hier die Geschichte der Freundschaft der beiden.)

Bhuiyan geht auf Promotiontour - für den Mann, der ihn beinahe tötete

Und sie erzählt von einem "german link", von einer Verbindung von Stroman nach Deutschland. Sein leiblicher Vater Eddie, den Mark nie kennengelernt hat, soll aus Niedersachsen stammen und früher einmal Strömann geheißen haben.

Die Menschenrechtler bei Reprieve werden hellhörig. Sollte sich das beweisen lassen, könnten sie zwei mächtige Fürsprecher für Stromans Leben gewinnen: die Bundesrepublik und die Europäische Union.

Maya Foa plant die Kampagne bei Reprieve. Sie nimmt Kontakt zu Bhuiyan auf, denn sie glaubt: Wenn es jemanden gibt, der für Mark sprechen kann, dann sein Opfer. Einen besseren Anwalt kann sich Stroman kaum wünschen.

Zwei Wochen vor der Hinrichtung reist Bhuiyan auf Kosten der Organisation nach Europa. Es gibt Gespräche mit dem Pharmakonzern in Dänemark, der das Nervengift für die US-Todeskandidaten herstellt. Foa und Bhuiyan fahren nach Straßburg, um Abgeordneten des Europäischen Parlaments den Fall zu schildern. Ihr wichtigstes Treffen jedoch haben sie in Berlin mit Markus Löning, dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung. Lässt sich Löning überzeugen, würde es sich der Gouverneur in Texas vielleicht noch einmal überlegen, so die Kalkulation.

Ihre Euphorie ist groß, als sie in Berlin ankommen. Bei Treffen im Bundestag seien sie auf großes Interesse der Abgeordneten gestoßen, berichtet Bhuiyan. Am Nachmittag dann kommt die große Enttäuschung: Löning muss das Treffen absagen. Ein Ersatztermin kann nicht gefunden werden, zu eng ist Bhuiyans Zeitplan.

"Es geht schließlich um die Menschenrechte"

Am Telefon versichert Löning jedoch, er werde im Namen der Bundesregierung an den Gouverneur schreiben und sich für die Umwandlung der Todesstrafe in eine Haftstrafe einsetzen. Die Bundesregierung lehne die Todesstrafe grundsätzlich ab. Bestätigen, dass Stroman deutsche Wurzeln habe, könne er jedoch nicht. Dafür gebe es keine belastbaren Beweise, heißt es aus dem Auswärtigen Amt.

Ein mäßiger Erfolg. Vielleicht, so Bhuiyans Hoffnung, zeigen die Briefe aus Deutschland dennoch Wirkung. Daran glauben will er jedoch nicht so recht. Inzwischen gehe es sowieso nicht mehr um den Einzelfall, sondern um die große Sache: "Ob die Mission erfolgreich ist oder nicht, sollte nicht daran gemessen werden, ob Mark stirbt. Wir hören dann nicht auf. Es geht schließlich um die Menschenrechte, nicht um eine Lokalposse in Texas."

Eine andere Möglichkeit hat Bhuiyan wohl auch nicht. Der Kampf gibt seinem Leben eine Aufgabe. Für ihn ist es Gottes Wille.

Immerhin: Einen ersten Erfolg hat seine Werbetour bereits erbracht. Der Nervengiftproduzent aus Dänemark hat angekündigt, künftig keine Todesspritzen mehr in die USA zu liefern.



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Seite 1
hausmeister hempel 19.07.2011
1. Überschrift
Zitat von sysopRais Bhuiyan kämpft gegen die Todesstrafe - und für*das Leben des Mannes, der ihn beinahe umbrachte. Der Texaner Mark Stroman tötete zwei Männer, verletzte Bhuiyan lebensgefährlich, jetzt soll er hingerichtet werden. Wie wurde*das Opfer zum größten Fürsprecher des Täters? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,775237,00.html
"Stockholm-Syndrom"
Alberon 19.07.2011
2. --
Vor diesem Menschen kann man sich nur verneigen. Später dann vor seiner eigenen Türe Kehren um zu lernen.
Alberon 19.07.2011
3. --
Vor diesem Menschen kann man sich nur verneigen. Später dann vor seiner eigenen Türe kehren um zu lernen.
Liopleurodon, 19.07.2011
4. ...
Dieser Einsatz ist in der Tat eine gute Sache. Ich kann ihm dafür nur alles Gute wünschen!
qvoice, 19.07.2011
5. Gerechtigkeit
Zitat von sysopRais Bhuiyan kämpft gegen die Todesstrafe - und für*das Leben des Mannes, der ihn beinahe umbrachte. Der Texaner Mark Stroman tötete zwei Männer, verletzte Bhuiyan lebensgefährlich, jetzt soll er hingerichtet werden. Wie wurde*das Opfer zum größten Fürsprecher des Täters? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,775237,00.html
Also ich finde es gerecht, dass der, der tötet selber sein Leben verliert.
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