Zehn Wahrheiten von ... Eliot Spitzer "Schmerzt es? Wie die Hölle"

Der Gouverneur Eliot Spitzer war beliebt, Demokrat und ein Law-and-Order-Verfechter - er schien der perfekte Präsidentschaftskandidat zu sein. Doch dann stürzte er über seine Affäre mit einer Prostituierten. SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer traf Spitzer nun in New York.

Herr Spitzer, was haben Sie aus der Geschichte Ihres Aufstiegs und Falls gelernt?

1. "Jeder hinterlässt Spuren. Die Zeiten sind inzwischen so: Unsichtbarkeit gibt es nicht mehr."

Eliot Spitzer war Generalstaatsanwalt, er war beliebt in New York, ein Demokrat und doch ein Mann der Härte. Das war das perfekte Image, und als Spitzer als Gouverneur kandidierte, gewann er mit dem höchsten Prozentsatz in der Geschichte des Bundesstaates New York. Er würde der perfekte Präsidentschaftskandidat sein, irgendwann vielleicht der erste jüdische Präsident der USA, dachten seine Wähler, dachten seine Helfer, dachte er.

Es ist Freitag in Manhattan, windig, die Luft wird wieder stickig, der New Yorker Sommer. Unten schleichen schwitzende deutsche Touristen über die Fifth Avenue, "Playboy Enterprises" steht an der Tür im Erdgeschoss des Crown Building; er allerdings arbeitet weiter oben, um wieder anzukommen in der Gesellschaft, um Zeit vergehen zu lassen, er dient in der Immobilienfirma "Spitzer Enterprises" seines Vaters.

Verabredet ist ein Gespräch über AIG, die Firma, die die Weltwirtschaft bedroht, aber gestattet sind auch ein paar private Fragen.

Der berühmteste Playboy New Yorks sitzt auf schwarzem Leder. Die Lachnummer Manhattans. Es gab wohl selten ein so gelungenes Titelbild wie jenes des "New York"-Magazins, das Eliot Spitzer und einen Pfeil zeigte, sonst nichts, und der Pfeil zeigte zwischen seine Beine, und auf dem Pfeil stand das Wörtchen "Gehirn".

Dies dürfte die Frage sein, die sich jeder stellt, der ihm begegnet, dies könnte auch die Frage sein, die er sich selbst stellt, also:


Wo war denn das Gehirn damals?

2. "Manchmal setzt das Denken aus, manchmal macht man Fehler, und danach muss man dafür bezahlen. Ich war dumm, und glauben Sie mir, ich habe bezahlt. Teuer bezahlt, vielleicht teurer als andere. Aber damit Sie mich richtig verstehen: Es ist niemand da, dem ich einen Vorwurf machen könnte, da gibt es leider nur mich selbst."

Ein großer Mann, ungefähr 1,90 Meter, durchtrainiert, leuchtend die graublauen Augen. Ohren, Nase und Kinn sind erstaunlich: so groß. Über Privates redet er nicht so gern oder jedenfalls nicht so viel, "ich bin nicht gut in der Psychoanalyse meiner selbst", sagt er.

Eliot Spitzer ist verheiratet und Vater. Eines der Themen, eines dieser fünf, sechs Gebiete, in die er sich so sehr verbiss, dass die Zielobjekte seiner Ermittlungen seine persönlichen Feinde wurden, war käufliche Liebe, Menschenhandel, er sagte damals, dieser ganze Dreck widere ihn an.

Spitzer, der Generalstaatsanwalt, ging gegen Internet-Prostitution vor, er verfolgte jene Freier, die online ihre Huren bestellen, zerschlug Zuhälterringe, New Yorker Menschenrechtlerinnen priesen und verehrten Eliot Spitzer. Und dann bestellte Spitzer, "Kunde Nummer 9", sich online Mädchen beim "Emperors Club", zuletzt "Kristen", Klarname Ashley Dupré, in sein Hotel in Washington. Das alles habe nicht so sehr oder nicht nur mit Sex zu tun gehabt, sagen die, die ihn kennen, und mehr mit einer etwas eigenwilligen Mischung aus Selbstzerstörung und dem Gefühl, unbesiegbar zu sein.


Tut es nicht weh, an der Seitenlinie zu stehen, ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der Ihr zweites großes Thema, die Wall Street-Kriminalität, das Thema der ganzen Welt ist?

