Karneval am Rhein "Schunkeln wird es nicht geben"

Kann man bei Corona an Karneval denken? Jens Spahn mag es sich "nicht vorstellen". In Bonn-Beuel, der Wiege der Weiberfastnacht, können die Jecken das sehr wohl. Ein Anruf bei der Obermöhn Ina Harder.
Ein Interview von Judith Horchert
Karnevalist im Rheinland: Knutschen und Singen sind in der Corona-Zeit eher problematisch

Karnevalist im Rheinland: Knutschen und Singen sind in der Corona-Zeit eher problematisch

Foto: Volker Hartmann / ddp images/dapd

SPIEGEL: Frau Harder, wir sind mitten in einer Pandemie - und die Rheinländer bereiten ein großes Fest vor. Wie laufen die Vorbereitungen für die Session in Beuel?

Harder: Momentan planen wir alles noch halbwegs normal. Wir haben ein Motto ausgewählt, die Karnevalsorden in Auftrag gegeben, und gerade wird das Kleid für die Wäscherprinzessin angefertigt. Wir proben für unsere Auftritte und hoffen, dass Karneval stattfinden kann, wenn auch diesmal in einer anderen Version. Schließlich ist Karneval bei uns ja nicht bloß eine große Party.

SPIEGEL: Sondern?

Harder: Wir Frauen hier in Beuel  feiern seit 1824 Weiberfastnacht am Donnerstag vor Rosenmontag. Angefangen hat alles mit einem Kaffeeklatsch, den die Wäscherinnen veranstaltet haben , während ihre Männer nach Köln gefahren sind und Karneval gefeiert haben. Heute feiern wir aber nicht nur, sondern besuchen auch Altenheime, Krankenhäuser und Kindergärten, um von dieser Tradition zu berichten. Das geht zwar derzeit nicht wie sonst, aber man kann sich durchaus etwas überlegen und sich zum Beispiel im Außenbereich treffen. Das Brauchtum lässt sich im Zweifel auch ohne Straßenkarneval pflegen.

Zur Person
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Max Malsch

Ina Harder, Jahrgang 1969, gilt in Bonn als karnevalistisches Urgestein. Die Gastronomin führt als Obermöhn das Alte Beueler Damenkomitee , einen Traditionsverein.

Dessen Gründerinnen, die Wäscherinnen auf der rechten Rheinseite, sollen vor fast 200 Jahren Weiberfastnacht erfunden haben, daran erinnert bis heute eine sogenannte Wäscherprinzessin. Nach wie vor gilt der Bonner Stadtteil am Rheinufer am Donnerstag vor Rosenmontag als Party-Hotspot.

SPIEGEL: Gesundheitsminister Jens Spahn soll gesagt haben, er könne sich die nächste Karnevalszeit "nicht vorstellen". Sie also schon?

Harder: Wenn wir uns ein wenig zurückbesinnen, schon. In den letzten Jahren ging es auch bei uns im Karneval immer um "mehr, höher, weiter". Aber man kann auch unter Corona-Auflagen einen Nachmittag zusammen verbringen, die Arbeit ruhen lassen und sich vom Alltag ablenken. Dann können eben vielleicht nur 50 Frauen zusammen in einem Saal sitzen.

SPIEGEL: Sie planen aber doch auch für 2021 eine große Sitzung im Januar?

Harder: Ja, unsere sogenannte Mädchensitzung mit 1200 Frauen. Die ist auch längst ausverkauft. Das Programm wird komplett über die Eintrittsgelder finanziert, man könnte die Gästezahl also auch nicht reduzieren. Vielleicht müssen wir sie um ein Jahr verschieben, vielleicht geht es aber auch irgendwie.

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SPIEGEL: In Heinsberg war es wohl eine Karnevalssitzung, die diese Region im Frühjahr zum Corona-Hotspot gemacht hat. Wie kann man in einem geschlossenen Raum mit so vielen Leuten feiern?

Harder: Natürlich nur mit einem entsprechenden Konzept. Vielleicht kann man sich Gedanken über Wege machen, die wie Einbahnstraßen in den Saal und wieder hinausführen. Es gibt ja auch inzwischen viele Auflagen, zum Beispiel, dass die Gläser bei mindestens 60 Grad gespült werden müssen.

