Prozess um tödliche Messerattacke in Würzburg »Von Rachsucht beherrscht«

In Bayern hat der Prozess um eine Messerattacke mit drei Toten und neun Verletzten begonnen. Der Beschuldigte ist wohl psychisch krank – und soll getrieben von Hass auf wehrlose Unschuldige eingestochen haben.
Tatort in Würzburg (Juni 2021): Trauer nach tödlicher Messerattacke

Tatort in Würzburg (Juni 2021): Trauer nach tödlicher Messerattacke

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Stimmen im Kopf: Warum im vergangenen Juni ein aus Somalia stammender Mann in Würzburg mit einem mehr als 30 Zentimeter langen Küchenmesser drei Frauen tötete und neun Menschen verletzte, versucht das Landgericht Würzburg nun herauszufinden. Die Generalstaatsanwaltschaft München wirft dem Beschuldigten unter anderem Mord in drei Fällen, versuchten Mord in elf Fällen und gefährliche Körperverletzung vor.

Schon am ersten Prozesstag wurde klar: Es wird ein langwieriges, nervenaufreibendes Verfahren, in dem vor allem die Aussagen der Opfer und Tatzeugen die Vorwürfe der Generalstaatsanwaltschaft untermauern sollen. Demnach handelte der Geflüchtete aus Hass auf Deutschland, er fühlte sich ungerecht behandelt – doch wieso?

Während der Attacke soll er mindestens zweimal den Ausruf »Allahu Akbar« (»Gott ist groß«) gerufen haben. Dschihadisten und Salafisten benutzen den Ausdruck oft wie einen Schlachtruf. Damit kapern Extremisten die zentrale religiöse Formel des Islams, die seit Jahrhunderten von Muslimen weltweit benutzt wird. Weitere Hinweise auf Extremismus fanden die Ermittler aber nicht. »Zu keinem Zeitpunkt hat es terroristische Motive gegeben«, versicherte der Anwalt des Beschuldigten, Hans-Jochen Schrepfer, im Auftrag seines Mandanten.

Seit Jahren psychisch auffällig

Fraglich ist, ob dem Mann Mordmerkmale wie Heimtücke und niedrige Beweggründe, etwa Rachsucht oder Zorn, nachzuweisen sind. Und unklar ist, ob die Angehörigen eine Antwort auf ihre Frage bekommen werden, warum der seit Jahren psychisch auffällige Mann nicht längst in einer geschlossenen Psychiatrie saß.

Oberstaatsanwältin Judith Henkel schilderte zu Prozessbeginn in einer Veranstaltungshalle in Veitshöchheim bei Würzburg die dramatischen Minuten am Tattag, dem 25. Juni 2021. Es sei warm gewesen, die Universitätsstadt am Main voller Menschen. Kurz nach 17 Uhr betrat der Beschuldigte demnach ein Kaufhaus am Barbarossaplatz, keine fünf Minuten später waren drei Menschen tot.

Nacken, Kopf, Oberkörper – mit unvorstellbarer Wucht soll der Mann das Messer immer wieder in die ihm unbekannten Menschen gerammt haben. Drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren starben. Vier weitere Frauen, ein damals elfjähriges Mädchen und ein 16-Jähriger überlebten schwer verletzt. Hinzu kamen drei Leichtverletzte. Ein angegriffener Polizist blieb unversehrt.

»Ein Großteil der Tatopfer hatte keine Möglichkeit, den Angriff durch den Beschuldigten vorauszuahnen, sondern wähnte sich in völliger Sicherheit«, sagte Henkel. »Die natürliche Abwehrbereitschaft und Abwehrfähigkeit fehlten deshalb gänzlich.«

Vor Gericht will der etwas verloren wirkende Beschuldigte – er nimmt Medikamente wegen seiner psychischen Erkrankung – zunächst nichts zu der Attacke sagen. Der Verteidiger versichert, sein Mandant habe sich für die Tat entschuldigt und empfinde Mitgefühl. »Er bedauert das Leid, das er vor allem den Opfern und den Angehörigen zugefügt hat.« Innere Stimmen hätten ihn zu der Attacke bewogen.

Der Mann soll seine Opfer willkürlich ausgesucht haben, »um seinem Plan entsprechend möglichst viele Menschen zu töten und sich für die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit zu rächen«, so Henkel. »Er war trotz der bei ihm vorliegenden paranoiden Schizophrenie von Rachsucht beherrscht.«

Genaues Alter unklar

Fast 30 geplante Verhandlungstage, 55 Ordner Ermittlungsakten, 13 Nebenkläger: Bis Ende September könnte das Schwurgericht in dem Sicherungsverfahren verhandeln. Der Migrant, der 2015 erstmals in Deutschland registriert wurde und seither mehrmals wegen psychischer Probleme aufgefallen war, soll nach dem Willen der Generalstaatsanwaltschaft in einer Psychiatrie unterkommen – womöglich lebenslang. Er war zwei Gutachtern zufolge bei der Tat wohl schuldunfähig und könnte für die Allgemeinheit dauerhaft gefährlich sein.

Bis zur Tat wohnte der Mann in einer Obdachlosenunterkunft in Würzburg. Sein Alter ist unklar. Wie viele Migranten aus Bürgerkriegsländern kam er offenbar ohne Pass. Er sei 1989 geboren, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, an welchem Tag dies gewesen sei, ergänzte er mithilfe einer Übersetzerin: »Ich meine, mich zu erinnern, dass meine Mutter gesagt hat, im Dezember.« Demnach wäre er 32.

wit/dpa