3. "Doch, es tut sehr weh, aber in Krisen hilft es, wenn man eine gute Aussicht hat - die habe ich hier oben, sehen Sie nur, wie der Central Park von hier aus aussieht. Ich genieße es auch, wirklich, an Samstagen den Leichtathletikwettkämpfen meiner Töchter zuzusehen, und ich war ein Idiot, weil ich das früher nie gemacht habe. Und ja, dennoch: Sehen Sie, ich habe die Wall Street attackiert, als es sehr unpopulär war, dort saßen die Herren des Universums. Sie haben mich als Paria beschimpft, als Nestbeschmutzer, als Fanatiker. Dann kam die Wirtschaftskrise, es wurde billig, auf Wall Street zu schimpfen, schick, und alle anderen, die auf meinen Zug sprangen, sind noch drin, nur ich bin draußen. Schmerzt es? Wie die Hölle, glauben Sie mir."

Nun also: AIG. Die gefährlichste Firma der Welt. 182 Milliarden Dollar Steuergeld hat AIG bislang geschluckt und ist noch immer nicht gerettet.


Wie würden Sie auf das, was an der Wall Street rund um den Versicherungskonzern AIG geschehen ist, reagieren, wenn Sie noch Staatsanwalt wären?

4. "Hätte ich noch die alte Macht, falls ich also noch Vorladungen aussprechen könnte, würde ich vier Männer in vier Räume bitten und getrennt voneinander vernehmen: Ben Bernanke, den Chef der Zentralbank 'Fed', Timothy Geithner, den einstigen Chef der New Yorker Zentralbank und heutigen Finanzminister, Hank Paulson, den früheren Chef von Goldman Sachs und ehemaligen Finanzminister, und Lloyd Blankfein, den aktuellen Chef von Goldman Sachs.

Befragen würde ich sie nach den Geldgeschenken durch den Staat, nach all den Milliarden. E-Mails und Dokumente müssten beschlagnahmt werden, ich hoffe sehr, dass der Kongress das noch macht. Die erste 70 Milliarden-Infusion für AIG zum Beispiel wurde nie wirklich hinterfragt. Warum so viel? Warum ohne Auflagen? Warum konnte AIG 12,9 Milliarden Dollar gleich weiterreichen an Goldman Sachs, mit all den einstigen Goldman-Leuten in der Regierung und obwohl Goldman Sachs hinterher erklärte, das Geld gar nicht zu benötigen; Goldman Sachs sitzt auf 100 Milliarden Dollar Bargeld. Ist Steuergeld für solche Deals gemacht? Sollte Steuergeld im Verhältnis 1:1 all die Verträge über Derivate erfüllen, 100 Cent pro Dollar also, auch wenn es absurd dumme Verträge waren?"

Er horcht den Fragen hinterher. Trinkt einen Schluck Kaffee. Nimmt eine Erdbeere.


Beantworten Sie bitte Ihre Frage: Sollte Steuergeld das tun?

5. "Nein. Verträge werden in diesen Tagen links, rechts und in der Mitte gebrochen, und Steuergeld hat nicht die Aufgabe, Vertragssicherheit zu schaffen. Steuergeld sollte auch nicht für Bonusgelder für leidende Manager dienen, weil in dieser Zeit leider auch alle anderen leiden: Angestellte, Arbeiter, Anleger. Steuergeld sollte ausschließlich für die Stabilisierung des Finanzmarktes herhalten - und Ende."


Wie lautet Ihre Erklärung für all die Steuer-Milliarden für AIG, Mr. Spitzer?

6. "Die unschuldige Erklärung ist, dass nach dem Kollaps von Lehman Brothers alle Angst hatten. Dass sie wirklich dachten, ein Kollaps von AIG würde die Welt einstürzen lassen. Diese Furcht hat mitgespielt, aber die Wahrheit ist, dass dies der Moment war, der wirklich die Macht und den Einfluss von AIG belegte. Die Wahrheit ist, dass da ein sehr kleiner Kreis von Leuten Geschäfte mit sich selbst macht, AIG steht im Zentrum, und dieser Kreis hat nicht die nötige Distanz zur Sache, um zu fragen: Ist es legal? Ist es eigentlich richtig?"

Er redet jetzt schnell, er beugt sich vor, er ist jetzt Ankläger, also weiter:


Sie haben AIG gejagt und am Ende für den Sturz Maurice Greenbergs gesorgt, der 38 Jahre lang Vorstandsvorsitzender war. Was für ein Konzern war AIG?

7. "In den Büchern von AIG gab es Scheintransaktionen, die Kapital kreierten, anders gesagt: In den Büchern tauchte mehr Kapital auf, als AIG wirklich hatte. So eine Ermittlung gegen eine Firma wie AIG ist ja wie eine Autopsie. Man hat eine Sache im Blick, ein Organ, aber bald versteht man den ganzen Körper. Die Führungskultur. Die Buchhaltungsstandards. Die Methodik, mit der die Firma geführt wird, die Strukturen, die Art der internen Berichterstattung.

