Winnenden-Prozess Die Tat des Toten

Ein Jugendlicher dreht durch, schießt um sich, 16 Menschen sterben, darunter auch der Täter. Wohin sollen die Hinterbliebenen mit ihrem Schmerz, ihrer Wut? Der Prozess um den Amoklauf von Winnenden ist gespenstisch - der, den sie eigentlich richten wollen, ist nicht mehr da.

Von , Stuttgart


Zeitweise ist es eine fast gespenstische Verhandlung, die seit dem 16. September vor der 18. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart stattfindet und vermutlich mindestens bis Ende des Jahres dauern wird. Auf der Anklagebank sitzt zwar Jörg K., 51, der sich eines Verstoßes gegen das Waffengesetz schuldig gemacht haben soll, doch in Wahrheit wird über die Tat eines Toten verhandelt.

Es geht um seinen Sohn Tim K., der am 12. März 2009 im Alter von 17 Jahren zum Amokläufer von Winnenden wurde. Er richtete unermessliches Leid an, indem er 16 Menschen tötete - neun Schüler und Schülerinnen und drei Lehrerinnen sowie auf der Flucht drei weitere Personen und am Ende auch noch sich selbst.

Es wird über seine Person verhandelt - dass er ein allenfalls mittelmäßiger Schüler war mit einer Vier in Deutsch, leistungsschwach, desinteressiert, ohne Eigeninitiative, ein Junge, den man, wie eine Lehrerin sagte, "übersehen konnte". Einer anderen kam er "bockig" und "verklemmt" vor. Er sei "eine Person mit zwei Gesichtern" gewesen.

Ehemalige Mitschüler beschrieben ihn als Außenseiter und Einzelgänger, der sich in den Pausen nur dadurch hervortat, dass er ein "versierter Pokerspieler" und auch online als ein solcher unterwegs war. Und mit "Ego-Shooter-Spielen" habe er sich ausgekannt, in denen es ums Töten von Menschen geht und in denen der Spieler in einer virtuellen Welt dreidimensional Monster und andere Bösewichte erledigt.

Als Tim K. die Albertville-Realschule in Winnenden beendet hatte, schickten ihn die Eltern auf eine private kaufmännische Handelsschule in Waiblingen. Einer Nachhilfelehrerin fielen seine Versagensängste auf. Tim habe sich nicht ernst genommen gefühlt, die Mitschüler hätten über ihn gelacht und die Lehrer ihn ignoriert. Eine Lehrerin soll ihm prophezeit haben, wenn er sich nicht mehr anstrenge, dann lande er bei der Müllabfuhr.

"Wir fanden bei ihm Videoclips von anderen Amokläufen"

Mit Niederlagen umzugehen, sei schwer gewesen für ihn. Er wurde offenbar "geärgert, wie andere auch", sagten Mitschüler. Doch Tim steckte das eben nicht einfach weg wie diese anderen vielleicht.

Die Nachhilfelehrerin schrieb in einem Kondolenzbrief an Tims Eltern, ihr Sohn habe "irgendwann den Glauben an sich selbst und die Menschen verloren".

Eine Studentin, die Tim ebenfalls Nachhilfe gab und mit seiner Mutter ins Gespräch kam, erfuhr, dass Tims Schwester weitaus weniger Probleme bereite. Sie gehe aufs Gymnasium, bringe gute Noten nach Hause und sitze nicht ständig wie der Bruder in ihrem Zimmer vor dem Computer.

Es wird nach dem Motiv gesucht. Ein Ermittlungsbeamter berichtete am Donnerstag als Zeuge von den zahllosen Horror- und Gewaltfilmen, die Tim in seinem Zimmer gehortet, von den Porträts von Massenmördern und Amoktätern, die er auf seinem PC gespeichert hatte. "Wir fanden bei ihm Videoclips von anderen Amokläufen", sagte der Zeuge. Aber das Thema sei auch in der Schule behandelt worden, so dass man im Nachhinein zwischen privatem Interesse und Anregung durch die Schule nicht unterscheiden könne.

Den Ermittlungsbeamten fiel nach der Tat auf, dass Tim zwar ein Handy hatte, aber in der Zeit zwischen dem 1. Januar und dem 11. März kein einziges Gespräch geführt hat. Auch angerufen wurde er von niemandem.

Ein "leidenschaftlicher Schütze"? Wohl nicht, mangels Leidenschaft

Er spielte zwar Tischtennis und trainierte Armwrestling, also Armdrücken. Doch auch da fand er zu niemandem engen Kontakt. Der Vater nahm ihn in den Schützenverein mit, vermutlich auch mit dem Ziel, den Sohn unter Leute zu bringen. Ob er ein leidenschaftlicher Schütze war? Wohl nicht, mangels Leidenschaft.

Am Abend vor der Tat saß Tim von 17.35 Uhr bis 0.20 Uhr ununterbrochen vor dem Computer. Er spielte, rief Porno-Videoclips und Pokerspiele auf. Was trieb ihn zu der Tat am nächsten Morgen? "Über ein Motiv haben wir ermittlungsmäßig überhaupt nichts erfahren", berichtete der Polizeibeamte vor Gericht.

