Prozessauftakt gegen LKA-Beamten Verabredung zum "Schlachtfest"

In seinem Keller soll der LKA-Beamte Detlev G. einen Mann umgebracht und anschließend zerstückelt haben - angeblich auf dessen Wunsch. "Er ist kein Mörder", sagt sein Verteidiger.

Angeklagter G. vor dem Landgericht Dresden: Angeklagt wegen Mordes
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Angeklagter G. vor dem Landgericht Dresden: Angeklagt wegen Mordes

Von , Dresden


Schwer zu ertragen sind die drastischen Szenen, allein die Beschreibung in der Anklageschrift löst Ekel aus. Vor dem Landgericht Dresden schildert der Staatsanwalt das Geschehen, das der Angeklagte Detlev G. im vergangenen November auf einem Video festgehalten haben soll. Wie er sich in seinem Keller auf ein "Schlachtfest" freut, wie ein zweiter Mann an einem Seil hängt, wie G. dessen Leiche zerstückelt und am Ende sagt: "Dass ich mal so weit sinke, hätte ich nie gedacht."

Abscheuliche Bilder für jeden, der sie ansehen musste, sagt auch Verteidiger Endrik Wilhelm. Es sei klar, dass man so empfinde, das sei menschlich.

Detlev G. soll vor neun Monaten einen Geschäftsmann auf dessen Wunsch hin im Keller seiner Pension im sächsischen Gimmlitztal getötet und die Leichenteile im Garten verscharrt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord und Störung der Totenruhe vor. Er habe die Tat gefilmt, um sich später sexuell daran zu erregen.

Der Angeklagte, Beamter des sächsischen Kriminalamtes, 56 Jahre alt, dreifacher Vater, sitzt beim Prozessauftakt die meiste Zeit regungslos in weißer Strickjacke auf seinem Stuhl. Die Foto- und Videoaufnahmen der Presse lässt Detlev G. über sich ergehen, sein Gesicht versteckt er nicht. Nur manchmal wirkt er angespannt, lächelt nervös seinen beiden Anwälten zu.

Sein Mandant habe Angst, sagt Verteidiger Wilhelm. Er fürchte, kein faires Gerichtsverfahren zu bekommen. In den Medien werde er bereits in eine Reihe mit Armin Meiwes gestellt, dem "Kannibalen von Rotenburg", der 2001 einen Mann umbrachte und teilweise aß. Doch so einfach sei es nicht, sagt Wilhelm. "Er ist kein Mörder." Ausgerechnet die Videoaufnahmen sollen das beweisen.

Sie lernten sich im Internet kennen

In dem Video sei zu sehen, dass der Geschäftsmann in der Schlinge hängend mit den Füßen noch Bodenkontakt gehabt habe. Die Beine des Toten seien angewinkelt gewesen, sagt der Verteidiger. Seine Version ist diese: Der 59-Jährige habe sich selbst in die Schlinge fallen lassen, nachdem Detlev G. kurz aus dem Zimmer gegangen war. Suizid also. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Der Anklageschrift zufolge legte der Angeklagte den Strick um den Hals des Mannes und zog ihn zu. Das ist auf den Aufnahmen allerdings nicht zu sehen.

Die Verteidigung stützt sich unter anderem auf den ausdrücklichen Wunsch des getöteten Mannes, "geschlachtet" zu werden. Der Angeklagte und der Geschäftsmann hatten sich im Herbst vergangenen Jahres in einem in der Szene bekannten Chat kennengelernt.

Der 59-Jährige wohnte in Hannover, betrieb eine kleine Arbeitsvermittlung und nannte sich im Internet "LongpigHeszla". "Long Pig", langes Schwein: So bezeichnen sich in diesen Chats Menschen, die gerne als Schlachtopfer zur Verfügung stehen möchten - viele von ihnen allerdings nur in Form eines fiktiven Rollenspiels. "LongpigHeszla" hingegen suchte nach jemandem, der die Fantasie ins "real life" übertragen wollte. Und Detlev G. suchte als "Caligula31" jemanden, der sein Leben dafür hergeben wollte.

"Ich habe nur wenige Wünsche", schrieb "LongpigHeszla". Dazu zählten: keine Verletzungen im Kopfbereich, solange er noch lebe - "außer natürlich Kopf abschneiden". Detlev G. solle ihn vom ersten Moment an als "Essen" ansehen. Am Ende des Tages wolle er tot sein, schrieb er in einer Mail mit dem Betreff "Schlachtfest". "Caligula31" sicherte ihm das zu.

Am 4. November holte Detlev G. den Geschäftsmann am Hauptbahnhof Dresden ab und brachte ihn in die Ferienpension im Gimmlitztal, die er mit seinem damaligen Partner nebenher betrieb. Wegen Bauarbeiten waren sie dort ungestört. Die Leichenteile soll der Angeklagte auf dem Grundstück verteilt haben.

Der Angeklagte arbeitet an einem Buch

Zu den Vorwürfen will Detlev G. am ersten Prozesstag jedoch nichts sagen. Nur zu seiner Person macht er Angaben. Aufgewachsen ist er demnach als jüngstes von vier Kindern. Er sei das Nesthäkchen der Familie gewesen, sei "von allen Seiten verwöhnt" worden. Nach der Schule machte er zunächst eine Ausbildung als Galvaniseur, 1980 wechselte er zur Volkspolizei. Wenige Jahre später wurde er zum Sachverständigen für Handschriften, 1994 wechselte er von Thüringen zum Landeskriminalamt Sachsen. Seit zehn Jahren war er da schon verheiratet, hatte zwei leibliche Kinder und eine adoptierte Tochter. 2002 habe er sich aber "anders entschieden", sagt G. vor Gericht. Ein Jahr später heiratete er einen Mann, vor wenigen Monaten dann die Scheidung.

Aussagen wird sein ehemaliger Partner nicht, auch seine Tochter wird nicht vor Gericht erscheinen müssen. Jedoch sei denkbar, dass sich Detlev G. zu einem späteren Zeitpunkt zu dem Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft äußert, sagt der Anwalt. Dafür müsse der Angeklagte allerdings erst Vertrauen zu der Kammer aufbauen. In der Zwischenzeit beschäftige er sich im Gefängnis, er bastele und schreibe ein Buch. Arbeiten könne er ja nicht mehr.

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