Exekutionen in den USA Wie Illinois die Todesstrafe abschaffte

Das oberste US-Gericht verhandelt erneut über die Todesstrafe. Landesweit wird sie in absehbarer Zeit wohl nicht abgeschafft. Doch in manchen Bundesstaaten gelang das bereits. Zum Beispiel in Illinois.

Um Leben und Tod: Todesstrafengegner vor dem Supreme Court (Archivbild)
REUTERS

Um Leben und Tod: Todesstrafengegner vor dem Supreme Court (Archivbild)

Von , New York


Anthony Porter beteuerte stets seine Unschuld. Der Schwarze aus Chicago hatte sich sogar freiwillig bei der Polizei gemeldet, um den Mordverdacht gegen ihn zu entkräften. Es half nichts: Ein Gericht sprach ihn des Doppelmordes schuldig und verurteilte ihn zum Tode - hauptsächlich wegen einer einzigen, dubiosen Zeugenaussage.

Fast 16 Jahre lang saß Porter in der Todeszelle. Mehrmals wäre er fast hingerichtet worden. Schließlich wurde sein Urteil aufgehoben, und er verließ das Gefängnis als gebrochener, doch freier Mann. Ein Wärter steckte ihm zum Abschied ein paar U-Bahn-Chips zu.

Es war der 5. Februar 1999, der Anfang vom langen Ende der US-Todesstrafe - so hofften es jedenfalls deren Gegner.

In der Tat hat eine Mehrzahl der US-Bundesstaaten die Todesstrafe seither ausgesetzt oder abgeschafft - darunter Illinois, nach einem zähen politischen Hindernislauf, der mit Anthony Porter begann. In anderen Staaten dagegen hält sie sich trotzig.

Todesurteil nach drei Verhandlungstagen

Daran dürfte auch der Oberste US-Gerichtshof wenig ändern, wenn er sich an diesem Mittwoch erneut mit diesem Reizthema befasst. Denn die dramatischen Fragen, die schon der Fall Porter aufwarf, werden dabei weiter unbeantwortet bleiben: Wie unfehlbar sind Strafurteile, wie gerecht, wie moralisch akzeptabel ist die Todesstrafe für einen Rechtsstaat wie die USA?

Das Beispiel Illinois führt vor, wie die Todesstrafe landesweit abgeschafft werden könnte - und zeigt zugleich, warum das bis heute nicht geschehen ist. Denn selbst Anthony Porter verdankte sein Leben keinem grundsätzlichen politischen Sinneswandel. Sondern Zufall - und einer Gruppe Studenten.

Porter war 1983 verurteilt worden, in Chicago zwei Teenager erschossen zu haben. Ein angeblicher Augenzeuge, der erst nichts gesehen haben wollte, hatte ihn nach 17 Stunden Polizeiverhör als Täter identifiziert. Nur drei Tage dauerte der Prozess. Porters Anwalt schlief dabei auch mal ein.

Nach langem Gezerre sollte Porter im September 1998 hingerichtet werden. Doch 48 Stunden vor dem Termin gewährte das Oberste Gericht von Illinois einen letzten Aufschub, um seinen Geisteszustand zu prüfen. Es stellte sich heraus, dass er einen Intelligenzquotienten von 51 hatte.

Nicht in meinem Namen: Protest gegen die Todesstrafe in Oklahoma (2014)
AP/The Oklahoman, Steve Gooch

Nicht in meinem Namen: Protest gegen die Todesstrafe in Oklahoma (2014)

Eine Journalistenschulklasse an der Northwestern University nutzte die Gelegenheit, den Fall für ihr Todesstrafen-Seminar nachzurecherchieren. Unter Anleitung ihres Professors David Protess bewegten sie den Hauptbelastungszeugen dazu, seine Aussage zu widerrufen. Mehr noch: Sie trieben einen anderen Mann auf, der die Tat unter Eid gestand.

So kam der ganze Apparat zum Einsturz - zumindest in Illinois.

Dabei feierten sie dort früher Exekutionen. Zum Beispiel 1994, als der Serienmörder John Wayne Gacy hingerichtet wurde. Gacy, der auf Kindergeburtstagen als Clown auftrat, hatte 33 Jungen erdrosselt. Als er die Giftspritze bekam, versammelten sich rund tausend Schaulustige vor der Haftanstalt und skandierten: "Kill the clown!" Wegen eines defekten Infusionsschlauchs dauerte Gacys Todeskampf mehrere Minuten.

Verpatzte Exekutionen hatte es aber immer schon gegeben: Elektrische Stühle setzten Delinquenten in Flammen, Gaskammern wurden zu qualvollen Folterkammern, Giftspritzen wirkten unmenschlich langsam.

Die Alternativen zur Giftspritze

Doch es war die Schuldfrage, die am Ende die größten Zweifel nährte. Nach Porters spektakulärem Freispruch verhängte der republikanische Gouverneur George Ryan ein Hinrichtungs-Moratorium. Es dauerte aber noch bis 2011, dass Illinois die Todesstrafe aus dem Gesetzbuch tilgte.

