Kapitän der "Costa Concordia" Beim Unglück auf der Brücke

Für die Staatsanwaltschaft steht der Schuldige der Kreuzfahrtschiff-Katastrophe fest. Kapitän Francesco Schettino habe skrupellos, waghalsig und unentschuldbar gehandelt, als er die "Costa Concordia" auf die Felsen steuerte. Die seien deutlich auf Seekarten eingezeichnet.

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Hamburg - Die italienische Regierung hat nach der Havarie der "Costa Concordia" vor der Westküste des Landes den Notstand ausgerufen. Flüssigkeit sei aus dem Schiff ausgetreten, aber es sei noch unklar, ob es sich um Treibstoff handele, sagte Umweltminister Corrado Clini. Barrieren würden eingesetzt. "Wir setzen die Überwachung fort, um gegebenenfalls Umweltrisiken zu vermeiden", so der Minister in einer Pressekonferenz. Die Verhängung des Notstands ermöglicht, dass staatliche Mittel für die Bergung des Schiffs eingesetzt werden.

Kapitän Francesco Schettino sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft fand für das Verhalten des Schiffsführers deutliche Worte. "Wir sind betroffen von der Skrupellosigkeit des waghalsigen Manövers", das zur Havarie des Kreuzfahrtschiffs geführt habe, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio am Montag in Rom. Das Verhalten Schettinos sei "unentschuldbar".

Der für die Ermittlungen zuständige Staatsanwalt widersprach der Darstellung Schettinos, die Felsen, auf die die "Costa Concordia" aufgelaufen war, seien nicht auf Seekarten eingezeichnet. Tatsächlich sind auf den Seekarten eines Instituts der italienischen Marine in Genua mehrere kleine Felsen rund um eine größere Felsgruppe namens "Le Scole" nahe der Insel Giglio eingezeichnet.

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Kapitän Schettino: "Skrupelloses und waghalsiges Verhalten"
Das Kreuzfahrtschiff war am Freitagabend gegen einen Felsen gelaufen, leckgeschlagen und schließlich auf die Seite gekippt. Bis Montag wurden sechs Todesopfer geborgen, mehrere Menschen wurden noch vermisst. Zunächst war von 14 Personen die Rede, am Abend korrigierten die italienischen Behörden die Zahl auf 29 Vermisste. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Kommandanten wegen fahrlässiger Tötung, vorzeitigem Verlassen des Schiffs sowie Herbeiführung von Schiffbruch. Schettino soll am Dienstag verhört werden.

Toskanische Gefängnisbehörden teilten mit, der Kapitän sei in seiner Zelle auf Sichtüberwachung und werde auch psychologisch betreut. Sein Anwalt berichtete laut Ansa, sein Mandant sei "am Boden zerstört und konsterniert" angesichts der Ereignisse am Freitag vor der Insel. Er habe das Schiff in der Not noch in niedrigere Gewässer geführt.

Kapitän zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke

Die Reederei ging am Montag auf Distanz zu ihrem Kapitän. "Es gibt nur einen einzigen Menschen, das ist der Kapitän, der die Route ändern kann", sagte Heiko Jensen, der Chef von Costa Deutschland, am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Hamburg. Aktuell stelle es sich so dar, dass Kapitän Schettino die Route eigenmächtig geändert habe.

Fehler bei technischen Steuerungssystemen seien ausgeschlossen. "Wir können bestätigen, dass der Kapitän zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke war und das Schiff manuell bedient hat", sagte Jensen weiter. Falsche Seekarten waren nach Ansicht von Costa Kreuzfahrten nicht die Ursache für die Havarie der "Costa Concordia". Der Felsen sei auf den Karten eingezeichnet, betonte auch Jensen.

Einem Facebook-Eintrag zufolge steuerte Kapitän Schettino die "Costa Concordia" aus einem bestimmten Grund so nah an die Insel: Die Schwester des Oberkellners des Kreuzfahrtschiffs impliziert in ihrem Eintrag, der Kapitän habe das Schiff dorthin gelenkt, damit Antonello T. seine Familie grüßen konnte.

"Menschliches Versagen"

Jensen erklärte, die Einschätzung des Kapitäns habe bei dem Unglück nicht "den von Costa vorgegebenen Standards" in einem solchen Notfall entsprochen. Die Crew dagegen habe bei der Rettung der mehr als 4000 Passagiere sehr umsichtig gehandelt.

Auf die Frage, ob es künftig mehr Schulungen geben wird, um Chaos zu vermeiden, sagte Jansen: "Im Moment gibt es kein Indiz dafür, dass irgendwelche Sicherheitsstandard an Bord zu dem Unglück geführt haben." Es gebe für alle Schiffe vorgeschriebene Maßnahmen. So müsse jedes Crewmitglied alle 14 Tage eine Evakuierungsübung durchführen und habe eine feste Aufgabe an Bord. "Nach jetzigem Stand scheint es menschliches Versagen der Schiffsführung zu sein", so Jensen.

Zuvor war bereits Costa-Chef Peri Luigi Foschi in Rom auf Distanz zu dem Kapitän gegangen. Alle Schiffe der Gesellschaft hätten die Routen einprogrammiert. Ein Alarm werde ausgelöst, wenn man sie ändere, sagte Foschi laut BBC. "Diese Route war richtig eingegeben", so der Costa-Boss. "Die Tatsache, dass das Schiff die Route geändert hat, ist ausschließlich einem Manöver des Kapitäns zuzuordnen, das von Costa nicht genehmigt, nicht autorisiert und uns nicht bekannt war." Die Gesellschaft werde Schettino die nötige Unterstützung zukommen lassen, müsse aber die Tatsachen akzeptieren. "Wir können nicht leugnen, dass es sich um menschliches Versagen handelt", sagte Foschi.

Rettungsarbeiten mussten unterbrochen werden

Die Suche nach Überlebenden und Opfern musste am Montag aus Sicherheitsgründen stundenlang unterbrochen werden. Auch für die Nacht wurde sie wieder eingestellt, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari. Wenn sich das Schiff wie am Morgen bewege, könne das gefährlich für die Rettungsmannschaften sein, so Cari. Er könne nichts über die Chancen sagen, noch Überlebende zu finden.

Insgesamt waren zum Zeitpunkt des Unglücks nach Angaben von Jensen 566 deutsche Passagiere an Bord, die meisten von ihnen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Die meisten der deutschen Reisenden seien inzwischen in die Heimat zurückgekehrt. Zwölf Deutsche werden nach Polizeiangaben noch vermisst, darunter ein Paar aus Berlin, ein Paar aus Nordrhein-Westfalen sowie fünf Senioren aus Hessen, zwei Frauen aus Baden-Württemberg sowie eine Frau aus Bayern.

Costa betonte am Montag, nun ständen vor allem die betroffenen Passagiere und ihre Angehörigen im Fokus und sagte jede Form der Hilfe zu. "Wir sind kontinuierlich mit den Familien in Kontakt. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit dem Auswärtigem Amt zusammen", so Jensen.

Die von dem Schiffsunglück betroffenen Passagiere sollen nach Angaben Jensens entschädigt werden: "Wir nehmen mit jedem einzelnen Gast Kontakt auf." Urlauber, die wegen des Ausfalls des Schiffs ihre Reisen derzeit nicht antreten könnten, bekämen den Reisepreis erstattet und erhielten einen Gutschein für eine kostenlose neue Kreuzfahrt.

siu/dpa/Reuters

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