Wiener Sumpf Die feinen Freunde der Polizei

Die Affären bei der Wiener Polizei reißen nicht ab. Erst wurde der suspendierte Polizeichef Roland Horngacher wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Jetzt kommt heraus: Ein ominöser Verein päppelte die Exekutive mit Geschenken. Was bekam er dafür?
Von Marion Kraske

Wien - Der Verein hat einen seltsamen Namen und eine noch seltsamere Adresse: "Freunde der Wiener Polizei", Schottenring 7-9, A-1010 Wien. Das seltsame an dieser Anschrift: Es ist auch die Adresse der Wiener Polizeidirektion. Der Verein residiert hier gar nicht. Er hat kein Büro, keinen Schreibtisch, nur ein Postfach.

Präsident der Polizeifreunde ist Adolf Wala, ein gepflegter Herr mit dunklem Anzug und üppiger Silbertolle. Früher einmal war er der oberste Wächter der Österreichischen Nationalbank, ein seriöser Mann, er verströmt den distinguierten Charme eines Zigarrenclubmitglieds.

Jetzt sitzt er in einem Büro eines befreundeten Unternehmers, das Wiener Rathaus in Wurfweite, an den Wänden hängt moderne Kunst. Ein wenig mitgenommen sieht Wala aus. Der Ärger der letzten Tage steht ihm ins Gesicht geschrieben, nun ist er um Schadensbegrenzung bemüht. Denn seine Polizeifreunde sind ins Gerede gekommen.

"Die Optik", räumt Wala ein, sei "nicht gut." Das sieht auch die Wiener Staatsanwaltschaft so, sie will den Postfach-Verein genauer unter die Lupe nehmen, auch das Büro für Interne Ermittlungen der Wiener Polizei ist eingeschaltet. Es geht um einen schlimmen Verdacht: Ist die Wiener Polizei korrupt? Es gebe "schlampige Verhältnisse, die man lieber vermieden sähe", kommentiert der "Standard". Und es geht, einmal mehr, um die Wiener Polizei, die in den vergangenen Monaten einen Skandal nach dem anderen produzierte.

Dabei habe man in den 37 Jahren seit Vereinsgründung viele "positive Dinge" gemacht, versichert Wala und richtet seine schwarzen Hosenträger unterm Sakko. Einsatzwagen habe man der finanzschwachen Exekutive besorgt, gleich 15 Stück, Reanimationsgeräte wurden gekauft. "Die haben Leben gerettet." Und das ist längst nicht alles, auch Computer gab es für die uniformierte Garde, Schnittchen bei Polizeifeiern, Hilfe für bedürftige Polizeiwitwen.

Dass die noble Helfertruppe nun in Verruf geraten ist, liegt zum einen an den Mitgliederlisten, die sich lesen wie das Who is Who der feinen Wiener Gesellschaft. "Honorige Personen", sagt Wala, stadtbekannte Promis, nadelbestreifte Banker, erfolgreiche Gastwirte, Unternehmer, Top-Manager und der rote Stadtpatron, Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ). Zu ihnen gesellen sich allerdings multiple Persönlichkeiten - der undurchsichtige Milliardär und einstige Schalck-Golodkowski-Geschäftspartner Martin Schlaff ist ebenso vertreten wie Kasinobetreiber und Sicherheitsfirmen, die für gute Bezahlung ihre kräftigen Jungs losschicken, um nach dem Rechten zu sehen.

"Keine Leistung ohne Gegenleistung"

Selbst der Besitzer des Wiener Edelpuffs Babylon - Eintritt 130 Euro, Zimmermiete pro halbe Stunde 200 Euro - soll um Aufnahme bei den "Freunden" gebeten haben. Am Wiener Flughafen locken die Damen des Etablissements auf einer riesigen Plakatwand mit weißen Dessous und koketten Engelchenflügeln um zahlungskräftige Kundschaft.

Wala versichert, er habe den Bordellbesitzer abgelehnt, dennoch erscheint der Name, reichlich merkwürdig, auf internen Vereinslisten. Wala bezeichnet sie als "Bewerberlisten".

Etliche, die mit der Polizei eigentlich dienstlich zu tun haben sollten, finden sich auf einmal als Freunde der Polizei wieder, wettert der Grünen-Politiker Peter Pilz. Das Ganze sei höchst anrüchig, schließlich gebe es langfristig "keine Leistung ohne entsprechende Gegenleistung".

Geschenke an die Polizei, sagt auch Franz Fiedler, ehemaliger Präsident des Österreichischen Rechnungshofes, seien "gefährlich". Er sieht in den freundlichen Zugaben an die Exekutive den Versuch, sich "einen Apparat geneigt" zu machen. Seine Landsleute, tadelt der Korruptionsexperte, der auch Transparency International berät, pflegten einen zu lockeren Umgang mit "Freunderlwirtschaft".

