Zwickauer Terrorzelle Aktenzeichen ungelöst

Zehn Morde, mehrere Banküberfälle und mindestens ein Sprengstoffanschlag werden der Zwickauer Terrorzelle zugeschrieben. Aber ist das alles? Die Ermittler müssen sich nach ihrem jahrelangen Blindflug fragen, welche Taten die Neonazis noch verübt haben könnten. Ein Überblick.
Zerstörtes Haus in Zwickau: Hier lebten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt

Zerstörtes Haus in Zwickau: Hier lebten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt

Foto: dapd

Hamburg - 13 Jahre lang lebten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund. Sie konnten offenbar ungestört Banken überfallen, Bomben basteln, Menschen erschießen - darauf deuten zumindest die bei ihnen gefundenen Waffen sowie ihre zynische Bekenner-DVD hin. 13 Jahre lang haben die Sicherheitsbehörden vom Treiben des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) nichts mitbekommen.

In dem beinahe unglaublich anmutenden Fall passen noch längst nicht alle Puzzleteile zusammen, denkbar erscheint im Moment nahezu alles. Bundesweit müssen Ermittler sich fragen: Welche Taten könnten noch auf das Konto der Zwickauer Zelle gehen?

In Frage kommen theoretisch alle unaufgeklärten Verbrechen, bei denen ein rechtsextremistischer Hintergrund möglich erscheint. So stießen die Fahnder durch Hinweise auf der DVD zunächst auf einen Sprengstoffanschlag in der Kölner Keupstraße, bei dem vor sieben Jahren 22 Menschen verletzt wurden. Die Täter hatten eine selbstgebaute Nagelbombe auf einem Fahrrad deponiert und per Fernsteuerung gezündet. Die Tat wird der Zwickauer Zelle zugerechnet und von der Bundesanwaltschaft untersucht.

Jetzt kommt vieles erneut auf den Prüfstand. Ein Beispiel: 2008 starben bei einem Brand in Ludwigshafen neun türkischstämmige Frauen und Kinder. Die Brandursache wurde nie geklärt, einen Anschlag hatten die Ermittler damals ausgeschlossen. Nun prüft die Staatsanwaltschaft eine Verbindung zur NSU - bislang gibt es aber keine Hinweise auf einen Zusammenhang.

Auch eine mögliche Verbindung zum Fall Alois Mannichl wurde schnell diskutiert: Im Dezember 2008 stach ein Unbekannter den damaligen Chef der Passauer Polizei an seiner Haustür nieder - laut Mannichl mit den Worten: "Viele Grüße vom nationalen Widerstand." Mannichl war als Polizeichef entschieden gegen Neonazis vorgegangen, der Täter wurde in der rechten Szene vermutet. Der Fall erregte großes Aufsehen, wurde aber nie gelöst. Ein Zusammenhang zur Zwickauer Zelle ist laut Bundesanwaltschaft bisher nicht zu erkennen. Das bayerische Landeskriminalamt vergleicht derzeit DNA-Spuren der Neonazis mit dem alten Material aus dem Fall Mannichl.

Man überprüfe alle unaufgeklärten Verbrechen, für die rechtsextremistische Motive denkbar sind und für die es kein schlüssiges Tatmotiv gibt, sagte auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger. Da dürfte es einiges geben.

Zwar äußern sich die Behörden in Bezug auf die Ermittlungen weiterer möglicher NSU-Verbrechen nur zurückhaltend. Einige alte Fälle, die neu überprüft werden, sind dennoch in den vergangenen Tagen öffentlich geworden. Ein Überblick.

Berlin 1998 - Explosion am Grab von Galinski

Der Sprengstoff steckte in der Stahlklappe einer Gasflasche: Im Dezember 1998 verübten Unbekannte in Berlin einen Anschlag auf das Grab von Heinz Galinski, dem früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Die massive Grabplatte wurde völlig zerstört, Metallteile wurden noch in 40 Metern Entfernung gefunden. Bundespräsident Roman Herzog sprach in einem Telegramm an die Witwe Galinskis von "wirren Einzeltätern". In den Tagen nach dem Anschlag kontrollierte die Polizei stündlich alle jüdischen Friedhöfe der Stadt. Eine Sonderkommission übernahm die Ermittlungen - fünf Monate später wurden sie ohne Ergebnis eingestellt.

1998 ist auch das Jahr, in dem Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in den Untergrund gingen. Könnte der Sprengstoffanschlag auf das Grab Galinskis eine ihrer ersten Untaten gewesen sein? Laut "Tagesspiegel" untersuchen die Behörden den Fall erneut. Die Berliner Polizei wollte sich auf Anfrage zum Stand der Ermittlungen nicht äußern.

