SPIEGEL ONLINE

Kardinal Meisner zu Muslimen-Kritik "Meine Wortwahl war unglücklich"

Bundesregierung, Muslime in Deutschland, Landespolitiker: Von allen Seiten hagelt es Kritik an Kölns Kardinal Meisner. Der hatte bei einer Veranstaltung vor Katholiken gesagt, eine katholische Familie ersetze ihm drei muslimische. Jetzt äußerte er sein Bedauern - über seine Wortwahl.

Köln - "Ich sage immer, eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien." Für seine Äußerung gegenüber der katholisch-konservativen Bewegung Neokatechumenaler Weg ist der Kölner Kardinal Meisner von Vertretern der Muslime sowie der Bundesregierung scharf kritisiert worden. In einer Mitteilung sagte der Erzbischof nun, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, Menschen anderen Glaubens damit zu nahe zu treten.

"Bedauerlicherweise hat meine Äußerung über muslimische Familien für Irritationen gesorgt", heißt es in einer Stellungnahme des Geistlichen. "Meine Wortwahl war in diesem Fall vielleicht unglücklich." Seine Äußerung wolle er "als Wertschätzung für Familien" verstehen, "in denen der Glaube lebt und fruchtbar wird".

Der Zentralrat der Muslime hatte sich über Meisners Worte fassungslos gezeigt, im "Kölner Stadt-Anzeiger" sprach der Vorsitzende Aiman Mazyek  von "Sarrazin-ähnlichen Äußerungen". Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung äußerte ebenfalls ihr Unverständnis.

Sven Lehman, Vorsitzender der NRW-Grünen, sagte SPIEGEL ONLINE: "Lasset die Kinder zu mir kommen, denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich - so heißt es im Neuen Testament. Für Herrn Meisner gehören muslimische Kinder offenbar nicht dazu." Mit seinen Worten zeige Meisner einmal mehr, dass er nicht zu einer Metropole der Vielfalt wie Köln passe und nie gepasst habe.

Auch Vertreter der Landesregierung von NRW ärgerten sich über Meisner: Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) zeigte sich "sehr enttäuscht, dass ein führender Repräsentant der katholischen Kirche Menschen unterschiedlichen Glaubens gegeneinander ausspielt". NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte: "Eine abgestufte Wertigkeit von Familien und damit von Kindern je nach Herkunft oder Religionszugehörigkeit verstößt nicht nur gegen unsere Verfassung, sie ist auch alles andere als christlich." Löhrmann ist auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

"Ich habe schon verschiedentlich gesagt, dass muslimische Familien unserer überalternden Gesellschaft in manchem ein Beispiel geben", tritt Meisner dem entgegen. Er habe lediglich das beispielhafte Wirken des Neokatechumenalen Wegs hervorheben wollen. "Dort erlebe ich eine außergewöhnliche Glaubenskraft, die für die Weitergabe des Glaubens vorbildlich ist." Die Familie sei für die "Weitergabe des christlichen Glaubens unersetzlich".

Meisner hatte am 24. Januar im Rahmen einer Buchvorstellung vor Mitgliedern der katholischen Bewegung Neokatechumenaler Weg im Kölner Maternushaus gesprochen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand dem Kölner Erzbistum zufolge der Vortrag des Spaniers Kiko Argüello, der den Neukatechumenalen Weg 1964 gegründet hatte.

Die Glaubensbewegung ist vom Vatikan anerkannt. Erst im September 2013 empfing Papst Franziskus Argüello in Rom. Nach eigenen Angaben ist der Neukatechumenale Weg in 105 Nationen und mehr als 900 Diözesen vertreten. Demnach gibt es weltweit über 20.000 Gemeinschaften und mehr als 70 Priesterseminare. Die Anhänger haben es sich zur Aufgabe gemacht, Christen langfristig zu begleiten - meist in einer kleinen Gemeinschaft. Kritiker werfen der Gruppe konservative Anschauungen vor.

Laut domradio.de waren rund 800 Menschen bei der Veranstaltung, darunter auch sieben Bischöfe und der deutsche Kurienkardinal Paul Josef Cordes.

gam/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.