Stellvertretend, so der Anschein, steht in Stuttgart der Vater für seinen Sohn vor den Richtern. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung an - Voraussetzung für die Zulassung von 41 Nebenklägern und deren anwaltlichen Vertretern. Hätte sich das Gericht der abweichenden rechtlichen Bewertung der 3. Jugendkammer am Landgericht Stuttgart angeschlossen, dass dem Vater nur vorzuwerfen sei, die Tatwaffe nicht sorgsam genug weggeschlossen zu haben, hätte es für die Hinterbliebenen und Verletzten keine Möglichkeit zur Nebenklage gegeben.

Ermittlung des Sachschadens, "sonst müsste ja der Steuerzahler herhalten"

Ein Anwalt der Nebenklage fragte am Donnertag, ob auch "Finanzermittlungen" gegen "den jetzigen Angeklagten K." geführt würden. Denn schließlich seien Schadensersatzforderungen zu erwarten. Der Sachschaden sei zu berechnen, die Kosten der Ermittlungen, des Polizeiaufgebots: "Sonst müsste ja der Steuerzahler dafür herhalten."

Ist Vater K. der Amoklauf seines Sohnes zuzurechnen? Es ist die Kardinalfrage des Prozesses. Hat er damit rechnen müssen, dass sein Sohn, selbst wenn der des Lebens überdrüssig gewesen sein sollte, so viele Menschen mit in den Tod reißen würde? Haben die Ärzte, bei denen Tim K. in Behandlung war, erkannt, in welcher Gefahr sich der Junge befand? Haben sie die Eltern richtig aufgeklärt oder beschwichtigt?

Die Kammer hat den Jugendpsychiater Reinmar Dubois als Sachverständigen beauftragt. Das deutet darauf hin, dass es ihr um mehr als nur einen Verstoß gegen das Waffengesetz geht.

Sie klärt die Tat des Toten auf.



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Pacolito, 23.09.2010
1. Hmm...
Zitat von sysopEin Jugendlicher dreht durch, schießt um sich, 16 Menschen sterben, darunter auch der Täter. Wohin sollen die Hinterbliebenen mit ihrem Schmerz, ihrer Wut? Der Prozess um den Amoklauf von Winnenden ist gespenstisch - der, den sie eigentlich richten wollen, ist nicht mehr da. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,719193,00.html
Abgesehen davon, dass der Vater natürlich bestraft werden sollte, sofern er gegen das Waffengesetz verstoßen hat, erinnert sowohl die Berichterstattung in den Medien als auch die Äußerungen der Staatsanwaltschaft und der Angehörigen der Opfer schon ein wenig an Sippenhaft. Kriegt man nicht den Täter dran, nimmt man halt den nächstbesten.
Terrorkater 23.09.2010
2. Nichts klärt sich auf.
Der Prozess wird keine Klärung bringen. Nach ihm werden sich die Opfer und deren ANgehörigen nicht besser fühlen und der Vater des Täters nicht schlechter als vorher. Was hier zu lesen ist (die wirklichen Fakten kennen wir ja nicht) lässt auf ein kollektives Versagen aller Beteiligten schließen. Der Familie des Tim K., die die psychischen Probleme des Sohnes nicht bemerkten, die der Lehrer, der Ärzte etc etc. Der Vater wird in meinen Augen nicht für Körperverletzung etc haftbar gemacht, eher gehe ich von Beihilfe aus. Aber: Auch wenn Tim K. keinen Zugang zu einer Pistole gefunden hätte, er wäre trotzdem ausgerastet und hätte vtl ein Messer o.ä. genommen. Dann wären zwar sicher nicht so viele Menschen getötet worden, aber am Amoklauf hätt es in meinen AUgen nciht viel geändert. Mein Beileid den Angehörigen. Immer noch.
SNA 23.09.2010
3. Schuld
Wie bei dem Seilbahn Unglück von Kaprun, bei dem alle in Betracht kommenden Verantwortlichen frei gesprochen wurden und frei gesprochen werden mussten, bei denen aber die Richterin heute noch Morddrohungen erhält - so ist es auch hier: Großes Leid erträgt sich leichter, wenn jemand dafür bestraft wird. Irgendeiner. Dabei hat dieser Angeklagte bereits die einzige Strafe erhalten, die schlimmer als die Todesstrafe ist: Den Tod des eigenen Kindes.
Allegorius 23.09.2010
4. Der kurze Weg
Es ist die unsinnige Suche nach einer einzigen Ursache. Wenn dies möglich wäre, müsste auch der Umkehrschluss möglich sein. Wie im Text noch einmal sehr sorgsam aufgeschlüsselt, unterschied sich sein Leben äußerlich nicht von dem anderer Schüler in seinem Alter. Ich mutmaße, dass der Zugang zur Schusswaffe nur den Umweg über Stichwaffen verkürzt hat.
mqp 23.09.2010
5. Ob Sippenhaftung hier weiterhilft?
Die Familie des Täters leidet genau den gleichen Schmerz wie die Familien der Opfer, und wenn der Sohn dies alles langfristig geplant hat, wäre er auch locker an den Schlüssel zum Waffenschrank gekommen. Aber vielleicht ist in dem Fall die Sippenhaft ein Zeichen für die Zukunft und damit gesellschaftlich hilfreich, dann nämlich, wenn eine Wiederholung vermieden wird, weil Eltern die Zeichen des Kindes, aufgrund dieser gerichtlichen Aufarbeitung und Bestrafung, erkannt haben. Der Vater wird sich so unmenschlich im Leben getrafft fühlen das es ihm egal sein wird wie das Richterliche Urteil ausfällt.
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