Kardinal Marx über Missbrauchsgutachten »Wir sehen ein Desaster«

Kardinal Marx will im Amt bleiben – obwohl auch ihm im Münchner Missbrauchsgutachten Fehlverhalten vorgeworfen wird. Konkrete Maßnahmen lassen auf sich warten, Betroffenenvertreter sind sprachlos.
Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising (Archivbild): »Wir sehen ein Desaster«

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising (Archivbild): »Wir sehen ein Desaster«

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Mohssen Assanimoghaddam/ picture alliance/dpa

Eine Woche lang hat sich Kardinal Reinhard Marx Zeit genommen, um sich ausführlich zu den Ergebnissen der Missbrauchsstudie aus dem Erzbistum München und Freising zu äußern. Nach etwas mehr als anderthalb Stunden haben die Journalistinnen und Journalisten in der Pressekonferenz nur in einer Sache Klarheit: Der Erzbischof wird Papst Franziskus nicht erneut um seine Entlassung bitten. Vorläufig.

»Ich klebe nicht an meinem Amt«, sagte Marx in München. »Aber ein Rücktritt in der jetzigen Situation wäre eher ein Sich-aus-dem-Staub-Machen gewesen.« Solange er »hilfreich« sei, werde er sich weiter an der Missbrauchsaufklärung beteiligen. Wenn »andere« seinen Rückzug einforderten, sei er jedoch dazu bereit.

Darüber hinaus wurden auf der Pressekonferenz wie gewohnt jede Menge Betroffenheits- und Absichtserklärungen abgegeben. Die Frage nach personellen Konsequenzen aus den vernichtenden Erkenntnissen des knapp 1900 Seiten langen Gutachtens der Kanzlei Westphal Spilker Wastl fördert Erstaunliches zutage.

Jeder Verantwortliche solle selbst prüfen, wo er sich schuldig gemacht und welche Folgen er daraus zu ziehen habe, erklärte Marx. Prälat Lorenz Wolf, der im Gutachten stark kritisiert wird, habe ihm mitgeteilt, dass er alle Ämter und Aufgaben ruhen lassen werde. Dies habe er akzeptiert.

»Business as usual«

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks bestätigte, dass Wolf auch sein Amt als Vorsitzender des Gremiums ruhen lassen werde. FDP und Grüne hatten zuvor seinen Rücktritt gefordert. Erzbischof Marx hingegen delegiert notwendige personelle Konsequenzen unter Voraussetzung einer gewissen Freiwilligkeit nach unten.

»Niemand übernimmt persönliche Verantwortung«, fasst Kirchenrechtler Thomas Schüller die Ergebnisse zusammen. »Das Erzbistum München-Freising geht in den normalen Verarbeitungsmodus über und macht auf business as usual.« Verantwortung werde vergemeinschaftet und die Betroffenen und Gläubigen würden in Mithaftung genommen. Das Ganze werde »garniert mit Lyrik des synodalen Weges«, den Marx als grundsätzliche Voraussetzung für jede Reform in der Kirche bezeichnete.

Auch die Laienvertreter von »Wir sind Kirche« konnten keinen Perspektivwechsel der Münchner Kirchenleitung erkennen. Es sei irritierend, »wie schwer es den Hauptverantwortlichen fällt, zu ihrer undelegierbaren persönlichen Verantwortung zu stehen und Schuld einzugestehen«. Die gelte in besonderem Maße für Prälat Lorenz Wolf, der das Gutachten grundsätzlich infrage stelle. »Es reicht nicht aus, dass er nur seine Ämter ruhen lässt.«

»Selbstzentriertes Gerede«

Zwar erklärte Marx die Missbrauchsaufarbeitung zur »Chefsache« – will sich aber offensichtlich nicht mit Personalfragen die Finger schmutzig machen. »Ich bin Teil des Systems«, sagte er. Und als Teil dieses Systems habe er viel dazugelernt in der Vergangenheit. »Ich habe doch nicht auf dem Mond gewohnt die letzten 25 oder 26 Jahre.«

Für Betroffenenvertreter klingt das wie Hohn. Es falle ihm schwer, »auf dieses selbstzentrierte Gerede von Kardinal Marx wirklich zu antworten«, sagte Matthias Katsch von der Initiative »Eckiger Tisch«. »Vor einer Woche ist das Schiff auf Grund gelaufen – heute erklärt uns der Kapitän, dass er unbedingt an Deck bleiben muss«, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Marx sei offensichtlich der Meinung, ohne die Bischöfe und ihn selbst gehe es nicht. »Ich bin wirklich mit meinem Latein am Ende.«

