Zugriff in Amsterdam Polizei fasst mutmaßlichen Mafia-Mörder von Duisburg

Es hat anderthalb Jahre gedauert, doch nun ist er gefasst: Die Polizei hat den mutmaßlichen Mafia-Mörder von Duisburg in Amsterdam festnehmen können. Giovanni Strangio wird verdächtigt, im August 2007 in Duisburg sechs Menschen auf offener Straße erschossen zu haben.


Amsterdam - Ende einer anderthalb Jahre währenden Flucht: Wie die Polizei in Duisburg am frühen Freitagmorgen mitteilte, wurde der 30-jährige Giovanni Strangio in Amsterdam von einer internationalen Ermittlergruppe gefasst.

Pizzabäcker Strangio: Showdown in Amsterdam

Pizzabäcker Strangio: Showdown in Amsterdam

Sein Schwager, mit dem er im August 2007 vor dem Duisburger Restaurant sechs Mitglieder eines rivalisierenden Clans der süditalienischen Mafia 'Ndrangheta erschossen haben soll, war bereits im vergangenen Jahr verhaftet worden.

Der Zugriff in der niederländischen Hauptstadt erfolgte nach Polizeiangaben am Donnerstagabend um 23.10 Uhr. Weitere Einzelheiten zur Festnahme des mutmaßlichen Mafia-Killers wollte die Polizei zunächst aber nicht mitteilen und verwies auf eine Pressekonferenz am Freitagvormittag in Duisburg.

Hintergrund der blutigen Mafia-Fehde ist ein seit Jahren tobender Machtkampf zwischen den beiden Familienclans Nirta-Strangio und Pelle-Vottari, der in Kalabrien bereits mehrere Menschenleben gekostet hat. Nach den tödlichen Schüssen in Duisburg gelang den Schützen zunächst die Flucht nach Gent in Belgien, wo sie einen gemieteten Wagen stehenließen und untertauchten.

Im vergangenen November fassten die Ermittler schließlich den seit mehr als zehn Jahren gesuchten Mafia-Boss Giuseppe Nirta - ebenfalls in Amsterdam. Nach seinem Schwager Strangio, der im rheinischen Kaarst zwei Pizzerien geleitet hatte, wurde monatelang international gefahndet.

'Ndrangheta - Die kalabrische Mafia
Macht
Lange Zeit stand die 'Ndrangheta - die kalabrische Mafia - im Schatten der sizilianischen Cosa Nostra. Doch im Zuge der Fahndungserfolge in Sizilien seit Beginn der neunziger Jahre hat sich das Blatt gewendet. Heute gilt die 'Ndrangheta mit einem geschätzten Jahresumsatz von 44 Milliarden Euro als eine der mächtigsten Mafia-Vereinigungen Europas. Weitere kriminelle Organisationen in Süditalien sind die Camorra im Raum Neapel und die Sacra Corona Unita in Apulien.
Wurzeln
Die Wurzeln der Organisation reichen bis ins 19. Jahrhundert. Angeblich leitet sich das Wort 'Ndrangheta vom griechischen "andragathos" ab, was "tapferer Mann" bedeutet. Lange verdienten die "Tapferen" ihr Geld vor allem mit Entführungen und Erpressung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wanderten führende Köpfe in die USA aus, bauten dort die italo-amerikanische Mafia mit auf.
San Luca
Inoffiziellen Angaben italienischer Ermittler zufolge stehen etwa 10.000 Mann im Dienst der 'Ndrangheta, unterteilt in etwa hundert Familienclans. Die traditionell mächtigsten Familien stammen aus der Hochburg San Luca am Rande des Aspromonte, der schwer zugänglichen Gebirgsregion im äußersten Süden Italiens - die der Organisation seit langem als Rückzugsraum dient.

Die Vendetta von San Luca ist eine Familienfehde, der auch die Italiener ibeim Blutbad von Duisburg zum Opfer fielen. Sie geht auf einen Karnevalsscherz am 11. Februar 1991 in San Luca zurück: Nach Angaben italienischer Medien gab es damals einen Streit, der eskalierte; Eier flogen, es kam zu einer Schlägerei zwischen den Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo. Tage später wurden in einem Hinterhalt zwei junge Männer ermordet. Bis zum 25. Dezember 2006 blieb es jahrelang ruhig, doch dann wurde Maria Strangio, 33, ermordet - seither wird die Familienfehde wieder blutig ausgetragen. Sie hat mindestens 26 Menschen das Leben gekostet.

Kalabrien
Wie stark die 'Ndrangheta immer noch ihrer Heimat Kalabrien verbunden ist, zeigen Zahlen aus Italien, nach denen 70 Prozent aller Unternehmer in Kalabrien den verhassten "Pizzo", das Schutzgeld, zahlen sollen. Die restlichen 30 Prozent der Unternehmen und Geschäfte befänden sich direkt in der Hand der Mafia.
Deutschland
Duisburg gelte nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) als Stützpunkt der 'Ndrangheta, sagte Mafia-Experte Jürgen Roth der Nachrichtenagentur dpa. Offiziell seien in Deutschland 160 Angehörige der Clans aus der Hochburg San Luca gemeldet. Sie hätten sich im Ruhrgebiet, in Erfurt und in Leipzig angesiedelt. Nach BKA-Erkenntnissen seien Lösegelder aus Entführungen in Deutschland investiert worden. Im Raum Duisburg hätten Clan-Angehörige mehrere Pizzerien und Discotheken eröffnet. Ziel solcher Unternehmen ist in der Regel Geldwäsche. Experten aus Deutschland und Italien sagten übereinstimmend, das Massaker an sechs Italienern in der Ruhrgebietsstadt sei der bisher blutigste Anschlag der italienischen Mafia in Deutschland. Er habe eine "neue Qualität", weil eine Familienfehde (die Vendetta von San Luca) mit einem Mord großer Brutalität auf fremdem Boden ausgetragen werde.

Die Welt
Das Betätigungsfeld ist gewachsen, längst haben die Mafiosi die schwer zugänglichen Bergregionen Kalabriens verlassen und sind in Deutschland, Spanien, Frankreich, Holland und Belgien tätig, außerdem in Kanada, Austalien, den USA und Südamerika. Spezialgebiet der 'Ndrangheta ist Kokainhandel. Dort ist sie europäischen Drogenfahndern zufolge mittlerweile eine der mächtigsten Gruppen. Die Organisation soll nach neuen Schätzungen die kolumbianischen Drogenkartelle in den Schatten gestellt haben. Weitere Einnahmequellen: Geldwäsche, Waffenhandel und Erpressungen, außerdem zahlreiche legale Wirtschaftszweige wie etwa die lukrative Müllentsorgung.

jdl/dpa

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