Zweites Breivik-Gutachten Der Wahnsinnige soll gesund werden

Ein Gericht in Oslo hat eine neue Begutachtung von Anders Breivik angeordnet. Die erste hatte ihm Schuldunfähigkeit bescheinigt. Doch öffentlicher Druck und Experten-Kritik sorgen nun dafür, dass er für zurechnungsfähig erklärt werden könnte - und so im Gefängnis statt nur in der Psychiatrie landet.

Attentäter Breivik: Ein Gericht hat eine zweite Begutachtung angeordnet
REUTERS/ Aftenposten

Attentäter Breivik: Ein Gericht hat eine zweite Begutachtung angeordnet

Von , Oslo


Schon der Tonfall muss einen normalen Menschen zur Verzweiflung treiben. "Entemotionalisiert" sei er und "nur wenig dynamisch". Die zu befragende Person habe "einen leicht starrenden Blick" und während der stundenlangen Unterhaltung bewege er sich "nur sehr wenig".

So haben die beiden Psychiater ihre Eindrücke von Anders Behring Breivik während 13 stundenlanger Befragungen niedergeschrieben. Der Mörder von 77 Menschen sei "nicht im Stande, seine Gefühle zu erkennen oder zu beschreiben", steht in ihrem nicht veröffentlichten Gutachten, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Doch wie krank ist Breivik, der in Oslo eine Autobombe zündete und in einem Zeltlager auf Utøya ein Massaker anrichtete, tatsächlich? Um diese Frage streiten Psychiater, Juristen und Politiker Norwegens. Paranoid-schizophrene Psychose, so lautete die Diagnose der Gutachter Torgeir Husby und Signe Sørheim.

Doch sie wird nicht die einzige bleiben. Mindestens eine weitere soll folgen, so will es das Gericht in Oslo, das seine Entscheidung nun bekanntgab. "Es wird eine schwierige Aufgabe", sagte einer der ernannten Psychiater, Agnar Aspaas, im Staatsfernsehen NRK. Man müsse die Sachverständigen "in Frieden lassen, damit sie ihre Pflicht erfüllen".

"Man kritisiert sich nur ungern gegenseitig"

Dass es ein zweites Gutachten geben soll, ist eine Überraschung. Als Ende November der erste Bericht von den Forensikern an das Gericht übergeben wurde, sah es noch so aus, als würde das Verdikt "schuldunfähig" bis zum geplanten Gerichtstermin am 16. April unangefochten bleiben. Eine rechtsmedizinische Kommission, die in solchen Fällen über die formale Qualität des Gutachtens urteilt, kam zu einem uneingeschränkt positiven Ergebnis.

Nur wenige Experten erhoben ihren Protest, etwa der klinische Psychologe Svenn Torgersen: "Mich überzeugt das Gutachten überhaupt nicht", sagte der Osloer Professor SPIEGEL ONLINE. "Ich kann nicht begreifen, wie ausgerechnet in einem solchen wichtigen Fall die Gutachter eine so schlechte Arbeit abliefern konnten."

Der Grund für die Zurückhaltung unter Rechtspsychiatern: "Die Szene ist ganz klein, jeder kennt jeden, man ist befreundet und kritisiert sich nur ungern gegenseitig", erklärt Espen Sørbye, einer der bekanntesten Intellektuellen des Landes und scharfzüngiger Kommentator.

Als die Staatsanwaltschaft und auch Breiviks Verteidiger Geir Lippestad sich mit dem Gutachten einverstanden erklärten, glaubten viele Beobachter nicht mehr an eine Wende.

Sie kam schließlich kurz vor Weihnachten und wurde vermutlich ausgelöst von einer bekannten Persönlichkeit des Landes, der Rechtspsychiaterin Randi Rosenqvist. Die 60-Jährige gilt als die wohl einflussreichste Forensikerin des Landes. Im SPIEGEL äußerte sie sich erstmals negativ zu dem ersten Gutachten: "Aus der Argumentation der Gutachter erschließt sich mir diese Diagnose nicht", sagte sie. "Die Kollegen haben es versäumt darzulegen, warum andere psychische Störungen auszuschließen sind." Rosenqvist mahnte zu mehr Sorgfalt - vor allem, weil es sich um eine politisch motivierte Tat handele.

Abweichend, aber nicht krank

Was sie verschwieg, kurze Zeit später aber von der norwegischen Zeitung "Aftenposten" recherchiert wurde: Rosenqvist war vom Gefängnisdirektor mit der psychiatrischen Betreuung des prominenten Häftlings beauftragt worden. Sie traf ihn dreimal, zuletzt noch am 19. Dezember, und verfasste umfängliche Berichte für die Gefängnisleitung. Diese sind seit diesem Freitag auf der Webseite der Zeitung "Verdens Gang" zu finden.

