Stalking unter Nachbarn "Aber ich bleibe"

Wenn sie ihren Garten betrat, wurde sie beschimpft, einmal traf sie ein Stein im Gesicht: Elfi E. wurde systematisch von ihrem Nachbarn tyrannisiert. Was trieb den Stalker an?

Von Armin Peter


Stalking-Opfer (Symbolfoto): "Wer sich nicht wehrt, büßt massiv an Lebensqualität ein"
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Stalking-Opfer (Symbolfoto): "Wer sich nicht wehrt, büßt massiv an Lebensqualität ein"

(Dieser Text erschien erstmals am 11. April 2013. Auf dieses Datum beziehen sich die Zeitangaben im Text)

Es war kurz vor Weihnachten 2001, als über den Zaun von Elfi E. ein paar Bretter flogen. Ihr Nachbar schleuderte sie auf ihr Grundstück, einige landeten auf der Gartenlaube. Weil es stürmisch war, entfernte Elfi E. die Bretter vom Dach. Sie konnte nicht ahnen, dass sie für längere Zeit das letzte Mal ihren eigenen Garten betreten hatte.

Auf dem Weg zurück ins Haus erblickte sie Günther H., den Nachbarn, der zum Wurf ansetzte. Ein Erdklumpen, dachte sie noch, doch dann spürte sie einen betäubenden Schlag über dem linken Auge. Es war ein Stein.

Elfi E. lebt in einer blitzsauberen Offenbacher Reihenhaussiedlung. Ihr Leiden begann, als Günther H. nebenan einzog. "Es begann mit einem Streit um Grundstücksgrenzen kurz nach dem Einzug des neuen Nachbarn", erzählt sie. Nachbar Günther H. zog vor Gericht - und verlor. Die Grenzen sind korrekt gezogen, so das Urteil. "Ich weiß nicht, weshalb er auch mich verklagt hat, das Haus gehört meinem Mann", sagt Elfi E.

"Sieht der Stalker einen Erfolg, macht er weiter"

Der Nachbar hat sich auf ihre Person fixiert, seit 14 Jahren ist sie Opfer eines Stalkers. Er beleidigt die 61-Jährige, sobald sie allein den Garten hinter dem Haus betritt. Ihren Mann und ihren Sohn ignoriert er dagegen völlig.

Als der Stein Elfi E. niederstreckte, fand ihr damals 12-jähriger Sohn sie schreiend auf dem Boden. Die Mutter musste im Krankenhaus behandelt werden. Günther H. hatte da schon sein Haus verlassen. Vor Gericht behauptete er, nicht zu Hause gewesen zu sein. 2003 wird er wegen gefährlicher Körperverletzung zu neun Monaten Haft verurteilt. Die Strafe ist für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Günther H. muss 2000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Elfi E. leidet seit dem Steinwurf an einem chronischen Tinnitus und traute sich lange nicht mehr in den eigenen Garten.

Die Opferschutzorganisation Weißer Ring hat Elfi E. bei der Klage geholfen. Alfred Huber kümmerte sich um ihren Fall. Der 74-jährige ehemalige Polizist ist einer von 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ihm persönlich ist es ein Anliegen, Augenhöhe zwischen Opfer und Täter herzustellen. "Sieht der Stalker einen Erfolg, macht er weiter. Wer sich nicht wehrt, büßt massiv an Lebensqualität ein."

Doch für die Opfer ist das eine große Aufgabe. "Erst an der Hand einer Therapeutin habe ich mich langsam vorgetastet", sagt sie. Seit seiner Verurteilung hat Günther H. auf körperliche Attacken verzichtet. Die Belästigungen gehen weiter.

Der Stalking-Nachweis fällt oft schwer

Obwohl Elfi E. durch das Stalking vorsichtiger geworden ist, will sie sich ihr Zuhause nicht nehmen lassen. "Mein Mann ist doch in diesem Haus aufgewachsen", erklärt sie und blickt durch das Wohnzimmer. Fotoalben und Schnellhefter stapeln sich auf dem Holztisch. Auf Empfehlung des Weißen Rings dokumentiert Elfi E. die zahllosen Attacken des Nachbarn. Bei einigen Sachbeschädigungen konnte die Familie ihn sogar fotografieren.

Im Jahr 2007 wurde Stalking als "Nachstellung" ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Der Nachweis fällt aber oft schwer. Am häufigsten werden Frauen gestalkt, die eine Beziehung mit dem Täter abgelehnt oder sich von ihm getrennt haben. Aber auch Nachbarn, Kollegen oder Prominente kann es treffen. 2011 wurden deutschlandweit 25.038 Fälle polizeilich erfasst. Die Täter sind überwiegend männlich.

