Sogenannte "Judensau"-Plastik Gericht verhandelt im Streit über antisemitisches Relief

Ein antisemitisches Relief an der Stadtkirche ist seit Langem Streitthema in Wittenberg, nun beschäftigt sich ein Gericht mit dem Fall. Im Kern geht es um die Frage, wie schützenswert das mittelalterliche Relikt ist.

Umstrittenes Relief an der Außenwand der Stadtkirche in Wittenberg
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Umstrittenes Relief an der Außenwand der Stadtkirche in Wittenberg


Ein Streit über eine antijüdische Schmähplastik an der Stadtkirche Wittenberg wird nun vor dem Landgericht Dessau-Roßlau ausgetragen. Ein Mann aus Bonn hat das zivilrechtliche Verfahren gegen die Kirchengemeinde angestrengt, weil er sich durch die Darstellung beleidigt fühle.

Der Kläger fordert, dass das antisemitische Relief von der Außenwand der Kirche entfernt wird, wo es seit dem späten Mittelalter zu sehen ist. Es zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut, sowie Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein.

In der Kirche im heutigen Sachsen-Anhalt hatte Martin Luther (1483-1546) gepredigt. Die offen judenfeindliche Haltung des Reformators ist seit Langem ein Streitthema, die evangelische Kirche in Deutschland distanziert sich inzwischen deutlich von Luthers antisemitischen Äußerungen. Seit 1988 ist eine Gedenkplatte in den Boden vor dem Relief eingelassen, dafür hatte sich damals eine Gruppe Christen um den heutigen Ministerpräsident Reiner Haseloff eingesetzt.

In den vergangenen Jahren hatten immer wieder Menschen gegen die sogenannte "Judensau"-Darstellung protestiert und dessen Entfernung gefordert. Haseloff selbst plädierte dafür, die umstrittene Plastik am historischen Ort zu erhalten: "Wenn wir sie wegnehmen, würden wir nicht mehr gemahnt werden, uns unserer Geschichte zu stellen", sagte er 2017 dem SPIEGEL.

Zur Verhandlung im Prozess vor dem Landgericht Dessau-Roßlau sind keine Zeugen geladen. Das Urteil soll zu einem späteren, noch nicht bekannten Zeitpunkt verkündet werden.

mxw/dpa



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