Zwischenfall bei Christmette Vatikan prüft Sicherheitsregeln nach Übergriff auf Papst

Sie stürzte bei der Christmette auf den Papst zu, er fiel zu Boden - der aufsehenerregende Übergriff der 25-jährigen Susanna M. im Petersdom soll Folgen haben. Ein Vatikan-Sprecher kündigte an, nun die Sicherheitsstandards zu prüfen. Für die geistig verwirrte Frau hat der Fall wohl nur milde Folgen.
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Christmette: Zwischenfall im Petersdom

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Rom - Der Vatikan wird nach dem Zwischenfall bei der Christmette an Heiligabend seine Sicherheitsstandards überprüfen. Die Sicherheit des Papstes könne nicht hundertprozentig gewährleistet werden, wenn man nicht wolle, dass eine Mauer zwischen dem Pontifex und den Gläubigen gezogen werde, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Benedikt XVI. wolle auf die Menge zugehen, das Sicherheitspersonal könne also solche Vorfälle nicht immer verhindern - aber man werde jetzt trotzdem "die Vorgänge ansehen und versuchen, aus der Erfahrung zu lernen".

In welche Richtung dabei gedacht wird, sagte er nicht. Bisher kann jeder, der eine Eintrittskarte ergattert, zu päpstlichen Messen gehen. Eine Identifizierung ist nicht nötig, man muss nur einen Metalldetektor passieren. Auf diese Weise gelangte bei der Christmette auch Susanna M. in den Petersdom. Als dann der Papst in der feierlichen Prozession einzog, sprang die 25-jährige geistig verwirrte Frau über die Holzabsperrungen und schaffte es, Benedikt XVI. zu berühren, bevor sie gestoppt wurde. Der Papst stürzte im folgenden Gemenge - konnte aber danach unverletzt die zweistündige Messe halten und an diesem Freitag den Weihnachtssegen "Urbi et Orbi" ("Der Stadt und dem Erdkreis") spenden.

Lombardi verteidigte die Bodyguards. Es sehe aus, als hätten sie "zum frühestmöglichen Zeitpunkt eingegriffen, in einer Situation, in der es kein Nullrisiko geben kann".

Schon der zweite Übergriff von Susanna M. binnen einem Jahr

Es war allerdings schon das zweite Mal, dass Susanna M. bei der Christmette zum Papst vorzudringen versuchte. Vor einem Jahr wurde sie noch rechtzeitig von Bodyguards gestoppt. Dass nun eine solche Wiederholung des Übergriffs möglich war, hat eine Debatte über die Sicherheitsregeln im Vatikan ausgelöst. Es geschieht öfter, dass katholische Gläubige versuchen, näher als erlaubt an den Papst heranzukommen. 2007 erreichte ein ebenfalls geistig verwirrter Deutscher auf dem Petersplatz nach einem Sprung über eine Absperrung das Heck des päpstlichen Fahrzeugs, bevor er gestoppt wurde.

Susanna M., die sowohl die italienische als auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, wurde unmittelbar nach dem Vorfall festgenommen und verhört. Im Moment ist sie in ärztlicher Behandlung. Dem Vatikan zufolge ist die junge Frau psychisch labil und muss sich "notwendigen Untersuchungen" unterziehen. Sie sei in eine Klinik gebracht worden. Ersten Ermittlungen zufolge hatte sie keine bösen Absichten - sondern soll gesagt haben, sie habe den Papst nur umarmen wollen. Sie habe keinen besonders gefährlichen Eindruck gemacht, sagte Sprecher Lombardi. Er wisse nicht, ob juristische Schritte gegen die Angreiferin folgen: "Die Justiz des Vatikans ist im allgemeinen sehr gnädig."

"Insgesamt aufmerksamer sein"

Die Frage ist, wie viel der Vatikan aus den Attacken der vergangenen Jahre gelernt hat - so wurde der Übergriff von Susanna M. vor einem Jahr vom Vatikan nicht weiter verfolgt und als unerheblich abgetan. Roms Bürgermeister Gianni Alemanno sprach von "merkwürdigen Zufällen" bei den jüngsten Zwischenfällen und forderte, "insgesamt aufmerksamer zu sein". In einer offenen Welt "kann die Zahl unausgeglichener Menschen und deren Aggressivität anschwellen". Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi forderte nach dem Vorfall im Vatikan und dem tätlichen Angriff auf ihn selbst ein Ende des "Hasses"

Für den Papst gelten vor allem seit dem Anschlag auf Johannes Paul II. 1981 erhöhte Sicherheitsstandards. Der Attentäter Ali Agca hatte damals Benedikts Vorgänger auf dem Petersplatz mit mehreren Schüssen niedergestreckt und schwer verletzt. Danach wurden die Vorschriften verschärft; Johannes Paul II. und Agca söhnten sich später aus. Agca sitzt wegen anderer Taten noch bis Mitte Januar in der Türkei im Gefängnis.

Ernsthaft verletzt wurde bei dem Zwischenfall mit Susanna M. an Heiligabend der 87-jährige französische Kardinal Roger Etchegaray. Er stürzte ebenfalls, erlitt einen Oberschenkelhalsbruch und muss nun operiert werden. Ihm geht es laut Vatikan den Umständen entsprechend gut.

Weihnachtsgruß in 65 Sprachen

Der Papst selbst hat zu dem Übergriff nicht Stellung genommen - und auch bei der Verlesung des Weihnachtssegens an diesem Freitag ließ er sich nichts anmerken. Vor Zehntausenden Gläubigen und Touristen auf dem Petersplatz erteilte er am Mittag den Segen "Urbi et Orbi". In seiner Ansprache mahnte er, die "Logik der Gewalt und Rache" aufzugeben und die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen zu achten. Das solidarische "Wir" der Kirche, der weltweiten Familie der Christen, könne der von Krisen gezeichneten Menschheit Hoffnung geben. Wer durch Hunger, Intoleranz oder die Zerstörung der Umwelt aus seiner Heimat vertrieben werde, müsse Aufnahme finden, sagte der Papst.

Benedikt sprach von der Menschheit, "die tief von einer schweren wirtschaftlichen, aber mehr noch von einer moralischen Krise und den schmerzlichen Wunden von Kriegen und Konflikten gezeichnet ist". Es seien aber alle trotz der Tragödien, Prüfungen und Schwierigkeiten zur Hoffnung berufen: "In Europa und in Nordamerika spornt das 'Wir' der Kirche dazu an, eine egoistische und technokratische Mentalität zu überwinden."

Außerdem geht es dem Papst darum, "das Gemeinwohl zu fördern und die schwächsten Personen, beginnend mit den noch nicht Geborenen, zu achten". Bei Konflikten etwa in asiatischen Ländern könne die Kirche "Sauerteig der Versöhnung und des Friedens" sein. Dann fügte er in 65 Sprachen Weihnachtsgrüße hinzu.

Auf Deutsch sagte das Oberhaupt der Katholiken: "Die Geburt Jesu Christi, des Erlösers der Menschen, erfülle euer Leben mit tiefer Freude und reicher Gnade; sein Friede möge in euren Herzen wohnen. Gesegnete und frohe Weihnachten!"

plö/amz/jwi/APD/AP/dpa/AFP
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