AIG wurde dominiert von Greenberg. Er war involviert in jede signifikante Transaktion, in jeden großen Vertrag, auch in die Kreation und die Präsentation der vierteljährlichen Bilanzen. Ein Autokrat, rigoros und verlangend.

Einmal rief Greenberg mich an. Es ging um einen Vertrag, in dem sich die Citibank gegen Betrug versichern wollte. Das ist unmöglich nach New Yorker Recht, es gibt hier keine Versicherung gegen Betrug. Also schrieb Greenberg in den Vertrag, dass dieser nach den Gesetzen der Isle of Man aufgesetzt sei. Sieben Jahre lang zahlte Citibank brav die Prämien, nun gab es einen Betrugsfall, deshalb wollte Citibank die Entschädigung.

Greenberg sagte zu mir: Die Versicherung ist ja nicht legal nach New Yorker Recht, Sie müssen dagegen angehen.

Ich sagte: Moment. Sie haben diese Versicherung persönlich abgeschlossen, nach Gesetzen der Isle of Man?

Greenberg: Ja.

Ich: Sie haben sieben Jahren lang die Prämien kassiert?

Greenberg: Ja.

Ich: Und jetzt wollen Sie nicht zahlen?

Greenberg: Ja.

Ich: Sie wollen, dass ich einen Vertrag nach New Yorker Recht für ungültig erkläre, den Sie nach dem Recht der Isle of Man selbst verfasst haben?

Greenberg: Ja.

Denn so war Maurice Greenberg, genau so. Prämien kassieren und sich dann im Schadensfall drücken - so wurde Greenberg reich, so wurde AIG groß."


Wurde der Konzern zu groß, um noch lenkbar zu sein, zu groß, um ihn auch nur zu verstehen?

8. "Es wurde jedenfalls eine Firmenstruktur aus immer neuen Verschachtelungen geschaffen, die letztlich wohl nur noch Greenberg durchschaute. Und die Weltwirtschaft wurde ein globales Netz, gewoben von der Spinne AIG, die in der Mitte des Netzes saß und Wache hielt. Stellen Sie sich vor: Die CIA schleuste ihre Agenten über AIG in die Welt, weil AIG-Filialen überall Regierungskontakte hatten und Einblick in Staatsfinanzen. Auf den Philippinen speiste Greenberg mit General Marcos, in China mit Premier Zhu Rongji. Und darum baute irgendwann die ganze Welt darauf, durch Geschäfte mit AIG tatsächlich in Sicherheit zu sein - es ist der Kern der Wirtschaftskrise, dass AIG diese Sicherheit nur vorgegaukelt hatte, dass AIG das Geld für die versprochenen Sicherheiten niemals hatte, dass ausgerechnet eine Versicherung das Risiko im großen Spiel war."

Eliot Spitzer steht jetzt hinter seinem Schreibtisch, er sucht gerade nach Telefonnummern von Leuten, die AIG auch ganz gut kennen. Fünf Minuten hat er noch.


Greenberg sagt, die wirklich fatalen Geschäfte seien im fernen London und nach seinem Rücktritt, also nach 2005, gemacht worden. Glaubhaft?

9. "Es ist wie im Leben, man kann nicht beides zugleich haben. Er hat den Laden mit eiserner Faust geführt, er wusste und befahl alles. Und dann geht etwas schief, was lange vor 2005 entworfen worden ist, und er will unschuldig sein? Das kaufe ich ihm nicht ab. Das Leben funktioniert so nicht."

Eliot Spitzer darf das alles heute nur kommentieren, er kann nichts tun, mischt nicht mehr mit. Seine Leute erzählen, er bereite langsam eine Rückkehr in die Politik vor. Spitzer habe lange genug gebüßt, und bald, sagen seine Leute, könne er wieder kandidieren, vielleicht für den Senat.


Wie lange muss ein Politiker für seine Fehler bluten?

10. "Jeder möge es selbst entscheiden. Ich werde jedenfalls nicht die nächsten 30 Jahre nichts tun. Ich glaube an zweite Chancen, zweite Taten, aber es muss beim zweiten Mal etwas anderes als beim ersten Mal sein. Im Moment habe ich für meine Familie da zu sein, und ich hoffe, dass ich diese nächste Tätigkeit erst noch finde, die sinnvoll ist und mich wirklich interessiert."

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