Wiederaufnahme im Fall Peggy Geständnis ohne Wert

Das Landgericht Bayreuth lässt das Verfahren im Fall Peggy gegen Ulvi K. neu aufrollen, die Gründe sind gravierende Fehler der Polizei. Offenbar schufen sich die Beamten ihren Täter. Nun rückt ein Verdächtiger aus Halle in den Fokus der Ermittler.

DPA/ Polizei

Von , München


Seit dem Frühjahr 2001 ist Peggy Knobloch verschwunden. Kein Lebenszeichen, keine Leiche. Es ist nicht vorstellbar, was ihre Angehörigen seither durchmachen müssen. Peggy war neun, als sie zum letzten Mal gesehen wurde.

Im April 2004 wurde ein Mann wegen Mordes verurteilt. Doch damit war der Fall nicht beendet. Immer neue Spuren tauchten auf, neue Verdächtige, neue Zweifel. Ihre Mutter sagte Ende September "Stern TV", sie hoffe innig, dass "dieser Alptraum endlich ein Ende hat".

Seit Montag steht fest: Der Fall Peggy Knobloch wird zwölf Jahre nach ihrem Verschwinden neu aufgerollt. Und die Begründung des Landgerichts Bayreuth zeichnet ein düsteres Bild der bisherigen Ermittlungen.

Es hat akribisch die Argumente für eine Wiederaufnahme abgewogen - und einen unglaublichen Polizeiskandal benannt. Denn die zwei Gründe, die es aufführt, sind krasse Manipulationen durch die Sonderkommission Peggy: Zum einen die Aussage eines V-Manns, der gelogen hatte, und zweitens ein Tathergang, den sich die Polizei für einen geistig behinderten Beschuldigten offenbar ausgedacht hatte.

Politischer Druck auf die Soko Peggy

Eineinhalb Jahre nach Peggys Verschwinden in Lichtenberg 2001 tappte die erste Soko immer noch im Dunkeln. Keine Spur von dem Mädchen, keine Spur von einem Täter. Zeugen widersprachen sich, vor allem als es um den Zeitpunkt ging, an dem Peggy zuletzt in ihrem Heimatort gesehen wurde. Die Polizei verdächtigte den Stiefvater und Holger E. aus Halle, einen jungen Mann, der damals häufig in Peggys Elternhaus zu Besuch war.

Auch der geistig behinderte Ulvi K. aus Peggys Nachbarschaft wurde überprüft, weil er ein paar Mal Kinder aus Lichtenberg sexuell belästigt hatte. Doch sowohl der Stiefvater als auch Holger E. und Ulvi K. hatten ein Alibi. Der Stiefvater war am Arbeitsplatz, Holger E. bei Freunden, Ulvi K. beim Holzstapeln.

Die Soko stand unter massivem Erfolgsdruck, angetrieben von der Staatsregierung in München. Niemand sollte sagen können, dass im sicheren Bayern Kinder am helllichten Tag von der Straße verschwinden und die Polizei den Fall nicht aufklären kann.

Der damalige Innenminister Günther Beckstein ließ den Soko-Leiter auswechseln. Und der neue Mann präsentierte bald einen Verdächtigen: Ulvi K., damals 26, groß, dick und behäbig, nach einer Meningitis auf dem geistigen Stand eines etwa sechsjährigen Kindes. Ulvi K. wurde im Oktober 2002 festgenommen und wegen sexueller Übergriffe auf Jungen aus der Nachbarschaft in die geschlossene Forensik gebracht.

Dort saß auch der Kleinkriminelle Peter H. wegen Drogen- und Alkoholsucht. Peter H. wurde von der Soko als V-Mann offenbar gegen Ulvi K. in Stellung gebracht. H. rief wenig später bei der Soko an und berichtete, Ulvi K. habe den Mord an Peggy geschildert. Vor Gericht war H. ein wichtiger Belastungszeuge.

Gegenüber Ulvi K.s Anwalt und einem Fernsehteam äußerte Peter H. später, die Polizisten hätten ihm seine baldige Freilassung in Aussicht gestellt, wenn er Ulvi zu einem Geständnis bringen könne. Jahre später zog der Zeuge seine Aussage zurück. Sie sei gelogen gewesen, sagte H. Er wollte damals nur endlich freikommen und habe das Geständnis erfunden. Inzwischen ist Peter H. verstorben.

Die Soko nahm seinen Anruf offenbar zum Anlass, eine Tathergangshypothese zu entwickeln. Eine Hypothese, die Ulvi K.s Alibi zerlegte. Daraufhin vernahmen ihn Ermittler und hielten ihm offenbar den vermeintlichen Tathergang vor. Er musste nach stundenlanger Vernehmung - am Ende ohne Anwalt und ohne laufendes Aufnahmegerät - nur noch bestätigen, dass es genau so gewesen ist.

Falsches Alibi

Davon jedoch, bestätigte das Landgericht Bayreuth nun, habe das Gericht nie etwas erfahren. Die Strafkammer war also davon ausgegangen, dass Ulvi K. den Tathergang genau so geschildert hatte, wie er sich vermeintlich abgespielt hat. Eine Schilderung, die ein geistig behinderter Mann wie Ulvi K. sich nicht ausdenken kann.

Die Richter waren überzeugt. Ulvi K. wurde im April 2004 als Mörder von Peggy verurteilt und blieb in der Forensik. Auch wenn nie jemand erklären konnte, wie er die Leiche innerhalb von einem Zeitfenster von maximal 15 Minuten völlig ohne Spuren beseitigt haben könnte. Ulvi K. zog das Geständnis später zurück. Weder die Justiz noch die Soko glaubten ihm.

Doch Ulvi K.s Unterstützer und einige Journalisten ließen nicht locker. Sein Anwalt reichte im April einen Wiederaufnahmeantrag ein, mit Erfolg.

Das neue Verfahren soll in der ersten Jahreshälfte 2014 beginnen. Dann wird es um die Schuld von Ulvi K. gehen. Ob dieser Prozess auch die entscheidende Frage klären kann, ist zweifelhaft: Wo ist Peggy geblieben?

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth ermittelt weiter. Und sie hat einen Verdächtigen: Holger E. aus Halle. Der Mann wurde im Februar verurteilt - wegen sexuellen Missbrauchs seiner damals zweijährigen Tochter. Er gestand offenbar auch, eine Freundin Peggys, die im gleichen Haus in Lichtenberg wohnte, missbraucht zu haben. Holger E. soll sich zudem an weiteren Mädchen aus seiner Familie vergangen haben.

Seine Telefonnummer hatte die Soko I in einem Schulheft Peggys gefunden. Holger E. trug nach dem Verschwinden Peggys deren Bild in einem Medaillon um den Hals. Sein angebliches Alibi hat sich inzwischen offenbar als falsch herausgestellt.



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.