Ihr Urteil, das sie mit den anderen psychiatrischen Ärzten des Gefängnisses von Ila teilt, steht beinahe diametral zur Diagnose von Sørheim und Husby: Nicht psychotisch, nicht schizophren. Breiviks Ansichten seien das Ergebnis seiner Ideologie, keine Wahnvorstellung.

Rosenqvist beschreibt ausführlich, wie sie Breivik befragt hat, etwa darüber, was er über den Bericht der forensischen Psychiater denkt: "Er nahm das eher als Scherz auf und sagte, er könne sich überhaupt nicht selbst darin erkennen."

Ob es nicht unmoralisch gewesen sei, so viele Menschen zu töten, will Rosenqvist von dem 32-Jährigen wissen. "Die Frage beantwortete er damit, dass es unmoralisch sei, nichts gegen die Bedrohung Norwegens und Europas zu tun", so Rosenqvist in den bislang unveröffentlichten Notizen.

Mit Bedrohung meint Breivik die angeblich unmittelbar bevorstehende Machtübernahme durch Islamisten, denen er sich als "Tempelritter" entgegenstellt. Breivik sieht sich als Märtyrer. "Er sagt, dass Norwegen nach dem 22. Juli anders sei und er hofft, die Unterschiede in der Gesellschaft seien nun klarer", schreibt Rosenqvist und analysiert: "Er erscheint sehr distanziert von seinen Taten, es wirkt so, als sähe er sie als reine Notwendigkeit an." Er besäße eine "eindeutig abweichende Persönlichkeit". Abweichend, aber eben nicht krank.

Aus Breiviks stundenlangen Ausführungen über seinen sonderbaren Tempelritterkampf spricht grandiose Selbstüberschätzung. So sieht es Rosenqvist. Husby und Sørheim jedoch halten sie für bizarre Wahnvorstellungen - ein wichtiges Symptom für eine paranoide Schizophrenie.

Kein Ersatz des ersten Gutachtens, nur eine Ergänzung

Rosenqvist gegenüber hat sich Breivik allerdings nicht wahnhaft gezeigt. "Ich gehe nicht davon aus, jemals wieder entlassen zu werden", sagte Breivik zu Rosenqvist. Richterin Wenche Elizabeth Arntzen wollten ihren beiden Hauptgutachtern an diesem Freitag nicht zu sehr in den Rücken fallen. Das neue Gutachten sei kein Ersatz des ersten - sondern eine Ergänzung.

Doch die öffentliche Kritik und die Meinung der Psychiater, die Breivik im Gefängnis betreut haben, machten es notwendig, "die bestmöglichen Informationen für das Gerichtsverfahren" zu erhalten.

Die neuen Gutachter Agnar Aspaas und Terje Tørrissen werden nun die Gelegenheit haben, das umfangreiche Videomaterial von den Verhören Breiviks zu sichten. Ob sie mit ihm selber sprechen können, so wie sie es wollen, ist jedoch fraglich.

Über seinen Anwalt ließ Breivik schon vorher mitteilen, dass er nicht ein weiteres Mal befragt zu werden wünscht. Gutachter Aspaas will in diesem Fall, dass Breivik, so wie es das Gesetz vorsieht, in eine psychiatrische Einrichtung zwangseingewiesen und dazu gezwungen wird, sich befragen zu lassen. Er will dies rasch mit dem Gericht besprechen.

Ungern, wie er gegenüber der norwegischen Nachrichtenagentur NTB zugibt: "Das würde unsere Aufgabe noch schwieriger machen."

