Kampf im Cockpit "Ich will nicht sterben"

Es ist das Dokument eines dramatischen Kampfes. Im Terror-Prozess gegen Zacarias Moussaoui wurde erstmals die Tonbandaufnahme aus dem Cockpit des United-Airlines-Flugs 93 öffentlich vorgespielt - dem Jet, in dem am 11. September 2001 Passagiere mit den Entführern um ihr Leben kämpften.


Alexandria - Die Aufnahme dauert 31 Minuten. 31 Minuten voller Dramatik, Stimmen in Todesangst und Geschrei. Heute wurden Gericht und Zuschauer im Justizsaal im US-amerikanischen Alexandria Zeugen der Ereignisse in der Maschine, die in Pennsylvania auf einem Feld zerschellte.

Absturzstelle in Shanksville, Pennsylvania: "Wenn sie alle kommen, dann machen wir Schluss"
AP

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Mit dem von der Anklage vorgelegten Tondokument soll die Jury überzeugt werden, dass der Angeklagte Zacarias Moussaoui die Todesstrafe verdient. Der Franzose, der einen Monat vor den Anschlägen in den USA festgenommen worden war, hatte sich selbst bezichtigt, für die Anschläge eingeplant gewesen zu sein: Er habe eine fünfte Maschine in das Weiße Haus lenken sollen.

Der Mitschnitt beginnt mit einer Ansage der Entführer: "Meine Damen und Herren, das ist der Kapitän (...) Wir haben eine Bombe an Bord, bleiben Sie sitzen." An anderer Stelle fordert einer der Entführer einzelne Passagiere mit harschem Ton auf: "Beweg dich nicht", "Halt's Maul", "Setz dich hin", "Runter, runter, runter". Dann spricht einer der Entführer ein Gebet: "Im Namen Allahs, des Allerbarmers und Barmherzigen." Später fleht eine Flugbegleiterin: "Bitte, tue mir nichts." Eine andere Stimme sagt drei Mal hintereinander: "Ich möchte nicht sterben."

In dem Band sind deutlich die Geräusche eines heftigen Kampfes zwischen Passagieren und Luftpiraten zu hören. Auf einem gleichzeitig mit der 31-minütigen Tonbandaufnahme gespielten Computersimulation ist zu sehen, wie die Flügel der Maschine wild zu schwanken zu beginnen, als einer der Hijacker das Flugzeug unter Kontrolle zu halten versucht. Eine englische Stimme sagt: "Kommt jetzt, wir schnappen sie uns." Danach ist zu hören, wie Passagiere an die Tür des Cockpits hämmern, um dort einzudringen. Ein arabische Stimme fragt: "Sollen wir die Sache beenden?" Eine andere antwortet: "Wenn sie alle kommen, dann machen wir Schluss." Nach den letzten Schreien bricht dann die Aufnahme ab.

Schon zuvor hatte die Staatsanwaltschaft ein Tonband der Bodenkontrolle vorgespielt, um das Ende des United-Airlines-Flugs 93 zu dokumentieren. "Mayday! Mayday! Raus hier", ist darauf der Notruf eines der beiden Piloten zu hören. Bei dem Absturz kamen alle 33 Passagiere, sieben Besatzungsmitglieder sowie vier Terroristen ums Leben. Nach Einschätzung der Behörden hatten die Luftpiraten die Maschine nach Washington fliegen wollen, wo sie wahrscheinlich in das Kapitol, den Sitz des Kongresses, stürzen sollte.

Nachdem die Anklage ihre Präsentation beendete, ist nun die Verteidigung an der Reihe. Moussaouis Anwälte wollen nachweisen, dass der 37-Jährige geistig nicht zurechnungsfähig und keineswegs von der Terrororganisation al-Qaida für den 11. September eingeplant gewesen sei.

Dazu haben sie die Vorladung des "Schuhbombers" Richard Reid beantragt, der in den USA eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Der Brite war im Dezember 2001 festgenommen worden, weil er während eines Transatlantik-Flugs Sprengstoff in seinen Schuhen verborgen hatte. Laut Moussaoui war Reid ursprünglich mit ihm zusammen für den angeblichen Angriff mit einer fünften Maschine vorgesehen.

Wegen der Schuldbekenntnisse des Franzosen geht es in dem Prozess nur noch um die Entscheidung zwischen der Todesstrafe und lebenslanger Haft. Es handelt sich um den bisher ersten Prozess in den USA zum 11. September.

str/AFP/dpa


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