Zugunglück von Bad Aibling Fahrdienstleiter spielte intensiv auf Handy

Ein Handyspiel soll den Fahrdienstleiter kurz vor dem Zugunglück von Bad Aibling abgelenkt haben. Vor Gericht hat nun ein Sachverständiger ausgesagt, der Angeklagte habe bis eine Minute vor dem Zusammenstoß gespielt.

Angeklagter Michael P. mit Anwältin Ulrike Thole
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Angeklagter Michael P. mit Anwältin Ulrike Thole


Das Fantasy-Rollenspiel "Dungeon Hunter 5" soll beim Zugunglück von Bad Aibling eine zentrale Rolle gespielt haben. Bis kurz vor dem tödlichen Zusammenstoß zweier Züge spielte der Fahrdienstleiter das Spiel auf seinem Privathandy. Das hat im Prozess gegen den 40-Jährigen ein Sachverständiger vor dem Landgericht Traunstein ausgesagt. Die Spiele-Aktivitäten des Angeklagten ließen sich sekundengenau nachverfolgen.

Dem Sachverständigen zufolge musste der Fahrdienstleiter regelmäßig mit den Fingern Menüpunkte auf dem Display seines Handys berühren, um spielen zu können. Erst eine Minute vor dem Zusammenstoß meldete er sich per Fingerdruck als Spieler ab. Die Vorschriften der Deutschen Bahn verbieten die private Handynutzung im Dienst.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte durch das Computerspiel von seiner Arbeit im Stellwerk abgelenkt wurde. Diese These bestätigte ein Neuropsychologe als weiterer Sachverständiger.

Das verbotene Handyspielen habe die Arbeit des Fahrdienstleiters beeinträchtigt. Gedächtnisstörungen seien dadurch selbst in Spielpausen möglich gewesen, sagte der Neuropsychologe. Das Spielen auf dem verkleinerten Display eines Smartphones "setzt zusätzliche Konzentration voraus".

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Das Belohnungssystem des Spiels fördere Suchtverhalten. "Das wollen die Spielemacher ja." In den letzten Wochen vor dem Unglück habe der Angeklagte immer öfter und länger am Computer gespielt, sagte der Experte. Von einer Spielsucht des Angeklagten wollte er nicht sprechen, wohl aber von einem "problematischen Spielverhalten".

Der Fahrdienstleiter ist wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Das Ausmaß seines Fehlers soll ihm schnell bewusst geworden sein: "Jetzt ist die Kacke richtig am Dampfen", soll er kurz nach dem Zusammenstoß zu einem Kollegen gesagt haben.

Der Bahnmitarbeiter hatte zu Prozessbeginn gestanden, mehrere Signale falsch gestellt und die Nahverkehrszüge durch ein Sondersignal gleichzeitig auf die eingleisige Strecke geschickt zu haben. Dadurch kam es am 9. Februar zum Frontalzusammenstoß der beiden Züge auf eingleisiger Strecke. Zwölf Menschen starben, fast 90 Insassen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Die Beweisaufnahme in dem Fall ist abgeschlossen. Am Freitag sollen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenkläger ihre Plädoyers halten. Danach hat der Angeklagte das letzte Wort. Das Urteil soll am kommenden Montag verkündet werden. Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre.

ulz/dpa

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