Mitarbeit: Espen Eik

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Seite 1
n.holgerson 13.01.2012
1. Da muss der Rechtsstaat jetzt aber aufpassen...
Wenn man schon lesen muss ein Grund, dass er jetzt "für zurechnungsfähig erklärt werden könnte sei der öffentlicher Druck" dann stehen einem die Haar zu Berge. Insbesondere Spon die sich ja in Sachen Wulff als Moralapostel aufspielen bzw. wegen eines Anrufes die Pressefreiheit in Gefahr sahen, sollte doch jetzt diesen "Skandal" mal "aufklären". Weil, wenn nicht mehr Recht und Gesetz der Maßstab sind, sondern die öffentliche Meinung, dann kann man sich vom Rechtsstaat doch gleich verabschieden... Aber ich gehe jede Wette ein, da wird kein Wort mehr drüber geschrieben. Weil man diesen Skandal nicht vermarkten kann. Auch die Meldung "Psychiater, Juristen und Politiker" streiten sich darüber ob und inwieweit er krank sei, ist doch ein "Skandal". Nur Psychiater können dies beurteilen. Kein Jurist und erst recht kein Politiker. Ansonsten sollen die Experten dies klären. Es ist ja nur eigenartig, dass sowohl rechtsmedizinische Kommission als auch die meisten Experten (Nur wenige Experten erhoben ihren Protest) die erste Beurteilung für richtig erklärten, macht die Sache jetzt schon eigenartig. Auch sollte man die Minderheitenmeinung nicht als generell falsch darstellen. Aber es ist ja immer klar, zu jedem Thema findet man immer Experten die eine gegenteilige Meinung vertreten. Gerade in diesem Fall habe ich aber "Bauchschmerzen". Man weiß doch, dass Volk will eine Verurteilung. Und wer eine gegenteilige Meinung als im ersten Gutachten vertritt, hat die Massen hinter sich, wird in Talkshows eingeladen, bekommt x Interviewanfragen und wenn er Glück hat, kann er noch ein Buch schreiben... Auch zweifle ich generell an Leuten, die ihrer Argumention mit einer Verschwörung "Die Szene ist ganz klein, jeder kennt jeden, man ist befreundet und kritisiert sich nur ungern gegenseitig" rechtfertigen. Insbesondere da man ja weiß, jeder der eine andere Meinung vertritt, ist ja in der Öffentlichkeit ein Held. Wie gesagt, das Thema ist aus zwei Seiten interessant. Erstens der Expertenstreit. Generell kann man da als "Amateure" ja wenig zu sagen. Dann aber der angedeutet Angriff auf den Rechtsstaat. Und welch ein Wunder, Spon als Hüter der Pressefreiheit "ignoriert" diesen wirklich wesentlichen Punkt komplett. Wo ist denn jetzt der Aufschrei?
masamune 13.01.2012
2.
Zitat von sysopEin Gericht in Oslo hat*eine*neue Begutachtung von Anders Breivik angeordnet. Die erste*hatte*ihm Schuldunfähigkeit bescheinigt.*Doch*öffentlicher Druck und Experten-Kritik*sorgten dafür, dass er für zurechnungsfähig erklärt werden könnte - und so im Gefängnis statt nur in der Psychiatrie landet. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,808964,00.html
Das wäre eine Art rechtsbeugung...man würde den emotionalen subjektiven Wünschen der Massen gehorchen und damit genau dem Wunsch des Täters entsprechen...
a.weishaupt 13.01.2012
3. Wie im Mittelalter
Natürlich ist jemand, der so etwas tut krank - was denn sonst? Muss er dafür sabbernd in der Ecke liegen? Leute für gesund und eben "einfach böse" zu erklären, nur weil sie halbwegs normal auftreten können, ist menschlich verständlich, aber eben auch unsinnig und weltfremd. Das ist so wie mit dem Epilleptiker im Mittelalter, der eigentlich gesund, aber leider vom Teufel besessen war.
haltetdendieb 13.01.2012
4. Der*Wahnsinnige*soll gesund werden
Der*Wahnsinnige*soll gesund werden Dann soll er halt gesund werden. Wer will den Staat daran hindern, Breivik für gesund zu erklären, es sei denn, es sei denn es gibt einige unbestechliche Gutachter. Ansonsten nichts als ein großes Schmierentheater! Ich stimme mit den beiden bisherigen Gutachtern: "Wahnsinnig"! Es ist leider so, und so fällt und fehlt das Objekt für die Rache, ähm, Rechtsprechung natürlich. Und nu?
Apologet 13.01.2012
5. Böse oder krank?
Nicht jeder der böse ist, ist auch krank. Bosheit zur Krankheit zu erklären ist ein fataler Fehler. Gerade bei psychischen Krankheiten ist die Grenze fließend und Ansichtssache/Defitionssache. Der Mensch ist nicht edel, hilfreich und gut. Jedenfalls oft nicht. Auch wenn viele das gerne so hätten. Die Praxis Täter so leichtfüßig von ihrere moralischen Verantwortung freizusprechen - das rächt sich jetzt im Fall Breivik. Da will die Öffentlichkeit - zurecht - nicht mehr mit. Der Mann ist absolut planvoll vorgegangen. Würde man ihn lassen, hätte er das Zeug zu einem faschistischen Diktator. Bosheit ist keine Krankheit.
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