SPIEGEL: Aber gehört zu Karneval nicht auch lautes Singen, was zur Verbreitung des Virus beiträgt?

Harder: Eigentlich schon. Aber das geht dann eben nicht, genauso wie das viele Küssen. Auch Schunkeln wird es nicht geben. Vielleicht müssen wir mehr Redebeiträge und weniger Musik einplanen. Ich glaube generell: Mit ein bisschen Respekt und Vorsicht kann man auch zusammen feiern. Allerdings will ich das Virus auch nicht kleinreden, im Gegenteil. Wir sind im Bekanntenkreis selbst betroffen, ich weiß durchaus, worum es hier geht.

"Ich habe Bewerbungen bis 2025 vorliegen"

SPIEGEL: Sie selbst waren auch bereits Beueler Wäscherprinzessin und Karnevalsprinzessin in Bonn. Wie muss das sein, wenn man nach jahrelangem Warten und Hoffen endlich Prinzessin wird - und dann fällt in dem Jahr Karneval aus?

Harder: Wir haben das lange mit der jungen Frau besprochen, die unsere künftige Prinzessin wird. Es kann sein, dass sie nur ein bisschen Karneval bekommt, vielleicht auch gar keinen richtigen. Sie möchte es aber trotzdem machen, es ist schließlich eine einmalige Gelegenheit. Ich habe für dieses Amt Bewerbungen bis 2025 vorliegen.

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SPIEGEL: Wenn nun doch der gesamte Karneval ausfallen sollte, könnte es sehr teuer für die Jecken werden, oder?

Harder: Natürlich. Um nur mal ein Beispiel zu geben: Allein das Kleid der Prinzessin kostet einen vierstelligen Betrag. Und an Karneval hängt eben auch das Einkommen vieler Menschen, angefangen bei der Toilettendame bis hin zu den Künstlern auf der Bühne. Ich bin selbst Gastronomin und betreibe eine Eckkneipe, in der nach den Veranstaltungen normalerweise gefeiert wird. Wir leben unter anderem vom Karneval.

SPIEGEL: Dicht gedrängter Kneipenkarneval ist aber derzeit erst recht nicht vorstellbar.

Harder: Natürlich nicht. Es wurden ja auch die Hochzeiten und Geburtstagsfeiern abgesagt. Da kommt auch Existenzangst auf, aber man kann ja nicht die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzen. Wir können eben gerade nicht so feiern wie früher, da müssen gerade wir Gastronomen auch ein bisschen für Sicherheit sorgen. Dafür dürfte es dann aber auch wieder mehr Kellerpartys geben.

SPIEGEL: Was denn für Kellerpartys?

Harder: Na, im eigenen Partykeller. Wenn man an die Siebziger zurückdenkt, haben die Leute nach dem Straßenkarneval einfach im kleinen Kreis zu Hause weitergefeiert.

"Ich möchte jetzt nicht mit Armin Laschet tauschen"

SPIEGEL: An Weiberfastnacht erobern Sie in Beuel zusammen mit den anderen Frauen traditionell das Rathaus, schicken die Politiker weg und übernehmen die Regie. Was würden Sie denn für die kommende Session entscheiden, wenn Sie politisch wirklich das Sagen hätten?

Harder: Gute Frage. Am besten sollte man einfach versuchen, einen Mittelweg zu finden, mit dem alle leben können. Aber egal, was man entscheidet, es wird immer Kritiker geben, die was daran auszusetzen haben. Ich möchte jetzt jedenfalls nicht mit einem Armin Laschet tauschen, auch wenn sich das Thema natürlich gut für den Wahlkampf eignet.

SPIEGEL: Vielerorts dürfte das Beharren auf den Karneval für Kopfschütteln sorgen. Außerhalb der Karnevalshochburgen können sich viele nicht vorstellen, warum das Ganze so ein großes Thema ist.

Harder: Genauso gibt es wahrscheinlich Karnevalisten, die sich nicht vorstellen können, dass das nächste Fußballspiel so ein großes Thema ist. Jeder Jeck ist anders.

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