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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Kampfname Sepp

Ein bayerischer Grüner und seine Rebellion gegen US-Bier
aus DER SPIEGEL 29/2004

Es geht darum, die Welt zu verändern, und in so einem Fall ist es das Beste, möglichst gelassen zu bleiben. Vor Sepp Dürr stehen drei Körbe mit Brezen und eine Flasche Adelholzener Mineralwasser. Der Himmel draußen leuchtet so anmaßend blau, wie er es nur in München tut. Amerika ist weit weg.

»Ich war schon mal da und habe mir die Brauereien angeschaut«, sagt Sepp Dürr, »die waren alle sehr nett in St. Louis.« Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück. »Aber das Bier kannst nicht saufen.«

Er sagt »saufen«, der promovierte Germanist Sepp Dürr, 50, »Dr. Josef Dürr«, so steht es auf seiner Visitenkarte, »Die Grünen im Bayerischen Landtag, Fraktionsvorsitzender«. Ein Mann mit dunkelgrauen Haaren und einem dunkelgrauen Hemd und einem Gesicht, das von Falten durchzogen wird, die einen an Gebirgsspalten erinnern, und wenn er lacht, dann werden diese Gebirgsspalten noch ein wenig tiefer.

Sepp Dürr ist ein Mann, der sich einen großen Gegner ausgesucht hat. Er schaut gesund aus. Er weiß, dass er nicht gewinnen wird.

Es ist ein sehr bayerischer Kampf, den Sepp Dürr da kämpft. Es geht ums Bier. Genauer, es geht um McBier.

Zurzeit wird im Münchner Olympiastadion bayerisches Bier ausgeschenkt. 2006, beim Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft, wird in der Münchner Allianz-Arena Bier der Firma Anheuser-Busch ausgeschenkt werden, mit Sitz in St. Louis, Missouri.

Das US-Budweiser zum Beispiel, das weltweit meistverkaufte Bier. Oder Bud Light, Bud Dry, Bud Ice. Oder Michelob Ultra, Michelob Honey Lager, Michelob Amber Bock. Oder natürlich ZiegenLight, das texanische Spezialbier, das leichter sein soll und voller.

»Noch nicht einmal Milch darf dann im Stadion ausgeschenkt werden«, sagt Sepp Dürr. Er sagt es nur halb als Scherz.

Seit 1986 ist Anheuser-Busch offizieller Sponsor der Fußballweltmeisterschaften. So erreichen sie, sagen sie, »die Millionen von erwachsenen Biertrinkern in Schlüsselmärkten«. Vor irgendwelchen Problemen mit bayerischen Politikern haben sie nichts gehört. Sie werden auch keine Probleme bekommen.

Tony Ponturo heißt der Mann, der dafür sorgen wird, Vizepräsident und bei Anheuser-Busch zuständig für »Global Media & Sports Marketing«. Der Mann, den Sepp Dürr eigentlich bekämpfen müsste. Aber Tony Ponturo sitzt nun mal in St. Louis. Also hält sich Sepp Dürr an Edmund Stoiber und Monika Hohlmeier. »Bayern«, sagt Dürr, »ist überfraktionell.« Was er meint: Bayern soll weltoffen sein, Bayern gehört nicht allein der CSU.

Zwei Anfragen hat er gestellt im Landtag. Es geht ihm dabei nur bedingt um den Geschmack des Bieres. Es geht ihm ums Bewusstsein, ums richtige Bewusstsein. Und da kennt Sepp Dürr sich aus.

Er hat die Welt schon öfter mal verändern wollen. Er hat beim Großen angefangen; jetzt ist er beim Kleinen angekommen.

Als Sepp Dürr es das erste Mal versuchte, da ging es um die Darstellung der Welt. Es ging um Georg Lukács, das war Dürrs Promotionsthema, es ging um die Romantheorie, den sozialistischen Realismus und die Frage, warum der Inhalt von Literatur wichtiger sein sollte als die Form. »Die Zeiten der einfachen Wahrheiten«, sagt Dürr, »waren damals aber auch schon längst vorbei.«

Seine Hände sind fest und massiv. Er war einmal Bauer, Anfang der achtziger Jahre, als er den elterlichen Hof übernahm. Damals wollte er zum zweiten Mal die Welt verändern. Er hat den Hof auf biologischen Anbau umgestellt. 1998 wurde er in den Landtag gewählt. Aber Bauer bleibt man immer. Sogar, wenn man in die Politik gerät. Und bei fränkischen Bratwürsten landet und bei bayerischem Bier.

Was denn die Staatsregierung zu tun gedenke, um bei der WM 2006 »die bayerische regionale Identität gebührend herauszustellen«, war Dürrs einfache Frage im Landtag. »Task Force WM 06«, war die einfache Antwort.

Die Task Force soll dafür sorgen, dass es gelingt, »den Geist des Artikels 3 der Bayerischen Verfassung, durch den sich der Freistaat im Weitesten als ,Kulturstaat' definiert, einer breiten Öffentlichkeit darzustellen«.

Es wird also Trachtengruppen und Volkstanz geben, es wird Foto-CDs geben für die Journalisten und das Festival »Young & Free« für die Schüler, es wird »Großbildprojektionen« geben und eine »Servicekampagne«.

Bayerisches Bier wird es nur außerhalb der »Werbebannmeile« geben. Sepp Dürr wusste, wie die Sache ausgehen würde. Er wird weiterkämpfen.

So wie damals wegen der Visitenkarte. Das war das dritte Mal, dass Sepp Dürr etwas an der Welt verändern wollte. »Dr. Josef Dürr« steht auf der Karte, die er einem gibt. Er nimmt sie noch einmal, holt einen Kugelschreiber aus der Schublade, streicht den Josef weg und schreibt Sepp darüber. »Sepp«, sagt er, »ist mein Kampfname.«

Erst wollte das die Landtagsverwaltung nicht akzeptieren. Dann hat Sepp Dürr den Parlamentspräsidenten überzeugt.

Das sind die kleinen Siege, Siege des bayerischen Realismus. »Ich heiße Sepp«, sagt er, und er sagt es sehr gelassen, »weil ich von hier bin.« GEORG DIEZ

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