Würzburger HIV-Prozess "Da spielen junge Mädchen mit ihrem Leben"

Er schlief ungeschützt mit sieben Frauen, obwohl er von seiner HIV-Infektion wusste: In Würzburg hat jetzt der Prozess gegen einen 38-Jährigen begonnen. Dem Afrikaner wird vorgeworfen, in einem Rachefeldzug bewusst Frauen mit dem Virus infiziert zu haben.


Würzburg - "HIV war für mich damals kein Thema. Auch in der Schule wurden wir nicht darüber aufgeklärt." Heute, nach der Ansteckung mit dem tödlichen Virus, ist Aids das bestimmende Thema für die 20-Jährige, die im Prozess vor dem Würzburger Schwurgericht als Zeugin aussagt. "Ich denke jeden Morgen schon beim Aufwachen daran", sagte eine 27-jährige Zeugin.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der 38-Jährige auf einem Rachefeldzug gegen deutsche Frauen befand, weil er sich selbst bei seiner deutschen Ex-Ehefrau mit dem Aids-Virus infizierte. Er muss sich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Unter Tränen schilderte eine andere Zeugin, dass sie nur drei Wochen mit dem Angeklagten zusammen war - trotzdem trägt auch sie nun den Aids-Erreger im Blut. Sie hat zwar zur Empfängnisverhütung die Pille genommen. Die Benutzung eines Kondoms kam ihr aber nicht in den Sinn. Bei ihr sind die Virenstämme bis jetzt noch so schwach ausgeprägt, dass sie keine Medikamente benötigt.

Für einen kurzen Moment verlor der Vorsitzende Richter Rainer Gündert bei der Vernehmung die Fassung: "Meine Güte, da spielen junge Mädchen mit ihrem Leben", sagte er und schüttelte verständnislos den Kopf. Gerade hatte eine der Ex-Freundinnen des Angeklagten im Zeugenstand ausgesagt, dass sie lange Zeit ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihm hatte, obwohl sie von seiner HIV-Infektion erfahren hatte. "Ich habe mir darüber nicht wirklich Gedanken gemacht", sagte die 23-Jährige.

Als sie den Discjockey kennen lernte, war sie 17 Jahre alt. Vier Jahre lang hatten die beiden ein Verhältnis. Irgendwann erfuhr sie von einer anderen der vielen Freundinnen des Kenianers, dass er HIV-positiv ist. Auch danach schlief sie weiter ohne Kondom mit ihm: "Er hat immer gesagt, wegen seiner Medikamente würde mir nichts passieren." Die 23-Jährige hatte Glück: Weder sie noch die Tochter, die sie mit dem Angeklagten hat, ist mit dem HI-Virus infiziert.

Dass sie und ihre ein Jahr jüngere Schwester, die auch zweimal mit dem Angeklagten Verkehr hatte, sich vor Gericht in Widersprüche verwickelten, scheint die Annahme der Verteidigung zu bestätigen: Rechtsanwalt Hanjo Schrepfer geht davon aus, dass sich die beiden Schwestern und ein weiteres Opfer abgesprochen haben, um dem Angeklagten zu schaden. "Er hat zu mir gesagt, dass er das Virus von seiner deutschen Frau hat und es jetzt an deutsche Frauen weitergibt", gab die 23-Jährige zu Protokoll. Einen ähnlichen Ausspruch will auch eine 26-Jährige gehört haben, die seit 1999 mit dem Afrikaner zusammen war und ebenfalls eine gesunde Tochter mit ihm hat: "Im Streit hat er zu mir gesagt, dass er alle deutschen Frauen ansteckt."

Die heute 26-Jährige gehört zu den Frauen, die auch in Kenntnis der HIV-Infektion keine Kondome benutzten: "Er war meine erste große Liebe. Ich war so dumm und habe ihm geglaubt, dass nichts passieren kann." Fast identisch die Aussage einer 20-Jährigen. Auch sie hatte Glück und hat sich nicht angesteckt. Anders zwei Frauen, die nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen wollten.

Alle sieben Frauen haben gemeinsam, dass der Angeklagte ihnen vor der ersten Liebesnacht verschwieg, dass er mit dem Aids-Virus infiziert war. Dabei wusste er selbst seit September 1999 von seiner Infizierung.

Der 38-Jährige verfolgte die Aussagen seiner Ex-Freundinnen ohne große Regung, nur ab und zu schüttelte er mit dem Kopf. Zu Beginn des Prozesses hatte er über seinen Anwalt eingeräumt, mit fünf der sieben Frauen ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, ohne sie zuvor über seine HIV-Infektion aufzuklären.

Patrick Wötzel, ddp



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