Wenn Elfi E. sich im Garten aufhält, ruft das in unregelmäßigen Abständen Günther H. auf den Plan. "Asoziale Drecksschlampe!", pöbele er dann über den Zaun, oft in Kombination mit obszönen Gesten. "Darauf muss ich leider gefasst sein", sagt Elfi E. "Ich ziehe mich nie leger an und ignoriere ihn."

Wand an Wand kleben die beiden Reihenhäuser. Im Blumenbeet von Familie E. liegen die zersplitterten Trümmer eines alten Holzzauns. "Ich habe es aufgegeben, den Zaun zu reparieren", sagt Elfi E. "Am nächsten Tag ist er wieder kaputt."

"Das hat die Alte geträumt"

Fünf Prozesse hat Günther H. schon gegen Elfi E. und ihren Mann verloren. Hinzu kommen unzählige abgewiesene Zivilklagen. Um Ärger zu vermeiden lädt Elfi E. regelmäßig Bekannte ein, um sich den korrekten Wuchs der Pflanzen schriftlich bezeugen zu lassen. Trotzdem wurden die Büsche an der Grundstücksgrenze weit über den Zaun hinweg gestutzt. Ein Busch, den Elfi E. als Sichtschutz gepflanzt hatte, fehlt komplett.

Was aber treibt Günther H. an? An seiner Haustür ist auf Anhieb kein Klingelschild zu finden. Doch schon öffnet sich das Küchenfenster: "Um was geht's denn?", ruft ein gedrungener Mann mit Schnauzer in breitem Hessisch. Zeitgleich rollt ein Auto in die Einfahrt. Frau H. kommt gerade nach Hause. "Stalking? Kenn isch net, mach isch net!", blafft Günther H. auf den Hof.

Gerade will er sein Fenster schließen, doch die Frage nach der Nachbarin bringt ihn auf die Palme: "Ach, die Alte hat doch Alzheimer!" Bevor er die Tirade fortsetzen kann, schneidet ihm seine Frau das Wort ab: Zum Thema Stalking wolle man keine Stellungnahme abgeben, sagt die schlanke Mittfünfzigerin. "Ja genau, keine Stellungnahme!", echot es aus dem Fenster. Dann ziehen sich beide ins Haus zurück.

Auf telefonische Nachfrage bestreitet Günther H. seine Verurteilung nach dem Steinwurf vehement: "Das hat die Alte geträumt, eine reine Fata Morgana." Auch Zivilprozesse will er nicht verloren haben. Nach zehn Minuten legt er abrupt auf.

Nachbarn beschreiben Günther H. als umgänglich und ruhig. Bekannt ist allerdings auch seine Fixierung auf Elfi E.: "Er schreit ihr Beleidigungen zu, die ich von ihm gar nicht kenne", berichtet eine Frau, die nebenan wohnt. "Bei uns macht er das nie."

Elfi E. ist entschlossen, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen. Rückschläge gibt es aber immer wieder: 2012 will Elfi E. nach einer Sachbeschädigung in ihrem Garten die Polizei rufen und erleidet noch am Telefon einen Hörsturz. Ihr Arzt diagnostiziert psychische Belastung. Die Angst sitzt tief, aber Elfi E. will nicht aufgeben. "Neulich rief er, dass er mich schon aus dem Haus rauskriegen würde. Aber ich bleibe."



insgesamt 102 Beiträge
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nick115 11.04.2013
1. Titel
Als Ehemann würden mir da schon Mittel und Wege einfallen dieses "Subjekt" zu ruhigzustellen...
sangerman 11.04.2013
2. wo sind die Hell Angels
wenn man (Frau) mal braucht?
Friedrich der Streitbare 11.04.2013
3. Auf einen groben Klotz
gehört ein grober Keil.
Neinsowas 11.04.2013
4. das ist doch krank!
Warum bestellt das Gericht nicht einen Psychiater?
tanmenu 11.04.2013
5. Schnell gelöst
Zitat von sysopimagoWenn sie ihren Garten betritt, wird sie beschimpft, einmal traf sie ein Stein im Gesicht: Elfi E. ist das Opfer eines Stalkers. Ihr Nachbar tyrannisiert sie seit 14 Jahren, ein Ende ist nicht in Sicht. Das Beispiel der 61-Jährigen zeigt, für welch massive Ängste und Leiden sich die Täter schuldig machen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/wie-ein-stalker-seine-nachbarin-jahrelang-tyranisiert-a-892112.html
Einen Tausender springen lassen. Der Stalker bekommt Besuch von zwei netten Herren, die ihm nochmal die Problematik auseinandersetzen und Ruhe ist. Gut angelegtes Geld. Auf alle Fälle besser als das Steuergeld für die machtlosen Staatsbeamten.
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