Saarbrücken 1999 - Anschlag auf die Wehrmachtsausstellung

Die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung war umstritten, in vielen deutschen Städten löste sie hitzige politische Debatten aus. Rechtsextreme protestierten gegen die Ausstellung, Linke versammelten sich zu Gegendemonstrationen. Als die Ausstellung im März 1999 in Saarbrücken gezeigt wurde, explodierte eine Bombe an der Rückseite des Ausstellungsbaus. An dem Gebäude der Volkshochschule und einer benachbarten Kirche entstand ein Sachschaden von mehreren hunderttausend Mark. Schnell wurde klar: Es waren keine Amateure am Werk. Die Ermittler vermuteten einen rechtsextremistischen Hintergrund, fanden jedoch nie einen Täter. Es ging zwar ein angebliches Bekennerschreiben ein, doch das führte ebenfalls nicht weiter. Auch dieser Anschlag wird laut "Tagesspiegel" neu überprüft.

Düsseldorf 2000 - zehn Verletzte am S-Bahnhof

Die tödliche Gefahr war in einer weißen Plastiktüte versteckt, die am Geländer einer Fußgängerbrücke hing: Am 27. Juli 2000 explodierte ein Sprengsatz am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn. Zehn Menschen wurden verletzt, allesamt Schüler einer nahe gelegenen Sprachschule, eine Frau verlor ihr ungeborenes Kind. Sechs Opfer waren jüdische Zuwanderer aus der Sowjetunion. Politiker wie Innenminister Otto Schily (SPD) legten sich schnell auf eine fremdenfeindliche Tat fest, doch handfeste Beweise dafür gab es nicht.

Die Polizei ermittelte in mehrere Richtungen. Mehr als 80 Beamte gehörten der Ermittlungskommission "Ackerstraße" anfangs an, sie befragen mehr als 1400 Personen, die Belohnung stieg auf 120.000 Mark. Aus den USA wurde ein teures Spezialgerät herangeschafft, mit dem selbst kleinste elektronische Bauteile von Bomben aufgespürt werden können. Doch der immense Aufwand nützte nichts. Ein Jahr nach dem Anschlag bestand die Sonderkommission nur noch aus zwei Beamten. Die Bombe wurde von Spezialisten gebaut, da waren die Fahnder sich sicher. Doch wurden die zehn Menschen gezielt getroffen oder nur zufällig? Das konnte nie geklärt werden.

Auf der DVD der Zwickauer Zelle finden sich anscheinend keine Hinweise, die auf eine Verbindung zum Anschlag in Düsseldorf schließen lassen. Die Polizei in NRW überprüft den Anschlag dennoch aufs Neue.

Köln 2001 - Sprengsatz aus der Dose

In der Weihnachtszeit im Jahr 2000 betrat ein Mann einen Lebensmittelladen in Köln. In seinem Einkaufskorb befand sich eine rotlackierte Dose mit Sternenmuster. An der Kasse behauptete der Unbekannte, er müsse Geld holen. Er ging, ließ den Warenkorb zurück, tauchte nie wieder auf. Drei Wochen später kam es zur Explosion: Eine 19-jährige Deutsch-Iranerin, deren Eltern das Geschäft betreiben, wurde schwer verletzt. Die Arbeit einer 20-köpfigen Sonderkommission führte nicht zum Erfolg.

Nun deutet die DVD des "Nationalsozialistischen Untergrunds" darauf hin, dass die Tat auf das Konto der Zwickauer Neonazis gehen könnte. In ihrem bizarren Film werden gleich in der zweiten Minute Originalszenen vom Tatort aus der TV-Berichterstattung gezeigt. Zudem wird eine rotlackierte Dose mit Sternenmuster ins Bild montiert, versehen mit der Schrift "Das kleine Bömbchen". Die Bundesanwaltschaft gehe "greifbaren Hinweisen" nach, dass es eine Verbindung zwischen den Zwickauer Neonazis und dem Sprengfallenanschlag geben könnte, sagt ein Sprecher.

Berlin 2002 - Anschlag auf jüdischen Friedhof

Im März 2002 warfen Unbekannte eine Metallflasche mit Sprengstoff über die Mauer am Eingangsbereich des Jüdischen Friedhofs in Berlin-Charlottenburg. Sachschaden entstand unter anderem an der Trauerhalle. Die Polizei setzte eine Belohnung von 5000 Euro aus. Zeugen meldeten einen dunklen Pkw, der kurz nach dem Anschlag in falscher Fahrtrichtung durch eine Einbahnstraße gefahren sein soll. Doch die Täter wurden nie gefasst. Auch hier soll es jetzt wieder Ermittlungen geben.

Mit Material von dapd
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.