Fahrerflucht nach tödlichem Unfall Appell an ein Phantom

Ein Corsa-Fahrer überfährt in Witten einen jungen Mann. Das Opfer stirbt, der Täter entkommt. Jetzt, fünf Jahre später, kurz vor der Verjährung, reden die Ermittler dem Unbekannten ins Gewissen. Mit Erfolg.

Es ist etwa 4 Uhr früh in der Halloween-Nacht, als Christian Marks sich auf den Heimweg macht. Der junge Soldat ist zu Besuch bei seiner Familie in Witten im Ruhrgebiet, er hat mit Freunden auf einer Party gefeiert. Obwohl seine Mutter ihm Geld für ein Taxi zugesteckt hat, will der 20-Jährige die fünf Kilometer zu Fuß nehmen.

Die Luft ist neblig und feucht, als Marks die schmale, schlecht beleuchtete Straße entlangläuft, die zu seinem Elternhaus führt. Etwa 200 Meter von seinem Ziel entfernt rutscht er aus und fällt auf die Fahrbahn. Bevor er sich wieder aufrappeln kann, wird er von hinten überfahren. Der Fahrer flüchtet, Christian Marks stirbt noch auf dem Asphalt. Bis jemand die Leiche entdeckt, vergeht eine gute Stunde.

Umfangreiche Ermittlungen - kein Erfolg

Es ist ein Fall aus dem Jahr 2010, der über die Region hinaus die Menschen aufwühlt - auch weil die Polizei keine Spur zum Täter findet. Schnell steht fest, dass er einen Opel Corsa C fuhr, Baujahr 2001 bis 2006; dass er den Ort genau kennen muss. Die Ermittler überprüfen 2500 Corsa-Halter, sichten 15.000 Handydaten, befragen 450 Personen. Im Jahr 2014 wenden sie sich ans Fernsehen, schildern den Fall in der Sendung "Aktenzeichen XY". Ohne Erfolg.

Jetzt gibt es plötzlich neue Hoffnung - und das fünf Jahre nach der Tat. Die Hoffnung geht zurück auf einen ziemlich ungewöhnlichen Appell, den Hauptkommissar Volker Schütte in der vorigen Woche verbreitete.

Schütte ist Pressesprecher der zuständigen Polizei in Bochum. Seit Beginn beschäftigt ihn der Fall, Schütte kennt die Berichte, die Angehörigen, die Statistik. Demnach gab es keinen vergleichbaren Fall in den vergangenen 20 Jahren in Bochum. Und Schütte weiß, dass das mutmaßliche Delikt fahrlässige Tötung nach fünf Jahren verjährt.

Am vorigen Freitag schreibt Schütte eine Pressemitteilung in Form eines persönlichen Briefes  - und redet dem Täter ins Gewissen. "Auch nach der Verjährung werden Sie Ihre Schuldgefühle sowie die Angst, verraten oder entdeckt zu werden, nie mehr loswerden." Täter und mögliche Mitwisser sollten sich endlich melden - und zwar sofort.

Dass unentdeckte Täter nach Jahren selbst zur Polizei gehen, geschieht selten. Aber es geschieht. Im Februar gestand ein Mann, er habe vor 28 Jahren in Karlsruhe eine Eisverkäuferin getötet. Jüngst wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Der Versuch, den Unfallfahrer von Witten direkt anzusprechen, sei denn auch sinnvoll, sagt Profiler Axel Petermann, Experte für ungeklärte Todesfälle. "Der Täter wird sicher Schuldgefühle haben, ihm ist der Tabubruch bewusst."

Am 31. Oktober gegen 0.45 Uhr finden Beamte in Witten vor der Wache einen Brief . Er klemmt hinter dem Heckscheibenwischer eines Streifenwagens. Drei Seiten, von Hand beschrieben. Darin benennt ein Anonymer "konkrete Verdachtsmomente gegen eine bestimmte Person", erzählt Schütte.

Wer ist der Briefeschreiber?

Was genau in dem Brief steht, verrät der Polizeisprecher nicht. Nur soviel: Der Schreiber nennt viele Einzelheiten zum Fall Marks. Und er beginnt mit den Worten: "Ich schreibe diesen Brief, um mein Gewissen bereinigen zu können." Ein Mitwisser, der von Schüttes Appell berührt war? Die Polizei bittet nun darum, dass sich der Briefeschreiber mit Namen zu erkennen gibt.

Ob den Täter überhaupt eine Strafe erwartet, ist fraglich. Die Verjährung für Fahrerflucht und fahrlässige Tötung ist, wie absehbar, seit heute Morgen abgelaufen. Auch wenn die Polizei einen Täter präsentieren kann: Die Staatsanwaltschaft wird das Verfahren wohl nur dann zur Anklage bringen können, wenn sie Merkmale für die schwereren Delikte Totschlag oder Mord findet.

Doch es geht nicht nur um das Recht. Es geht auch um die Hinterbliebenen. Die Eltern, sagt Profiler Petermann, könnten wohl erst dann abschließen, wenn sie den Täter kennen. "Erst dann können Verzweiflung und Wut schwinden."

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