Zoff in London Regierung und Polizei streiten sich über Krawall-Einsatz 

Nach den Krawallen ist in London ein Streit zwischen der Polizeibehörde Scotland Yard und der Regierung ausgebrochen. Premier David Cameron hatte das Vorgehen der Polizei kritisiert. Deren Chef keilt nun zurück - und verbittet sich eine Einmischung der Politik.

Polizei in London: Lage im Griff, "auch ohne politische Einmischung"
REUTERS

Polizei in London: Lage im Griff, "auch ohne politische Einmischung"


London - Der amtierende Londoner Polizeichef Tim Godwin schlug am Freitag zurück. Mit Blick auf Premierminister David Cameron und Innenministerin Theresa May sagte er, die Kritik komme von Leuten, die zum fraglichen Zeitpunkt "nicht da" gewesen seien. Der Premierminister und seine Innenministerin waren bei Ausbruch der Ausschreitungen im Urlaub.

Cameron hatte am Donnerstag kritisiert, zu Beginn der Krawalle in den Nächten zu Sonntag und Montag seien "bei weitem zu wenig" Polizisten im Einsatz gewesen. Der Premier hatte zudem die Polizeitaktik infrage gestellt, und den Einsatz von Gummigeschossen und Wasserwerfern bei künftigen Einsätzen nicht ausgeschlossen - was in England einem Tabubruch gleichkommt.

Godwin lobte die Polizeiarbeit während der Ausschreitungen. "Wir haben einige der besten Polizeiführer, die ich auf der Welt gesehen habe", sagte der Polizeichef. "So aufgestellt konnten wir das nach ein paar Tagen im Keim ersticken", betonte er. Bei der Auswahl der Taktik und der Zahl der Polizisten handele es sich um "Entscheidungen der Polizei", betonte Godwin.

Hugh Orde, Präsident der Vereinigung der Polizeichefs, erklärte, die Sicherheitskräfte hätten vor "einer beispiellosen Situation, einzigartigen Umständen" gestanden. Die Polizei selbst habe jedoch die Lage in den Griff bekommen, und zwar nicht durch "politische Einmischung".

Gegen 591 Verdächtige wurde Anklage erhoben

Die Polizei ermittelt in mehreren Fällen wegen Mordes. Im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod eines 68-Jährigen wurde am Freitag ein 22-jähriger Verdächtiger festgenommen. Der 68-Jährige war nach Polizeiangaben am späten Donnerstagabend seinen Verletzungen erlegen. Er war im Westen Londons angegriffen worden, als er versuchte, ein Feuer zu löschen.

Auch in Birmingham vernahm die Polizei drei Personen, die des Mordes verdächtigt werden. In der Stadt waren drei junge Männer, die sich offenbar einer Bürgerwehr angeschlossen hatten, von einem Auto überfahren worden. Insgesamt nahm die Polizei bis zum Freitag landesweit mehr als 1700 Personen fest, darunter mehr als 1000 in London.

Gegen 591 der Verdächtigen in London wurde Anklage erhoben, wie die Polizei der Hauptstadt am Freitagmorgen mitteilte. Gerichte in London, Birmingham und Manchester setzten den Angaben zufolge ihre Arbeit die zweite Nacht in Folge ohne Unterbrechung fort, um über die große Zahl der mutmaßlichen Gewalttäter und Plünderer zu richten. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson sagte, die Bürger erwarteten "bedeutende Urteile" für die Schuldigen.

Die mutmaßlichen Plünderer kommen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Unter ihnen sind ein elfjähriger Junge, eine junge Ballerina, ein Student aus einer wohlhabenden Pendlervorstadt und eine 24-jährige Universitätsabsolventin, die sich selbst bei der Polizei meldete. Nach Angaben ihres Anwalts brachten ihre Schuldgefühle sie um den Schlaf.

Auch eine 18-Jährige, die als freiwillige Helferin für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr ausgewählt worden war, soll sich an den Ausschreitungen beteiligt haben. Ihre Eltern entdeckten sie auf Fernsehbildern der Unruhen und meldeten sie bei der Polizei.

bim/dpa/AP/Reuters

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
karmamarga 12.08.2011
1. Der Chef der Polizei braucht es sich nicht gefallen zu lassen
Zitat von sysopNach den Krawallen ist in London ein Streit zwischen der Polizeibehörde Scotland Yard und der Regierung ausgebrochen. Premier David Cameron hatte das Vorgehen der Polizei kritisiert. Deren Chef keilt nun zurück - und verbittet sich eine Einmischung der Politik. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779932,00.html
wenn ihn jetzt Cameron zu Dreck unter seinem Stiefel machen möchte. Nichts anderes hätte in dieser Situation politische Deckung gehabt, als die traditionellen Methoden der britischen Polizei. Hier http://www.scpr.org/programs/airtalk/2011/08/09/20209/london-riots/ Oben für das volle Interview den audio player anklicken. Cameron steht für die typische Gemeinheit eines unreifen Menschen in so einer Situation eines allgemeinen Versagens, das er auf sich bezihen muss, im Reflex nach unten zu treten, um einen Schuldigen festzumachen, anstatt gemeinsam nach Lösungen für diese neue Situation zu suchen: von der Ausrüstung und künftigen Taktik der Polizei bis zu den notwendigen neuen Gesetzen. Hier, das hätte Mr.Cameron als Engländer als erstes verstehen müssen, hat niemand versagt ausser der allgemeine gesellschaftliche Konsens, den die Ereignisse überforderten.
bauern-cop 12.08.2011
2. Rückgrat
Zitat von sysopNach den Krawallen ist in London ein Streit zwischen der Polizeibehörde Scotland Yard und der Regierung ausgebrochen. Premier David Cameron hatte das Vorgehen der Polizei kritisiert. Deren Chef keilt nun zurück - und verbittet sich eine Einmischung der Politik. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779932,00.html
Soviel Rückgrat wünschte man sich gelegentlich auch bei hiesigen Polizei-Chefs...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.