Mehr als dünn sind die Vorstellungen des Erzbistums, wie dem innerkirchlichen Missbrauch auch strukturell begegnet werden soll. Es gebe bis heute keine unabhängige Anlaufstelle für Missbrauchsopfer, beklagt Katsch. Weiterhin müssten Ehrenamtliche wie die Freiwilligen des Eckigen Tischs diese Arbeit erledigen. »Es gibt immer noch kein Opfergenesungswerk, es gibt immer noch keine faire, angemessene Entschädigung«, so Katsch.

Beim Thema Entschädigungen hielt sich Marx denn auch bedeckt. Die Zahlungen für erlittenes Leid seien in Deutschland recht gut geregelt, sagte er. Immerhin handele die Kirche bei Missbrauchsentschädigung »außerhalb eines rechtlichen Anspruchs«. Viele Betroffene seien unzufrieden, er hoffe, dass die verbliebenen Fälle in »großzügiger Weise« abgeschlossen würden. Dennoch ist es die Kirche selbst, die über die Höhe der Entschädigungen entscheidet – die Willkür bleibt, ebenso der Unwillen, tief in die Tasche zu greifen. Marx selbst hatte Ende 2020 bekannt gegeben, dass er 500.000 Euro aus Privatvermögen in die Stiftung »Spes et Salus« einfließen lasse, die laut Satzung einen Beitrag zur »Selbstermächtigung« der Betroffenen leisten will.

»Überraschend unkonkret«

Als »überraschend unkonkret« bezeichnet die Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, die Reaktion von Marx. Der Kardinal habe nicht ausgeführt, »wie nun genau die Unterstützung von Pfarrgemeinden aussieht, in denen Missbrauchstäter ihr Unwesen trieben«. Es fehlten insgesamt konkrete Beispiele für Veränderungen hier und heute. Auch, dass Marx keine klaren Worte zur Causa Ratzinger gefunden habe, sei enttäuschend.

Marx äußert sich nicht zum Fall Ratzinger

Das Münchner Gutachten hatte international Aufsehen erregt, weil auch der frühere Münchner Erzbischof und spätere Papst Benedikt XVI. belastet wird. Benedikt ließ mittlerweile einräumen, gegenüber den Gutachtern ohne böse Absicht und »aus Versehen« in einem Punkt eine falsche Angabe gemacht zu haben. Dabei geht es um seine Teilnahme an einer Sitzung im Januar 1980, in der über die Aufnahme eines Priesters in München gesprochen wurde, der zuvor Kinder missbraucht hatte. Insgesamt werfen die Gutachter Benedikt in vier Fällen Fehlverhalten vor, was er zurückweist. (Mehr dazu lesen Sie hier).

Zu den Vorwürfen gegen den emeritierten Papst wollte Marx sich nicht äußern. Er habe bisher keine Möglichkeit gehabt, das im Gutachten beschriebene mutmaßliche Fehlverhalten Joseph Ratzingers zu überprüfen. »Ich akzeptiere, dass er hier die Fakten anders interpretiert, dass er bedauert, und ich denke, er wird sich dazu dann im Ganzen noch einmal äußern. Das wäre auch gut.« Marx warnte vor voreiligen Schlüssen: »Ein Gutachten ist kein Gerichtsurteil und kein Geschichtsurteil«, so der Kardinal.

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) war zu dem Ergebnis gekommen, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Insgesamt sprechen die Gutachter von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern zwischen 1945 und 2019, sie gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus. Marx wird ein Fehlverhalten in zwei Fällen zur Last gelegt.

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Er werfe sich vor, dass er engagierter hätte handeln können und in einem Fall nicht aktiv auf Betroffene zugegangen zu sein, sagte Marx. Es sei für ihn persönlich unverzeihlich, die Betroffenen übersehen zu haben. »Ich war und bin nicht gleichgültig.«

Für viele Menschen sei die Kirche ein »Ort des Unheils« gewesen. Diese »dunkle Seite« gehöre für immer zu einem realistischen Blick auf die Institution. Das aktuelle Gutachten habe der Kirche einen Spiegel vorgehalten: »Wir halten dem stand und relativieren nicht«, sagte der Kardinal. »Wir sehen ein Desaster.«

Mit Material von dpa