Kapruner Tunnelkatastrophe Landgericht nennt Theorie über illegale Umbauten Unsinn

Illegale Umbauten in der Standseilbahn von Kaprun sollen zu der Katastrophe geführt haben, bei der 155 Menschen auf dem Weg ins Skigebiet starben. Dies schreibt ein österreichisches Magazin. Kommentar des Salzburger Landgerichts: "Unsinn von vorn bis hinten".


November 2000: Bergungsarbeiten in Kaprun
DPA

November 2000: Bergungsarbeiten in Kaprun

Wien - Bei den Ermittlungen zum verheerenden Seilbahn-Unglück im österreichischen Kaprun verdichten sich Hinweise, dass illegal hinter der Heizung eingebaute Holzplatten die Brandkatastrophe ausgelöst haben. Das berichtet das in Wien erscheinende Nachrichtenmagazin "Profil" am Montag unter Berufung auf geheim gehaltene Akten des Salzburger Landesgerichts. Beim Brand der Standseilbahn in einem Tunnel unterhalb des Kitzsteinhorns waren am 11. November 155 Menschen verbrannt, darunter 37 Deutsche.

Das Salzburger Landesgericht hat diese Behauptungen als "Unsinn von vorn bis hinten" zurückgewiesen. "Dafür gibt es von keinem Sachverständigen eine konkrete Aussage", erklärte der Gerichtspräsident Walter Grafinger am Dienstag. "Bisher sind keine Schlussfolgerungen möglich und dem Gericht auch nicht bekannt". Eine amtliche Erklärung zur Unglücksursache werde es erst "im Sommer" geben, sagte Grafinger.

"Profil" schreibt, der mittlerweile pensionierte Zugbegleiter der Seilbahn, Walter Steiner, habe am 5. Januar bei einer polizeilichen Vernehmung über eine Untersuchung des im Tunnel steckenden, verschont gebliebenen Zugs berichtet: "Ein Kriminaltechniker gab uns den Auftrag, den eingebauten Heizlüfter freizulegen. (Der Elektromeister) Kellner und ich schraubten die Verblendung (Aluplatte) ab. Nach der Abnahme dieser Aluplatte stellten wir fest, dass dahinter eine Holzverkleidung mit eingeklemmter Telwolle angebracht war." Das Magazin "Profil" folgert aus diesem Bericht, der Brand müsse durch einen Defekt am Heizstrahler entstanden sein. "Zündquelle" seien die "illegal eingebauten Holzplatten" gewesen.

Kaprun: Starben 155 Menschen, weil gepfuscht wurde?
AFP

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Zunächst waren die Ermittler auch dem Verdacht nachgegangen, das Feuer sei durch ein heiß gelaufenes Radlager entstanden. Eine weitere Theorie lautete, aus den Schienenzangenbremsen sei Hydrauliköl ausgeflossen und habe sich erhitzt. Diese beiden Varianten würden mittlerweile offiziell ausgeschlossen, schreibt "Profil"unter Berufung auf Stellungnahmen des Kaprun-Sachverständigen Edwin Engel von der Technischen Universität Wien.

Die Holzplatten an den Heizlüftern waren in der Wintersaison 1994/95 ohne behördliche Genehmigung eingebaut worden, da es während der Fahrt vom Boden her zu starker Zugluft kam, wie "Profil" schreibt. Die Lärchenholz-Verkleidung habe die Zugluft reduzieren sollen. Eingebaut habe die Holzplatten der Wagenbegleiter Alois E. im Auftrag des Maschinisten und stellvertretenden Betriebsleiters Manfred A. Alois E. sagte bei seiner Vernehmung auf die Frage, wer von dem Einbau gewusst habe: "Das gesamte Personal inklusive Betriebsleitung." Der Maschinist und Ersatzwagenbegleiter Rudolf S. sagte zudem aus, bei einer Tüv-Überprüfung 1997 "müssten diese nachträglichen Holzeinbauten hinter den Heizlüftern auch von den damaligen Prüfern gesehen worden sein".

Die Ermittler des Salzburger Landesgerichts haben einen Endbericht für die "zweite Jahreshälfte 2001" in Aussicht gestellt. Die Versicherungen haben mittlerweile Millionensummen an Begräbniskosten für die Opfer überwiesen. Der Bau einer neuen Seilbahn ist bereits in Planung.



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