Inzwischen haben 29 US-Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington sie entweder ganz abgeschafft oder praktizieren sie nicht mehr. Einer der Staaten, die sich dem Ende verweigern, ist Oklahoma, wo voriges Jahr die qualvolle Hinrichtung von Clayton Derrell Lockett für Entsetzen sorgte.

Nicht zuletzt deswegen berät nun der Supreme Court. Doch da geht es nicht um Moral, sondern allein ums Verfahren - namentlich um den Giftstoff Midazolam, der bei Lockett und anderen versagt hatte. Für den Fall, dass das Gericht das Gift für verfassungswidrig erklärt, haben einige Staaten schon Alternativen vorbereitet - etwa Erschießungskommandos oder die Rückkehr des elektrischen Stuhls.

Das mit der Moral ist ohnehin heikel. Alstory Simon - der Mann, der damals anstelle Anthony Porters verurteilt wurde - entpuppte sich 2014 ebenfalls als unschuldig und kam wieder frei. Er verklagte den Ex-Journalismusprofessor Protess, der heute das Chicago Innocence Project leitet: Protess und seine Studenten hätten Indizien "fabriziert".

Hinrichtungen seit 1976



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Seite 1
darthmax 29.04.2015
1. Todesstrafe
Moralisch verwerflich oder nicht...da es immer wieder zu Fehlurteilen kommt, selbst ein Geständnis keine 100% Garantie ist und das mit der Rückkehr aus dem Paradis auch nicht klappt, ist eine Todesstrafe ein Relikt aus vergangener Zeit und sollte auf der ganzen Welt abgeschafft sein.
kratzdistel 29.04.2015
2. so nicht ganz korrekt
es gibt das Strafrecht des bundes und das Strafrecht des landes. für das eine gibt es nur Landesgerichte und für ander nur Bundesgerichte ab 1. Instanz. Illinois kann nur nach dem landestrafgesetzbuch die Todesstrafe abschaffen, während der bund in Illinois die Todesstrafe vollziehen könnte.das verbot ist auch zu jederzeit wieder änderbar.
senioriii 29.04.2015
3. USA bricht eigene Verfassung
Grausame Strafen sind in USA verboten. Der supreme Court interpretiert das so, dass es zwar erlaubt sei jemanden umzubringen, man dürfe ihm dabei nur nicht weh tun. Aber offensichtlich ist es viel grausamer jemanden mit jahrelangem Vorlauf umzubringen, als ihn ein paar Minuten Schmerzen zu bereiten.
PowlPoods 29.04.2015
4. In
den Bundesstaaten wird doch die Todesstrafe nicht abgeschafft, weil sie barbarisch oder nicht sinnvoll ist. Sie wird abgeschafft, weil es gerade politisch Opportun ist. Sollte vor der nächsten Gouverneurswahl bei einer Befragung rauskommen, das die Bürger die Strafe wieder haben wollen, hat sie der Kandidat schneller im Wahlprogramm als man Luft holen kann.
bernd.stromberg 29.04.2015
5.
Zitat von PowlPoodsden Bundesstaaten wird doch die Todesstrafe nicht abgeschafft, weil sie barbarisch oder nicht sinnvoll ist. Sie wird abgeschafft, weil es gerade politisch Opportun ist. Sollte vor der nächsten Gouverneurswahl bei einer Befragung rauskommen, das die Bürger die Strafe wieder haben wollen, hat sie der Kandidat schneller im Wahlprogramm als man Luft holen kann.
Das halte ich für ein Gerücht. Die Zustimmung in den USA für die Todesstrafe ist recht hoch - in vielen westlichen Staaten und Deutschland würde eine Mehrheit sie u.U. übrigens auch Befürworten Der ungebildete Pöbel denkt über Fälle wie Fehlurteile, Menschenrechte und negativen Einfluss auf die Bürger durch vorleben von "Gewalt und Rache als legitime Lösung" nicht nach. Er lässt sich von seinen niederen, primitiven Instinkten leiten. Würde ich mich an dem Menschen der vielleicht ein Familienmitglied von mir getötet oder misshandelt hat auch gerne persönlich brutal rächen?! Durchaus vorstellbar. Würde ich befürworten dass der Staat das übernehmen kann, darf und soll? Nein - denn ich weiß, dass es nicht richtig ist und viele negative Folgen haben wird. Denn der dumme Pöbel denkt dann erst recht "Moment mal, wenn der Staat jemanden legitim mit dem Tode bestrafen kann, warum sollte ich das nicht auch selbst in die Hand nehmen und meinen Nachbarn töten - mit dem ich Streit habe, und der es in meinen Augen verdient hat?". Das ist ja genug der Grund für die hohe Gewalt- und Tötungsrate in den USA. Jeder tötet jeden. Der Staat seine Bürger, Gangster die Polizei, die Polizei Gangster und manchmal Nicht-Gangster. Ich töte jemanden der mein Grundstück betritt (vielleicht ist es auch nur mein Betrunkener Sohn der mal wieder den Schlüssel vergessen hat). Die USA sind pervertiert, weil Töten (vor allem durch Schusswaffen) nicht nur als "Letztes Mittel" sondern oft als erstes Mittel gesehen wird.
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