Hilfe für die hohen Herren

Man wolle doch nur eine "sichere Stadt", beschwichtigt Vereinsboss Wala. Da müsse die Polizei eben ausgestattet werden. Dafür zahlten seine Mitglieder mitunter hübsche Sümmchen, bis zu 1000 Euro pro Jahr, sagt ein Eingeweihter, sei "der Kurs" gewesen.

Ganz so altruistisch wie die Vereinsspitze es jetzt darstellt, waren die Anliegen der noblen Spender aber wohl nicht. Denn bei kleinsten Problemchen sollen die Herrschaften um Hilfe gebeten haben: Da lagen Mitgliederausweise der Polizeifreunde, versehen mit einem Bundesadler, gut sichtbar hinter Windschutzscheiben - Parksheriffs gelten in der Donaumetropole als besonders scharf. Da ersuchte der ehemalige Botschafter Kasachstans dringend um tatkräftige Unterstützung - er brauchte einen Parkplatz. Ein andermal habe ein hochrangiger Manager um Rat gebeten, weil ein Schützling nach einem Besuch bei einer Prostituierten Unannehmlichkeiten hatte.

Gezielte Interventionen? "So was hat es bei uns nicht gegeben", sagt Wala kategorisch. Der ehemalige Kassierer des Vereins, Adi Krchov, selbst ein pensionierter Polizei-Beamter, sieht das anders. Er will die feinen Herrschaften mit ihren Anliegen "weitervermittelt" haben. Einmal habe sich ein Casinobetreiber im Prater an ihn gewandt, weil es angeblich Ärger mit randalierenden Afrikanern gab. Umgehend habe der einstige Landespolizeichef Roland Horngacher eine Streife geschickt und die Sache geregelt, unbürokratisch und schnell - und das, obwohl die vermeintlichen Randalierer unauffällig an ihren Spielautomaten saßen. Die Polizei, dein Freund und Helfer.

Kein Einzelfall, namhafte Persönlichkeiten hätten sich immer wieder wegen Strafzetteln an "Hofrat Magister Horngacher persönlich" gewandt, enthüllte jetzt das Wiener Stadtmagazin "Falter". Selbst der Chef der Staatsanwaltschaft suchte danach bei einem privaten Verkehrsdelikt offenbar zunächst den kleinen Dienstweg. Damit dürfte es zunächst einmal vorbei sein. Jüngst wurde der einst so mächtige Polizeigeneral, der in der Öffentlichkeit gerne in schmucken Paradeuniformen daherstolzierte, vorläufig in erster Instanz zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, wegen Amtsmissbrauchs und Weitergabe von Dienstgeheimnissen. Eine derartige Strafe, betonte der Richter, sei "gerade bei den derzeitigen Zuständen in der Wiener Polizei" erforderlich.

Österreich ein Folterstaat?

Erst im vergangenen Jahr wurde der Chef der Kripo, Hofrat Ernst Geiger verurteilt. Eine Kammer befand ihn für schuldig, einen befreundeten Bordellbesitzer, der in Wien-Simmering die Sex-Sauna "Golden Time" führt, rechtzeitig vor Razzien gewarnt zu haben. Die Entscheidung wurde vom Höchstgericht inzwischen aufgehoben, nun wird der Prozess neu aufgerollt - dann geht es für Geiger nicht mehr nur um die Weitergabe von Dienstgeheimnissen, sondern um Amtsmissbrauch.

In Österreich fehle immer noch das Bewusstsein für Korruption, rügt der Politologe und Korruptionsexperte Hubert Sickinger. Im diesjährigen Korruptionsranking von Transparency International ist das Land denn auch stark zurückgestuft - derart abgestraft wurden lediglich Bakschischhochburgen wie Laos, Buthan oder Papua Neuguinea.

Der Verein der Polizeifreunde hat derweil bis auf Weiteres jegliche Finanzaktivtäten eingestellt. Für die schlagzeilenträchtige Wiener Polizeitruppe fordert Innenminister Günther Platter (ÖVP) zudem "Neubesetzungen". Der Tiroler, der sich vor allem beim Fremdenrecht als kompromissloser Hardliner gibt, drückte bei seinem eigenen Apparat bislang allerdings gerne beide Augen zu. Im vergangenen Jahr misshandelten drei Wiener Uniformträger einen Schwarzafrikaner - Amnesty International führt die betuliche Alpenrepublik seither als "Folterstaat". Und die Beamten? Versehen nach wie vor ihren Dienst.

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