Zivilcourage "Man muss kein Held sein, um zu helfen"

Drei junge Frauen gingen in der Frankfurter U-Bahn auf einen Mann los, der einen Streit schlichten wollte, und schlugen ihn krankenhausreif. Die anderen Fahrgäste schauten tatenlos zu. Der Anti-Gewalt-Trainer Jens Mollenhauer erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie man die Angst zu helfen überwindet.
Überwachungskamera in München 2007: Jugendliche schlagen einen Rentner zusammen

Überwachungskamera in München 2007: Jugendliche schlagen einen Rentner zusammen

Foto: A9999 Db Polizei/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Mollenhauer, rund 20 Männer und Frauen haben die Gewalttat in der Frankfurter U-Bahn verfolgt, ohne einzugreifen. Überrascht Sie das?

Mollenhauer: Nicht wirklich. Es ist ja nichts Neues, dass die Menschen nichts tun. Auch die Ängste der Menschen sind nichts Neues.

SPIEGEL ONLINE: Im öffentlichen Nahverkehr kommt es vermehrt zu brutalen Übergriffen Jugendlicher auf andere Fahrgäste, in München wurde zuletzt der Geschäftsmann Dominik Brunner totgeschlagen, weil er anderen helfen wollte. Woher kommt diese gewaltige Aggressivität?

Mollenhauer: Einige Jugendliche brauchen nur einen kurzen Reizmoment. Dann wissen die gar nicht mehr, was sie tun. Ich will jetzt auf keinen Fall alle Jugendlichen über einen Kamm scheren, aber einige kennen gar keine Grenzen mehr. Außerdem ist heute oft auch gleich ein Messer im Spiel, während früher nur die Fäuste flogen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten also gerade Erwachsene beachten, wenn sie sich in einen Streit zwischen Jugendlichen einmischen?

Mollenhauer: Man braucht eine Ausbildung, um zu wissen, wie man gewaltfrei mit ihnen spricht. Man darf sie nicht provozieren, sondern muss sie in ihrer Wut mäßigen. Sonst kann die Situation leicht eskalieren. Und anfassen ist immer ungünstig. Viele Jugendliche sagen dann sofort: Der hat aber angefangen, ich hab mich nur gewehrt. Das ist natürlich Quatsch. Ich darf eingreifen, muss aber wissen wie.

SPIEGEL ONLINE: Dominik Brunner hat eigentlich alles richtig gemacht: Er hat sich um die Opfer gekümmert und die Polizei gerufen. Das hat er mit dem Leben bezahlt. Haben die Menschen nach diesem Fall nicht noch mehr Skrupel einzugreifen?

Mollenhauer: Genau deshalb habe ich tausende E-Mails bekommen von Menschen, die mich fragen: Soll ich trotzdem helfen? So ein Fall schürt natürlich die Ängste.

SPIEGEL ONLINE: Und? Soll man trotzdem helfen?

Mollenhauer: Auf jeden Fall! Es ist nicht richtig, nichts zu tun. Derjenige, der nicht hilft, begeht eine Straftat.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich unterlassene Hilfeleistung. Was also tun?

Mollenhauer: Irgendwas kann man immer tun, Stichwort "Opferklau": Man spricht das Opfer an, sagt: Lass uns gehen - und lässt den Täter links liegen. Und dann organisiert man sich Hilfe, ganz klassisch über den Notruf oder die Notbremse. Ganz wichtig ist auch, sich später als Zeuge zur Verfügung zu stellen. Viel zu viele Leute stehen einfach nur völlig desinteressiert daneben. Wenn alle nur noch Angst haben, nach der Polizei rufen und nicht mehr als Zeugen aussagen, funktioniert die Strafverfolgung nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten die Fahrgäste in der Frankfurter U-Bahn tun müssen?

Mollenhauer: Das Wichtigste ist, nicht einfach dazwischenzuspringen und sich selbst in Gefahr zu bringen - auch wenn das ehrenhaft ist. Helfen heißt nicht, sich zum Helden zu machen. Man muss abschätzen, wie gefährlich es ist. Als Allererstes muss man das Opfer in Sicherheit bringen, andere ansprechen und sich Hilfe holen.

SPIEGEL ONLINE: Diesmal waren die Gewalttäter keine pubertierenden Machos, sondern junge Frauen. Muss man auf diese anders zugehen?

Mollenhauer: Frauen haben andere Reizpunkte als Männer, und normalerweise neigen sie nicht gleich zu körperlicher Gewalt. Das Vorgehen für die Helfer ist aber immer das Gleiche.

SPIEGEL ONLINE: Warum zeigen so wenige Menschen Zivilcourage und greifen ein, wenn sie Zeugen von Gewalt werden?

Mollenhauer: Die Menschen sind oft hilflos. Vielen hat man nie vermittelt, wie man mit Gewalt vernünftig umgeht. Dazu kommt, dass die meisten von uns inzwischen ziemlich abgestumpft sind - auch durch die Medien. Da ist Gewalt an der Tagesordnung, und viele denken: Ach, so viel ist ja noch gar nicht passiert. Viele haben auch einfach Angst, dass ihnen selbst etwas passiert. Die Ängste sind ganz real und werden durch die jüngsten Ereignisse noch verstärkt. Wenn ich dazwischengehe, bin ich nachher selbst das Opfer. Wenn ich als Zeuge vor Gericht aussage, kennt mich der Täter, hat meinen Namen und Adresse.

SPIEGEL ONLINE: Der Mann in der Frankfurter U-Bahn wollte einem anderen Fahrgast helfen und fasste eine der Jugendlichen an den Arm. War das die richtige Reaktion?

Mollenhauer: Für ihn wäre es wichtig gewesen, sich Hilfe zu organisieren. Bevor man dazwischengeht, sollte man immer erst seine Stimme einsetzen, etwa laut sagen: Sollten wir nicht etwas tun? Oft hat das schon einen Effekt. Dann sollte man sich immer Unterstützer suchen, andere direkt ansprechen, damit die wissen: Ich bin gemeint.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das nicht ausreicht?

Mollenhauer: Dann sollte man auf jeden Fall den Schaffner einschalten oder die Polizei rufen. Dazu gehört natürlich auch immer Mut. Aber auf den Notrufknopf zu drücken oder die Notbremse zu ziehen, ist meist wesentlich unspektakulärer als im Film. Und lieber, man zieht einmal zu oft die Notbremse als einmal zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich selbst denn vorbereiten, damit man im entscheidenden Moment nicht kneift?

Mollenhauer: Üben, üben, üben. Man kann sich mental vorbereiten, indem man so eine Situation immer wieder gedanklich durchspielt und sich überlegt, was man machen würde. Jeden Tag kann man in der Familie und mit Freunden üben, wie man Gewalt vermeidet, und natürlich ist auch ein spezielles Training sinnvoll.

Das Interview führte Catherine Simon
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