Zugbomber von Köln Freundlich, unauffällig, fromm

Er führte ein frommes Leben in einem Studentenwohnheim in Kiel: Mitbewohner beschreiben den gestern wegen Terrorverdachts verhafteten Libanesen als "völlig normal" und "höflich". Dann, so die Ermittler, wurde er zum Bahn-Bomber von Köln. Möglicher Auslöser: der Tod seines Bruders im Libanon.

Aus Kiel berichtet Alexander Schwabe


Kiel - Es war das letzte Wochenende vor dem Semesterbeginn. Viele Studenten lagen noch in den Betten, als die Staatsmacht gestern Mittag anrückte in dieser ruhigen Ecke Kiels unweit der Universität: Örtliche Polizei, das schleswig-holsteinische LKA und das BKA aus Wiesbaden. Das Edo-Osterloh-Haus am Steenbeker Weg befand sich für den Rest des Tages im Ausnahmezustand.

Hier wohnte auch Youssef Mohamad E.. Der 22-jährige Libanese soll einer der beiden Bombenleger sein, die am 31. Juli Anschläge mit in Roll-Koffern untergebrachten Sprengsätzen in zwei Regionalzügen von Köln nach Koblenz und Hamm verüben wollten. Gebastelt waren die Bomben auf teuflisch einfache Weise, die Zündung sollten zwei gelb-grüne Elektrowecker, Marke "Little Star", besorgen.

Die Studenten, die noch am Abend zuvor bei einer Grillparty auf dem Gelände der Wohnheime 4 bis 26 am Steenbeker Weg ihr Wiedersehen gefeiert, oder sich bis tief in die Nacht auf erste Prüfungen vorbereitet hatten, sind fassungslos. Sie können sich nicht vorstellen, dass einer ihrer Kommilitonen ein Terrorist, ein Eisenbahnbomber sein soll, dass Youssef Mohamad – dieser Teil des Namens wurde von den Behörden bestätigt – in den frühen Morgenstunden gegen vier Uhr am Kieler Hauptbahnhof festgenommen wurde, als sie noch tief schliefen.

Er sei ein "ganz normaler Typ" gewesen, sagt Kamil, ein 22-jähriger Pole aus Stettin, der mit Youssef im gleichen Stockwerk wohnte: "freundlich, höflich, unauffällig", habe niemals Schlechtes über andere geredet.

Bruder im Libanon getötet

Gläubig sei er gewesen, so die marokkanische Wirtschaftsstudentin Imane, 22. Der Libanese habe regelmäßig, bis zu fünf Mal am Tag, einen Gebetsraum besucht, der im Keller des Studententrakts eingerichtet ist. Auf der Tür kleben ein Handy-Verbots-Schild und ein Poster, auf dem die Imam-Ali-Moschee an der Schönen Aussicht im beschaulichen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst zu sehen ist. Dieses islamische Zentrum gilt nach Erkenntnissen des Hamburger Verfassungsschutzes als Treffpunkt schiitischer Hisbollah-Anhänger. Youssef allerdings, so Imane, sei Sunnit.

Der Hisbollah-Bezug scheint jedoch nicht abwegig. Youssef, so heißt es im Studentenheim, habe seinen muslimischen Glaubensbrüdern erzählt, sein Bruder sei vor drei oder vier Wochen während des Feldzugs der israelischen Armee gegen die Hisbollah im Libanon getötet worden. Doch warum sollte er dafür in Deutschland Rache nehmen, fragt sich Imane. Wenn, dann müsse er sich an Israel rächen.

Youssef führte ein unscheinbares Leben in Kiel. Kommilitonen berichten, er habe Jeans und T-Shirt getragen. Zu seinen Gebetszeiten allerdings wechselte er die Kleidung. Die junge Vietnamesin Van Anh Nguyen, 24, erzählt, Youssef habe lange weiße Gewänder getragen, wenn er zum Gebet ging. Des öfteren besuchte er eine Moschee in der Dietrichstraße im Stadtteil Gaarden. Der dortige Vorbeter und der Sprecher des arabischen Kulturvereins wollen sich an Youssef nicht erinnern. "Zum Freitagsgebet kommen rund 300 Gläubige hierher", sagt Sprecher al-Samaduni.

Angst vor den Männern in Bärten

Meistens aber suchte er den Andachtsraum im Keller des Wohnheims auf, ein Treffpunkt vieler muslimischer Studenten aus den umliegenden Häusern. Die religiösen Rituale stießen in dem Haus nicht nur auf Zustimmung. "Besonders im Ramadan sangen sie mitten in der Nacht", sagt der Pole Kamil, an Schlaf sei nicht zu denken gewesen. Und Nguyen sagt: "Die Männer mit den Bärten machten mir manchmal Angst."

Auch Youssefs Zimmer im ersten Stock war eine beliebte Anlaufstelle gläubiger Muslime. Einer der deutschen Mitbewohner berichtet, Youssef habe viele Besucher empfangen, Araber und Nordafrikaner. Er habe auch Infoblätter über den Propheten Mohammed verteilt. Zu Beginn des letzten Semesters war er aus dem Erdgeschoss des 40-Zimmer-Backsteinhauses aus den siebziger Jahren nach oben gezogen. Dort teilte er mit drei Deutschen und einer weiteren Person eine Wohnung auf der Etage. Eines der Betten habe in Kürze von einem Marokkaner bezogen werden sollen, dieser habe sich bis jetzt jedoch nicht blicken lassen. Spekulationen gehen dahin, bei ihm könne es sich um den zweiten Zug-Attentäter handeln.

Ein osteuropäischer Student, der nicht genannt werden will, beschreibt den jungen Libanesen als "unterdurchschnittlich intelligent". Sein Deutsch sei nicht besonders gut gewesen, im Gespräch habe er nicht überzeugen können. Diese Einschätzung teilt Jürgen Müller, bis Anfang August Leiter des Kieler Studienkollegs. Dort hatte Youssef Kurse belegt als Vorbereitung auf sein Mechatronik-Studium. Müller bezeichnet den Studenten als "völlig unauffällig": "Er hat sich so durchgeschummelt." Im Nachhinein ist Müller, der Youssef in Physik unterrichtete, darüber froh: "Hätte er besser aufgepasst, wären die Bomben wohl explodiert."



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